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Kultur

Eine Politik gegen die Schöpfung

Die EU ist eine sinnvolle Einrichtung. Aber sie hat auch Nachteile, wenn sie den Interessen weniger Konzerne dient. Diederich Lüken beschreibt für die evangelische Kirche, was aus theologischer Sicht dagegen spricht.

Frühling und Regenbogen

Frühling und Regenbogen

Die EU will die Schöpfung einengen

"Da fällt es schwer, keine Satire zu schreiben", befand der römische Satiriker Juvenal (ca. 85-140), als er die Umstände seiner Zeit ins Visier nahm. Auch heutzutage möchte man manches mit einem ironischen oder sarkastischen Lächeln abtun, wenn die Gründe politischen Handelns nicht so durchsichtig und die Folgen nicht so schwerwiegend wären. Da mir also das Lachen bei einer politischen Entscheidung vergangen ist, bleibt mir nur eine Abwandlung des Juvenalschen Satzes: Es fällt schwer, keine gesalzene Schimpfkanonade zu halten. Die Rede soll sein von einem neuerlichen Versuch der Brüsseler Behörden, ihrer Regulierungswut ein geeignetes Ventil zu verschaffen. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten berichten, dass die EU den Anbau von Obst und Gemüse in den privaten Gärten regulieren will. Nur noch von der EU anerkannte Samen dürfen ausgesät werden, wenn das entsprechende Gesetz beschlossen wird. Dieses Saatgut wird, wen wundert es, von einigen wenigen großen Lebensmittelkonzernen vertrieben. Was nicht durch deren Kassen gegangen ist, soll verboten werden. Entsprechendes Saatgut darf nicht einmal verschenkt werden, wenn es denn nach dem Willen der EU-Oberen geht; ja, auch dem Kleingärtner und dem Nebenerwerbsbauern sollen Strafen drohen, wenn sie ihre wertvollen alte Saaten ausbringen und seltene Obst- und Gemüsesorte erzeugen. Das bedeutet eine rigorose Verarmung des Reservoirs an genetischem Material. Um es jenseits von Behördendeutsch klar und kräftig zu sagen: Die Vielfalt der Schöpfung wird auf wenige Möglichkeiten verengt.

Sichert die Politik nur den Profit einiger Konzerne?

Damit ist das Stichwort gefallen, das die ganze Tragweite und Verwerflichkeit dieses Unterfangens deutlich macht. Es geht um nichts weniger als einen tiefen Eingriff in die Schöpfung Gottes. Das geschieht nicht etwa, um Ernten zu sichern, um Erträge zu steigern und Qualitäten zu erhalten. Es geht, diese Vermutung darf man ungestraft äußern, um die Sicherung und Steigerung des Gewinnes einiger Großkonzerne. Dass sich dazu die Behörden der Europäischen Union missbrauchen lassen, ist um so bedauerlicher, als die Europäische Idee an sich förderungswürdig ist. Doch so ist diese Idee in der Gefahr, zu einer Gelddruckmaschine auf Kosten nicht allein des oftmals ahnungslosen Bürgers, sondern auch der gottgewollten und gottgeschaffenen Vielfalt der Natur zu mutieren.

Man kann nicht dem Mammon und Gott dienen

Jesus Christus konnte noch in einer ähnlichen Situation die Natur als Gegenbild einer Reduktion des Lebens auf monetären Gewinn anführen. Er sagte: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" und meinte mit dem Mammon die Vergötzung des Geldes. Die Blumen auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel dienten ihm als Beispiele für ein Leben, das sich in der Fürsorge Gottes geborgen weiß. Heute sind die Kornblumen verschwunden, und das Zwitschern der Vögel ist leiser geworden. Der Lebensraum beider wird drastisch eingeschränkt durch dieselben Leute, die das so gewonnene Land mit ihren menschlich designten Saaten überziehen, schlimmstenfalls um daraus Treibstoff für ihre Kraftwagen zu gewinnen. An keiner anderen Stelle wird der Hochmut des Menschen sichtbarer als hier. An keiner anderen Stellen wird so deutlich, dass der Mensch tatsächlich bereit ist, dem Mammon, dem Götzen Geld, alles zu opfern: die Freiheit der Gärtner und Landwirte, die Vielfalt des sogenannten Genpools, den schillernderen Reichtum der Natur, sich selbst.

Pastor Diederich Lüken, Stuttgart

Pastor Diederich Lüken

Zum Autor:
Diederich Lüken, Jahrgang 1952, ist Pastor in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Stuttgart-Bad Cannstatt. Er wurde in Veenhusen/Ostfriesland geboren, studierte Theologie in Münster, Reutlingen, Tübingen und Marburg. Seine beruflichen Stationen führten ihn nach Essen, Bebra, Velbert, Stuttgart-Weilimdorf (Rundfunkarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche) und Stuttgart-Bad Cannstatt.

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