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Kultur

Eine persönliche Reise

Ihre Großeltern überlebten den Holocaust. Heute arbeitet Yael Dinur als Freiwillige in der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz. Ausgerechnet in jener Villa, in der über die "Endlösung der Juden" beraten wurde.

Stichwort: Haus der Wannseekonferenz Datum: Februar 2012 Beschreibung: Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, Berlin. Am 20. Januar 1942 verhandelten in der Villa am Wannsee in Berlin fünfzehn Spitzenbeamte der Ministerialbürokratie verschiedener Reichsministerien und der SS unter dem Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, über die organisatorische Durchführung der Entscheidung, die Juden Europas in den Osten zu deportieren und zu ermorden. Diese Fotos wurden von mir gemacht, ich übertrage der DW damit die Rechte. Bitte zwingend meinen Namen im Copyright vermerken. (DW/N.Wojcik)

Haus der Wannseekonferenz

"Ich freue mich." Yael Dinur spricht erst seit sechs Monaten deutsch, möchte aber das Interview dennoch auf Deutsch führen. Und das beherrscht sie schon erstaunlich gut beherrscht. "Ich freue mich." Diesen Satz sagt sie immer wieder. Sie freut sich in Berlin zu sein, in einer Wohngemeinschaft mit Deutschen zu leben und dass es im Stadtteil Neukölln Hummus zu kaufen gibt. Hinter diesem einfachen Satz und dem Bemühen um die fremde Sprache verbirgt sich eine umso anstrengendere, innere Reise einer jungen Frau aus Israel.

Yael Dinur im ehemaligen Sitzungssaal (DW/N.Wojcik).

Yael Dinur im ehemaligen Sitzungssaal der Villa

"Ich wollte nie etwas mit Deutschland oder mit Deutschen zu tun haben", sagt die 27-Jährige rückblickend. Yael, eine zierliche Frau mit langen, gelockten Haaren, sitzt im ersten Stock einer großbürgerlichen Villa, seit 1992 bekannt als Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz. Der Holocaust und die Erfahrungen ihrer Großeltern und Eltern haben Yael ihr ganzes Leben lang geprägt. Ihre Großmutter überlebte das Konzentrationslager Auschwitz, ihrem Großvatergelang eine unglaubliche Flucht: er sprang von einem Zug mit Endstation Treblinka und konnte sich retten. Beide verloren ihre Ehepartner und Kinder durch den Holocaust - und gründeten nach diesen traumatischen Erfahrungen eine neue Familie. "Und ich bin das Resultat davon", sagt Yael Dinur bestimmt. Die Großeltern lernten sich nach dem Krieg in einem Auffanglager in Bergen-Belsen kennen, Yaels Vater wurde geboren, die neue Familie wanderte schließlich nach Israel aus.

Yael Dinur lässt dieses Familienschicksal nie los. Sie studiert Geschichte und arbeitet seit 2002 in Yad Vashem in Jerusalem, der bedeutendsten Gedenkstätte zur Erinnerung an die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten. Hier sieht sie immer wieder Reisegruppen von jungen Deutschen, doch den Kontakt meidet sie bewusst. "Nicht aus rationalen Gründen. Ich wusste ja, dass es nicht ihre Schuld ist - eher aus emotionalen." Es ist ein unbestimmtes Angst-Gefühl, das ihr eine nähere Begegnung verwehrt. "Ich lebte in einer Welt, von der ich wusste, dass schreckliche Dinge passiert waren, aber ich hatte keine wirkliche Antwort darauf, warum." Auch deshalb ist sie jetzt in Deutschland, um zu verstehen, wie die junge Generation von Deutschen heute über den Holocaust denkt.

Historisches Dokument der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, auf der die Anzahl der Juden in Europa festgehalten ist (Foto: DW/N.Wojcik).

Menschenverachtende Planung: statistische Auflistung europäischer Juden für die "Endlösung"


Aus der Sicht der Täter

Durch Zufall wird sie auf "Aktion Sühnezeichen" aufmerksam, einen Freiwilligendienst, der die Versöhnung mit denjenigen Ländern fördern möchte, die in besonderem Maße unter dem NS-Terror gelitten haben. Yael Dinur bewirbt sich und wählt für ihr Freiwilligenjahr kein Jugendzentrum oder Seniorenheim, sondern die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz - ein besonders heikler Ort für eine Jüdin. Hier tagten 1942 NS-Funktionäre zur "Endlösung der Judenfrage".

Eine schwere Entscheidung? Yael Dinur nickt energisch. "Ja. Und wie." Nach den ersten aufregenden Monaten der Eingewöhnung "legte sich die ganze Vergangenheit auf meine Schultern". In Yael beginnt es zu arbeiten. Darf sie mit ihrer deutschen Mitbewohnerin befreundet sein? Ist es erlaubt, dass sie Deutsch spricht und den ganzen Tag die deutsche Sprache hört? Ist es in Ordnung, dass sie an einem Ort arbeitet, der ein Symbol für die bürokratisch geplante Judenvernichtung ist? "Es ist schwer, wirklich schwer. Aber mittlerweile geht es schon viel besser." Und wieder fällt ihr Satz: "Ich freue mich sogar darüber." Denn für Yael gibt es seit sie in Deutschland ist keine persönlichen Tabus mehr. Auch wenn das Familienschicksal durch ihren Freiwilligendienst in Berlin nicht leichter geworden ist, so ist ihr Blick nun doch differenzierter und versöhnlicher.

Im Haus der Wannseekonferenz betreut sie Reisegruppen aus Israel und leitet Führungen auf Hebräisch. Sie zeigt den Raum, in dem die NS-Funktionäre mit idyllischem Blick auf den Berliner Wannsee tagten und den systematischen Massenmord an Europas Juden planten. Diese Widersprüchlichkeit findet die junge Museumspädagogin spannend. Und den Blick auf das Thema ungewöhnlich. "In Yad Vashem zeigen wir den Holocaust aus der Sicht der Opfer - hier behandele ich das Thema zum ersten Mal aus der Sicht der Täter. Das ist ganz neu für mich."

Jüdisches Leben der Gegenwart

ARCHIV - Das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin, Archivbild vom 17.01.2005. Vor 70 Jahren, am 20.01.1942, trafen sich hier 15 hohe NS-Funktionäre und besprachen die Abwicklung des von den Nationalsozialisten geplanten Holocaust, der im Konferenz-Protokoll so bezeichneten Endlösung der Judenfrage. Foto: Stephanie Pilick dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++

Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin

Auch das vielfältige und vibrierende Berlin mache es ihr leichter: "Ich könnte in keiner anderen deutschen Stadt leben." Yael fasziniert, was auch viele andere Berlin-Reisende hierher zieht: das Kulturleben, die Atmosphäre, die Aufbruchstimmung, der Freiraum. Und was für Yael noch wichtiger ist: "Diese Stadt hat ein Gedächtnis. An jeder Ecke gibt es ein Denkmal. Vielleicht sind es auch schon zu viele. Aber für mich ist das wichtig. Diese Stadt vergisst nicht." Und manchmal denkt sie dann auch: "Es ist richtig, dass ich hier bin. Das ist ein kleiner Sieg für meine Familie."

Vor kurzem hat sie einige Freunde mit in eine Berliner Synagoge genommen - eine Premiere. "Juden haben sie im Endeffekt bis dahin nur mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht, also mit Tod und Verzweifelung. Und ich konnte ihnen das lebendige jüdische Leben in Berlin zeigen", sagt Yael Dinur - und freut sich.

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