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Kultur

Eine Pastorin provoziert

Susanne Jensen ist eine Pastorin, die aus der Rolle fällt. Nicht nur durch ihr Äußeres, sondern auch durch ihre Predigten. Offen spricht sie über ihr Schicksal als Missbrauchsopfer.

Eine Pastorin, die den üblichen Klischees entspricht, ist Susanne Jensen nicht. Die 48-Jährige hat ihren Kopf kahl rasiert, einen Großteil ihres Körpers tätowiert, und sie trägt ein Hundehalsband. Wenn sie aber ihren Talar überzieht und den Gottesdienst hält, interessiert sich kaum noch jemand für ihr äußeres Erscheinungsbild. Begeistert hören die Besucher in der Kirche im norddeutschen Ort Owschlag Susanne Jensen zu. Sie predigt aus dem Paulus-Evangelium, zitiert Stellen, in denen es um Liebe und Sexualität geht. Zwischendurch unterbricht sie auch einmal und spricht mit den Gläubigen oder beantwortet Fragen. "Das ist authentisch, sie ist menschlich, und es geht ihr um die Menschlichkeit Gottes. Deshalb ist sie so glaubwürdig", sagt ein älterer Gottesdienstbesucher. Einer ihrer Konfirmanden sagt: "Sie spricht Dinge an, die sonst nicht angesprochen werden.

Kein Schweigen mehr

Pastorin Susanne Jensen spricht mit Gemeindemitgliedern (Foto: DW/ Christina Beyert)

Susanne Jensen mit einem Gemeindemitglied

Das tat sie auch auf der Kanzel einer Kirche im Berliner Stadtteil Kreuzberg im Sommer 2010. Dort sprach die evangelische Pastorin zum ersten Mal öffentlich über den schweren Missbrauch, den sie in ihrer Kindheit erlebt hat, und dessen Folgen. Als sie gerade zwei Jahre alt war, verging sich ihr Vater zum ersten Mal an ihr. Ihr Martyrium dauerte viele Jahre. Ihr selbst wurde der Missbrauch erst bewusst, als sie mit zwölf Jahren wieder vergewaltigt wurde: im Park von einem Fremden. "Ich lag dort im Park auf dem Boden und dachte, ach so ist das." Damals versuchte sie dreimal, sich das Leben zu nehmen. Ihre schulischen Leistungen wurden immer schlechter, und: "Ich habe angefangen, wahnsinnig viel zu essen und mich nicht mehr gewaschen", sagt sie. Niemand nahm die Signale wahr.

Halt im Glauben

Angeregt durch den Religionsunterricht in der Schule begann sie, sich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen. Sie machte ihr Abitur und studierte zunächst auf Wunsch des Vaters Jura. Mit 23 ließ sie sich katholisch taufen, konvertierte schließlich zum evangelischen Glauben und begann mit dem Theologie-Studium. Den Missbrauch verdrängte sie total. Martin, einer ihrer Kommilitonen, interessierte sich für die blonde Susanne mit dem Pagenkopf. Sie wurden ein Paar.

Susanne Jensen mit Ehemann Pastor Martin Jensen (Foto: DW/ Christina Beyert)

Susanne mit Ehemann und Pastor Martin Jensen

Gegen Ende ihrer Ausbildung zur Pastorin holten sie die Erlebnisse ihrer Kindheit wieder ein. Sie bekam sogenannte "Flashbacks", also Rückerinnerungsblitze. Im Jahr 2000 folgten der Zusammenbruch, mehrere Klinikaufenthalte und eine Traumatherapie. Zeitweise konnte sie nicht mehr arbeiten. Die Pastorin trank, rasierte sich den Kopf kahl und ließ sich tätowieren. "So kehre ich mein Inneres nach außen und möchte auch provozieren", sagt Susanne Jensen.

Kunst ist Therapie

Um ihren Leidensweg als "Missbrauchsüberlebende", wie sie sich nennt, verarbeiten zu können, schreibt sie ein Buch über ihre Erfahrungen, malt und stellt Objekte her. Eine wichtige Stütze ist ihr Mann Martin, der auch als Pastor arbeitet. Der 43-Jährige mit Vollbart hilft ihr, wo er kann. Das war nicht immer leicht. "Ich habe ihre dicken hellblonden Haare geliebt", sagt Martin Jensen. "Aber wir haben viel geredet und deshalb weiß ich, warum sie die Haare geschoren hat. Sie verband das mit ihrer Kindheit. Damals hat ihr Vater sie immer an den Haaren gezogen".

Susanne Jensen beim Malen (Foto: DW/ Christina Beyert)

Susanne Jensen als Malerin

Susanne Jensen ist "Pastorin zur besonderen Verwendung". Das heißt, sie übernimmt Vertretungen von Kollegen und Amtshandlungen in verschiedenen Gemeinden. Hier kommt sie mit vielen Leuten in Kontakt. "Ich kann den Menschen helfen, sie in Notfallsituationen zu unterstützen, das gibt mir sehr viel." Auch liebt sie es, mit jungen Menschen zusammen zu sein. Die Konfirmanden aus der Gemeinde Owschlag kommen gern zu ihr in den Unterricht. Sie fühlen sich bei der Frau mit dem ungewöhnlichen Aussehen gut aufgehoben.

Als im norddeutschen Ahrensburg einer der größten Missbrauchsskandale in der Evangelischen Kirche bekannt wird, ist Susanne Jensen geschockt. Sie möchte den Opfern helfen und predigt in der Ahrensburger Schlosskirche. Mutig ist diese Predigt. Sie spricht von ihrem Leben als Missbrauchsopfer und als "Missbrauchüberlebende". Sie fordert, dass die Missbrauchsopfer Wiedergutmachung erfahren. Und sie erzählt, dass ein Vertreter der Kirche sie daran hindern wollte, sich öffentlich zu dem Thema zu äußern. Sie dürfe - so der Geistliche - dies erst dann tun, wenn sie ihrem Vater vergeben habe. Ihrem Vater hat Susanne Jensen bis heute nicht vergeben.

Autorin: Christina Beyert
Redaktion: Gudrun Stegen/CP