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Bildung

Eine Privatschule - offen für alle

In Deutschland boomen die Privatschulen. Vor allem Eltern aus Bildungsbürgerfamilien interessieren sich dafür. Eine Berliner Schule dagegen will alle Kinder fördern. Egal woher sie kommen und wie reich ihre Eltern sind.

Schüler, die so begeistert lernen, dass sie die Schulklingel nicht mehr hören: Fiona Brunk hat erlebt, dass es sie gibt. Und zwar in einer der sogenannten

Brennpunktschulen

in Berlin-Wedding, einem Bezirk, in dem etwa zwei Drittel der Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien stammen. Dort arbeitet die promovierte Mathematikerin 2009 als Fellow der Bildungsinitiative

"Teach First"

. Begleitet Schüler bis zum Hauptschulabschluss, übt nachmittags mit ihnen für die Matheprüfungen. "Da saßen diese angeblich so bildungsfernen Schüler und arbeiteten konzentriert und hartnäckig. Einige haben sogar darum gebeten, dass ich samstags Mathematik anbiete."

Stefan Döring (links) und Fiona Brunk, Gründer und Geschäftsführer der Freien Quinoa-Schule Berlin-Wedding (Foto: Martin Arning)

Die Quinoa-Gründer Stefan Döring (links) und Fiona Brunk wollen eine Schule, die begeistert

Diese Erfahrung lässt Fiona Brunk nie los. 2011 beginnt sie, gemeinsam mit Stefan Döring, Pädagoge und Politologe, Volkswirt und Schulentwicklungsplaner, ein Konzept für eine Schule zu entwickeln, in der "den ganzen Tag über begeistertes und konzentriertes Lernen" möglich ist. Nur drei Jahre später ist es soweit: In diesen Tagen bezieht die neue

Quinoa-Schule

, eine Freie Schule in Trägerschaft der Montessori-Stiftung, ihre Räume. Hier sollen künftig Schüler der Klassen 7 bis 10 lernen, die, so der Wunsch, "die Sozialstruktur des Wedding abbilden". Konkret heißt das: Die meisten kommen aus sozial benachteiligten oder aus Familien mit Migrationshintergrund. Nach den Berliner Sommerferien beginnt für die ersten 26 Siebtklässler der Unterricht.

Privatschulboom in Deutschland

In Deutschland besucht inzwischen jeder elfte Schüler eine der rund 5500 Privatschulen. Im europäischen Vergleich rangiert Deutschland damit ziemlich weit hinten. In Frankreich besuchen rund 18 Prozent, in Spanien mehr als 30 Prozent der Schüler Schulen in privater Hand. Auch in Deutschland jedoch ist die Zahl der Privatschulen in den letzten Jahren enorm gestiegen - gegenüber dem Jahr 1992 um etwa 75 Prozent. Die meisten dieser Schulen werden allerdings von Kindern aus so genannten deutschen Bildungsbürgerfamilien besucht, die Wert auf kleine Klassen, individuelle Förderung und eine gute Ausstattung der Schulen legen. Und: die dafür zahlen können. Kinder aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund findet man an Privatschulen dagegen eher selten.

Freie Quinoa-Schule Wedding (Foto: Lou Mouw)

Hier bleibt niemand auf der Strecke: Im Klettergarten wird das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt

An der Quinoa-Schule dagegen sind sie ebenso willkommen wie alle anderen Schüler auch. Derzeit laufen Vertragsgespräche - mit Eltern wie Christiane Longo. Die 50-Jährige ist im Berliner Wedding aufgewachsen, aber dass Tochter Vanessa hier nach der 6. Klasse weiter zur Schule geht, das wollte sie eigentlich nicht. Der Ton unter den Schülern sei rauh, und Lehrern gelinge es oft nur mühsam, sich Respekt zu verschaffen, erzählt sie. "Wer still ist wie Vanessa oder wer in bestimmten Fächern besondere Förderung braucht, der bleibt hier auf der Strecke."

Praxisorientierter Unterricht

Vom Quinoa-Konzept allerdings war Longo gleich überzeugt: kleine Lerngruppen und individuelle Lernziele. Da viele

Kinder mit Migrationshintergrund

die Schule besuchen werden, soll es feste Schulfächer wie "Biografisches Theater" und "Interkulturelles Lernen" geben, in denen unter anderem Unterschiede in den Kulturen thematisiert und Regeln respektvollen Miteinanders diskutiert werden. Im kommenden Schuljahr wird es zudem Türkischunterricht geben, später auch Arabisch und Polnisch - je nach Schülerschaft.

Zwei Teilnehmerinnen der Herbstakademie der Freien Quinoa-Schule Berlin-Wedding (Foto: Friederike Faber)

Die Freie Quinoa-Schule will allen Schülern Spaß am Lernen vermitteln - egal woher sie kommen

Schon in der 7. Klasse sollen die Schüler Berufspraktika machen, die im Schulfach "Zukunft" ausführlich vor- und nachbereitet werden. Feste Tutoren sollen den Schülern helfen, ihre Stärken und Schwächen herauszufinden und die gesteckten Ziele zu verfolgen. Sie sollen zudem mit den Schülern all die Dinge besprechen, bei denen die Eltern nicht weiterhelfen können: weil sie zu schlecht Deutsch sprechen oder mit der Ausländerbehörde, dem Arbeitsamt oder anderen Problemen beschäftigt sind.

Wer die Schule beendet hat, ergänzt Quinoa-Sprecherin Klara Sucher, dem soll für weitere vier Jahre ein Mentor zur Seite stehen. "Unsere Arbeit ist erst beendet, wenn die Schüler entweder eine Berufsausbildung abgeschlossen oder die Berechtigung zum Hochschulstudium in der Tasche haben."

Sponsoren und Förderer weiter gesucht

Ihrer Tochter Vanessa, so hofft Christiane Longo, werden sich auf diese Weise Möglichkeiten eröffnen, die sie und ihr Mann, beide Hartz IV-Empfänger, ihr nicht bieten können: von Kontakten zu Ausbildungsbetrieben bis hin zu Kleinigkeiten wie bestimmten Dresscodes und Verhaltensnormen, die Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien meist ganz selbstverständlich mit auf den Weg bekommen. "Vanessa kann das neue Schuljahr kaum erwarten", sagt Christiane Longo.

Christiane Longo (links) bespricht mit Quinoa-Sprecherin Klara Sucher den Schulvertrag für Tochter Vanessa (Foto: DW/Lydia Heller)

Christiane Longo (links) geht mit Quinoa-Sprecherin Klara Sucher den Schulvertrag für ihre Tochter durch

30 Euro Essensgeld zahlen sie und ihr Mann für den Platz, Schulgeld fällt für sie nicht an. Eltern mit eigenem Einkommen zahlen den Beitrag gemäß der sozial gestaffelten Berliner Gebührentabelle für Kindertagesstätten, einen Teil der Kosten trägt der Berliner Senat. Um für alle Weddinger Jugendlichen offen zu sein - und um über dieses erste Schuljahr hinaus zu bestehen, ist das Quinoa-Team aber weiterhin auf Förderer und Sponsoren angewiesen. "Darum machen wir alle uns hier die größten Sorgen", so Longo. "Dass nach einem Jahr hier das Geld ausgeht. Und dass unsere Kinder dann nochmal ganz von vorn anfangen müssen."

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