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Nahost

Eine Orange als nationales Symbol

Die Jaffa-Orange war einst der beliebteste Exportartikel Israels und nahezu ein nationales Symbol. Ihr widmet Eyal Sivan seinen Film "Jaffa – The Orange's Clockwork" und zeigt, wie Orangen und Politik zusammen hängen.

Filmplakat: ' Jaffa The Orange's Clockwork', Quelle: MecFilm

Die Jaffa-Orange: Israels bekannteste und beliebteste Zitrusfrucht

Jaffa – dieser Markenname stand lange Zeit für eines der wichtigsten israelischen Exportgüter, die Jaffa-Orange. In Holzkisten wurde sie in die ganze Welt verschifft, saftig und aromatisch als schmackhafter Gruß aus einem fernen exotischen und sonnenverwöhnten Land. Im Lauf der Zeit wurde die Orange so sehr mit Israel identifiziert, dass sie auf keinem Werbeplakat der israelischen Tourismus-Industrie fehlen durfte. Orangenpflückende Pioniere wurden zum Symbol für das so bewunderte kleine Land am östlichen Mittelmeerrand, das durch die jüdische Besiedlung erst zum Erblühen gebracht wurde. Glutäugige Mädchen mit Körben voller Orangen standen für die Erdverbundenheit und Schönheit eines wieder erstandenen Volkes, das in sein Land heimgekehrt war.


Doch eigentlich war die Jaffa-Orange kein ursprünglich israelisches Produkt. Es gab sie schon lange vorher, angebaut von arabischen Bauern an den Küsten Palästinas. Der israelische Regisseur Eyal Sivan hat der Jaffa-Orange nun einen ganzen Film gewidmet. "Jaffa the Orange's Clockwork" heißt sein Dokumentarfilm, der in den deutschen Kinos angelaufen ist. In Berlin hat Sivan seinen Film im kleinen "Kino Eiszeit" in Kreuzberg vorgestellt. Für ihn sei er die Fortsetzung seiner Arbeit, die er in den achtziger Jahre begonnen habe, erzählt er dort: "Damals habe ich Filme über die palästinensischen Flüchtlinge gedreht und mich mit der Instrumentalisierung des Erinnerns auseinandergesetzt", erklärt Sivan im Gespräch mit dem Kinopublikum. In seinem neuen Dokumentarfilm versuche er nun, einen Gegenentwurf zur offiziellen israelischen Geschichtsschreibung vorzulegen.


Filmszene aus: ' Jaffa The Orange's Clockwork', Quelle: MecFilm

In den 1960er Jahren wurde die Jaffa-Orange endgültig zum Bestandteil der "Nation Branding", mit dem der junge Staat Israel weltweit für sich warb. Selbst Stars wie Louis Armstrong und Ingrid Bergman ließen sich mit der Frucht fotografieren und sorgen dafür, dass die Jaffa-Orange zu einer weltweiten Marke wurde.



Über fünf Jahre Arbeit

In mühsamer und langwieriger Arbeit hat Sivan Dokumente und Archivmaterial zusammengetragen, Fotos, Lieder und alte Werbeaufnahmen. Mehr als vier Jahre habe er in Archiven gearbeitet und das Material gesammelt. Noch mal anderthalb Jahre lang habe er gedreht und geschnitten, bis der Film fertig war.

Herausgekommen ist ein Meisterwerk, kurzweilig und bunt, aufschlussreich und mitunter geradezu komisch. Zum Beispiel, als Sivan dem israelischen Historiker Amnon Raz-Krakotzkin einen alten Propagandafilm vorspielt. In dem alten Schwarz-Weiß-Streifen verkündet ein Sprecher mit dramatischer Stimme, das Land Israel sei nach der Vertreibung der Juden verwildert und der Unfruchtbarkeit und Öde anheimgefallen. Erst die zurückgekehrten Juden hätten es wieder urbar gemacht. Raz-Krakotzkin, Professor an der Ben-Gurion-Universität von Beer-Sheva reagiert belustigt. Die Juden seien nicht aus ihrem Land vertrieben worden, sagt er. Sie seien weggegangen, sie hätten ihr Land verlassen. Der Mythos ihrer Vertreibung sei ein christlicher Mythos, der von den Zionisten aufgegriffen worden sei, um die Rückkehr nach Palästina zu legitimieren.


