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Kultur

Eine Offensive für Europa

Die Finanzkrise ruft Europa-Gegner auf den Plan. "Mehr Europa wagen" ist der Titel eines Manifests, in dem Kultur-Schaffende eine Stärkung Europas fordern. Ein Gespräch mit Hans-Christoph Buch, einem der Autoren.

Ein Finger hält eine Ein-Euro-Münze auf einem beleuchteten Globus (Foto: dpa)

Ein Finger hält eine Ein-Euro-Münze über Europa

Deutsche Welle: Herr Buch, Sie sind Mitautor des Manifestes "Mehr Europa wagen", was steht da drin?

Hans-Christoph Buch: Wir wollen uns rückbesinnen auf das, was Europa bedeutet hat, gerade für meine Generation, mit der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs im Hintergrund, und was heute daraus geworden ist, nämlich eine permanente Krise, durch die keiner so recht durchblickt.

Europa als politische und kulturelle Dimension

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für diese Krise? Geht es tatsächlich nur um den Euro oder hat sie tiefere Gründe?

Zunächst reden wir ja immer nur über Geld. Aber dass Europa eine politische, eine moralische, eine kulturelle Dimension hat, kommt dabei zu kurz. Ich bin aufgewachsen in zerstörten deutschen Städten, und für mich und meine Generation hat noch aus der Nachkriegszeit die Tatsache doch eine große Bedeutung, dass es eine Aussöhnung mit Frankreich gab, und damals, schon in den 1950er Jahren, Ansätze zur Einigung Europas: nie wieder Krieg, offene Grenzen, Zusammenarbeit statt Konfrontation. All das ist den heutigen Generationen selbstverständlich. Von diesem Europa haben wir alle profitiert, aber jetzt greift eine Verdrossenheit um sich, die schwer zu erklären ist. Sie hat tiefere Ursachen. Man hat im Moment das Gefühl, es wird herum gebastelt, es wird ein Schaden behoben. Die Tinte ist noch nicht trocken unter den Gipfelbeschlüssen, da heißt es schon wieder, das wird nicht ausreichen. Die Wirtschaft reagiert zögerlich, die Börse hat weiterhin Panik, und all das verunsichert tief.

Vertrauen durch mehr Demokratie

Die Politik kann diese Probleme nicht im Handumdrehen mit einem einzigen Beschluss lösen, sondern muss langfristig daran arbeiten, das Vertrauen wieder herzustellen. Wir haben in unserem Manifest zum Ausdruck gebracht, dass wir mehr wissen möchten über die Optionen: Was gibt es für Alternativen, gibt es einen Plan B, welche Folgen hat das alles für den Bürger. Stattdessen hören wir immer, alles, was gemacht wird, sei alternativlos. Das ist nicht demokratisch.

Sie beklagen also ein Informationsmanko. Sehen Sie Möglichkeiten, dem in kleinen Schritten entgegen zu wirken?

Ja, ich denke, dass es eine europaweite Debatte geben müsste über die Optionen, die auf dem Tisch liegen. Die müssen aber erstmal auf den Tisch gelegt werden, und man muss vor allem mit einem gewissen Idealismus oder sogar Enthusiasmus, mit Schwung und nicht halb entschuldigend oder mit schlechtem Gewissen an die Ideale der Gründungsväter erinnern, ein demokratisches, ein friedliches Europa. Immerhin war, abgesehen von Jugoslawien, dieser Kontinent von Kriegen verschont seit 1945, und dazu gehört auch, dass die Lasten gerecht verteilt werden.

Eine Offensive für Europa starten

Wenn die Bundesrepublik glaubt, ihr Ideal von Stabilität einem Land wie Griechenland aufzwingen zu können, dann halte ich das für Augenwischerei. Es ist vollkommen klar, dass diese Stabilität nur in Deutschland gegeben ist und vielleicht in einigen nordischen Ländern, aber selbst England oder Frankreich stehen in dieser Krise anders da als wir. Wir können nicht so tun, als könnten wir ein völlig schuldenfreies Staatsbudget verlangen, eine Forderung, die wir ja selber nicht erfüllen.

Wie ist Ihre Vision von Europa?

Dieses Europa muss sich vor allem auf seine Kultur besinnen. Dann sind die Wirtschaftsfragen zwar immer noch ungelöst, aber sie bekommen einen anderen Stellenwert, wenn einmal die Entscheidung für oder gegen dieses Europa getroffen ist. Ich bin für eine Stärkung Europas und nicht für eine Schwächung, ich bin auch für mehr Kompetenzen für das Europa-Parlament und für mehr Kompetenzen für die Bürger Europas. Das könnte den Europa-Skeptikern den Wind aus den Segeln nehmen, wenn man eine kulturelle und politische Offensive für Europa startet und dann die Wirtschaftsfragen entsprechend löst im Sinne eines geeinten Europas, das auch politisch mit einer Stimme spricht.

Das Gespräch führte Gudrun Stegen
Redaktion: Cornelia Rabitz