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Wirtschaft

Eine Osteuropäerin für Oma

Günstige Pflegekräfte aus Osteuropa, mal ganz illegal, mal über mehr oder minder seriöse Vermittlungsfirmen organisiert: Wer seine Eltern nicht ins Heim schicken möchte, ist meist auf solche Angebote angewiesen.

Rumänin pflegt eine alte Frau.

Mehr als 100.000 Osteuropäerinnen arbeiten in Deutschland als feste Altenpflegerin

"Therese darf nicht mehr allein im Haus sein", erzählt Johannes Wessler von seiner Mutter. "Die Ärzte sagen, sie hat Parkinson. Wenn sie spazieren geht, fällt sie einfach hin. Und mit ihren 87 Jahren findet sie sich auch im Haushalt nicht mehr so gut zurecht." Ein großes Seniorenheim wurde vor einigen Jahren zwar in dem kleinen Moseldorf Treis-Karden gebaut, aber dort wollte Therese Wessler nicht einziehen. Johannes und seine Frau arbeiten tagsüber, die anderen Kinder sind längst weggezogen.

Günstige Pflegekräfte aus dem Internet

Im Internet fand Johannes zahlreiche Angebote von Agenturen, die Hilfe bei der Pflege anboten: "Euro-care", "Pflege Zuhause" oder "Aktiovita" heißen die Firmen. Über sie lassen sich die günstigen Pflegekräfte aus dem EU-Ausland nach Hause bestellen. Die meisten kommen aus Polen, Rumänien, Ungarn oder Bulgarien.

Die Hände einer pflegebedürftigen Frau umklammern den Haltegriff über ihrem Bett. (AP Photo/Thomas Kienzle)

Zwei Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig

Da osteuropäische Arbeitnehmer bisher nicht ohne Einschränkungen in Deutschland arbeiten dürfen, dienen die Agenturen als Vermittler, die das Arbeitsverhältnis mittels der EU-Dienstleistungsfreiheit scheinbar legal gestalten: Bei der einen Variante ist die Pflege- und Haushaltshilfe als Selbstständige in ihrem Heimatland gemeldet. Dann darf die Arbeit für einen beschränkten Zeitraum, etwa sechs Monate, auch in Deutschland geleistet werden. Deswegen werden die auf diese Weise vermittelte Pflegekräfte auch bisweilen abwechselnd für einige Monate nach Deutschland und dann in andere Länder geschickt. Auch wenn so scheinbar die rechtlichen Bedingungen für eine legale Beschäftigung erfüllt sind. Heike Nordmann von der Verbraucherzentrale rät von diesem Vermittlungsmodell ab. "Da die Pflegekräfte nur bei einem Haushalt arbeiten, fällt das in den Bereich der Scheinselbstständigkeit." Letztendlich bewegen die Agenturen sich also zumindest in einer rechtlichen Grauzone.

Schlupfloch im EU-Recht

Die andere Variante dagegen bietet eine legale Vermittlung. Dabei schließen die Pflegekräfte einen Arbeitsvertrag mit einem Unternehmen in ihrem Heimatland, das die gesuchten Pflegekräfte über eine Partneragentur in Deutschland weitervermittelt. Auf diese Weise werden mittlerweile nicht nur Privathaushalte, sondern ganze Krankenhäuser mit Pflegepersonal versorgt. Für Johannes Wessler bietet dieses Schlupfloch im EU-Recht eine preisgünstige Möglichkeit, seine Mutter weiter zuhause pflegen zu lassen. Und deutschen Pflegekräfte, die rund um die Uhr bereit stehen, das sei kaum zu finanzieren, meint er. "Viele wollen ein Netto-Einkommen von 2000 bis 2500 Euro haben, und die meisten bleiben auch nicht über Nacht." Nun zahle er an die Agentur nur 1600 Euro im Monat, damit seine Mutter versorgt wird, die Pflegekraft aus Polen bekomme davon rund 800 Euro. Ein gutes Geschäft - für die Agentur.

"Länger als sechs Monate hält das keiner aus"

Die 29-jährige Marta aus Krakau, die nun bei den Wesslers arbeitet, muss für das Geld dagegen fast den ganzen Tag der alten Frau zur Verfügung stehen. Zwei Stunden am Tag kann sie aus dem Haus. Dann geht sie meist spazieren, erzählt sie, denn etwas anderes kann man in der kurzen Zeit in Treis-Karden kaum machen. Einmal in der Woche hat sie einen halben Tag frei. "Länger als sechs Monaten hält das kaum einer aus", meint Michaela Niclaus von der Vermittlungsagentur "Help4Seniors". Und sie behält Recht, nach einigen Monaten packt Marta ihre Taschen und fährt zurück zu ihrer Familie nach Krakau. Doch der Nachschub versiegt nicht, genug Osteuropäerinnen hoffen, in Deutschland ein ausreichendes Auskommen zu finden.

In Treis-Karden, ganz bei Johannes Wessler um die Ecke, wohnen mittlerweile mehrere Polinnen, Rumäninnen und Bulgarinnen. Alle sind gekommen, um die Alten des Dorfes zu pflegen. Einige arbeiten illegal, andere sind - mehr oder minder gesetzmäßig - vermittelt worden. Bis 2009 wird sich an diesem Provisorium, das sich bisweilen in der rechtlichen Grauzone bewegt, nichts ändern. Dann wird die Bundesregierung frühestens die bestehenden Arbeitsbeschränkungen für osteuropäische Länder aufheben.

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