Eine Orange als Symbol

Filmplakat: ' Jaffa The Orange's Clockwork', Quelle: MecFilm

Die Ursprünge der Orange gehen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurück

Für diesen zionistischen Mythos der Heimkehr ins Land der Vorväter steht die Jaffa-Orange, die an der Mittelmeerküste Palästinas angebaut und von der arabischen Hafenstadt Jaffa aus verschifft wurde. Gemeinsam arbeiteten Palästinenser und jüdische Einwanderer auf den Plantagen und im Hafen und am Nordrand von Jaffa wurde die erste moderne jüdische Stadt gebaut, Tel Aviv. Der israelische Dichter Haim Gouri erinnert sich: "Tel Aviv war eine Stadt, die von Orangenhainen umgeben war. Tel Aviv und Jaffa waren damals Nachbarstädte. Ich erinnere mich an die Bilder der Haine und an den Duft der Orangenblüten im Frühling."

Doch mit der zunehmenden Einwanderung wurden die Palästinenser nach und nach verdrängt. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 wurde die Stadt Jaffa von den israelischen Truppen eingenommen, die meisten arabischen Bewohner flohen über das Mittelmeer. Die Orangenplantagen wurden nun von jüdischen Kooperativen betrieben und die Jaffa-Orange wurde zum Sinnbild des jungen Staates Israel, von der Werbeindustrie wurde sie zu einer Ikone stilisiert.


Die Plantagen sind verschwunden

Filmszene aus: ' Jaffa The Orange's Clockwork', Quelle: MecFilm

Die Jaffa-Orange ist eng verbunden mit dem Gründungsmythos des Staates Israel

Eyal Sivan zeichnet diese Geschichte nach, lässt israelische und palästinensische Historiker zu Wort kommen, Künstler und Dichter. "Die Idee zu dem Film kam mir, als ich zu Beginn des Oslo-Friedensprozesses in der Zeitung las, dass Israel beschlossen hatte, die Marke Jaffa zu privatisieren", erklärt er. "Ich dachte, das ist ja sehr spannend, das symbolisiert den Übergang zum Neoliberalismus, zum Kapitalismus, dass man die Nationalmarke privatisiert. Ich will mal schauen, wie es angefangen hat."

In seinem Dokumentarfilm ist Sivan aber nicht nur zu den Ursprüngen des Mythos zurückgegangen. Er zeigt auch dessen Ende. Anfang des neuen Jahrhunderts wurden im Gazastreifen die letzten Orangenhaine der Region von der israelischen Armee umgepflügt, um zu verhindern, dass sie Freischärlern als Deckung dienen. "Die Zerstörung der Plantagen in Gaza war das Ende der Orangenhaine in Palästina", sagt Sivan. Auf den wenigen Plantagen, die es noch gibt, werden Grapefruit und Klementinen angebaut, Orangen jedoch gibt es im Land zwischen Mittelmeer und Jordan fast keine mehr. In Gaza werden jetzt stattdessen Erdbeeren angebaut, denn die sind niedrig und man kann sich nicht dazwischen verstecken. "Symbolisch ist das ein sehr starkes Bild", sagt Regisseur Sivan. Denn es stehe für das Ende der Geschichte. Israel versuche, mit den Plantagen die Erinnerung auszulöschen. "Mit seinem Film versuche ich, diese Erinnerung zurückzubringen."

Autorin: Bettina Marx

Redaktion: Ina Rottscheidt







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