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Deutschland

Eine neue Mauer teilt eine Stadt im Osten

In Schönberg in Mecklenburg steht wieder eine Mauer - 20 Meter lang und 4 Meter hoch. Der Künstler Helmut Preller hat sie hochgezogen und damit den Zorn einer ganzen Stadt provoziert. Seit Wochen wird er angefeindet.

Der Hamburger Künstler Helmut Preller vor seiner neu aufgebauten Mauer (Foto: DW)

Der Provokant Preller vor seinem Kunstwerk

Überregional bekannt war Schönberg bisher nur bei Firmen, die ihren Müll entsorgen wollten. Vor den Toren der Kleinstadt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern steht die größte Sondermülldeponie Europas. Seit diesem Sommer machte Schönberg auch politisch Schlagzeilen.

Mit einer Spitzhacke haben Unbekannte Löcher in die Gedenkmauer geschlagen (Foto: DW)

Mit einer Spitzhacke haben Unbekannte Löcher in die Gedenkmauer geschlagen

Zu DDR-Zeiten war die innerdeutsche Grenze nicht weit weg. 20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es wieder einen Schutzwall: 20 Meter lang, vier Meter hoch und aus Spanplatten. Die Mauer gebaut hat der Künstler Helmut Preller anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls am 9. November 1989. "Damit soll an die Opfer gedacht werden, die diese Mauer und dieses Grenzregime gekostet hat."

Preller provoziert

Mit seiner Mauer will der aus Hamburg stammende Querdenker Dialoge entfachen und provozieren. Das ist Preller gelungen.

Die meisten Schönberger mögen ihn und sein Kunstwerk nicht. Seit es am 13. August fertig gestellt wurde, also 48 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, läuft Schönbergs amtierender Bürgermeister Karl-Heinz Düwel von der CDU jeden Sonntag mit einer Kerze in der Hand davor auf und ab. Sein größter Wunsch: Die Mauer muss weg. "Ich habe die Mauer, die richtige Mauer, die Deutschland geteilt hat, miterlebt. Und das ist schon schlimm genug. Und nun müssen wir uns so einen Quatsch noch mal zu Gemüte führen."

Viele Schönberger macht die Mauer wütend

Ein Radfahrer fährt an der Mauer lang (Foto: AP)

Die Mauer ist 20 Meter lang, 4 Meter hoch und aus Spanplatten

Zu einem friedlichen Dialog durch die Mauer, wie von Preller erhofft, kam es bislang nicht. Im Gegenteil. Das Kunstobjekt in Schönberg hat die Leute wütend gemacht. "Das geht von Beschimpfungen bis hin zu Verleumdungen", berichtet der Künstler. "In der extremsten Form waren es Äußerungen, man sollte mich steinigen. Oder eine Innenschrift auf einer Litfasssäule lautete: Preller bis zum Hals amputieren und den Rest wegschmeißen."

Bei Drohungen blieb es nicht. Ein Mann griff zur Spitzhacke, schlug ein Loch in die Mauer. Fünf Vermummte zerstörten Blumenkübel und schlugen mit einem Hammer weitere Löcher in das Kunstobjekt. "Am Tage habe ich keine Angst, abends würde ich alleine nicht mehr in irgendeiner Form arbeiten", sagt Preller.

Preller stürzt Bürgermeister aus dem Amt

Unbeliebt ist Preller in der Stadt auch, weil er maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Bürgermeister Michael Heinze von der Linkspartei nicht mehr Amt ist. Diese Geschichte dürfte Schönberg in ganz Deutschland bekannt gemacht haben, denn fast alle Medien berichteten darüber.

Heinze war nicht nur ehemaliger Kommandeur der Grenztruppen, sondern auch inoffizieller Mitarbeiter bei der Staatssicherheit. Das hatte er jedoch bis dato verschwiegen. Deshalb setzte ihn die Stadtvertretung als Bürgermeister ab.

Die Folge waren Tumulte. Heinze-Befürworter bedrohten Stadtvertreter, einer bekam sogar einen Faustschlag ins Gesicht. Die meisten Schönberger Bürger stört Heinzes Vergangenheit nicht. Sie stehen hinter ihm. "Weil er ein guter Bürgermeister ist", behauptet der frühere Chefarzt und Stasi-IM Hans-Peter Aurich.

Der Innenminister hat sich eingeschaltet

Jetzt hat sich Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier, CDU, eingeschaltet. Er will Ruhe in die Kleinstadt bringen, in der mittlerweile ein Kleinkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern des ehemaligen Bürgermeisters tobt. 23 Strafanzeigen wegen Bedrohung, Nötigung, Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung und Sachbeschädigung sind bei der Polizei eingegangen - von beiden Seiten.

Schönbergs Stasi belasteter Ex-Bürgermeister Heinze will dagegen weiter um sein Amt kämpfen. Zu den gegen ihn erhobenen Stasi-Vorwürfen erklärte der 53-Jährige, dass er keinerlei Berichte angefertigt oder mündlich erstattet habe. Für ihn sei die DDR kein Staat gewesen, der es verdient hätte, weiter zu existieren. Heinze betonte aber auch: Wer in diesem Staat Verantwortung übernommen habe, sei nicht automatisch ein Verbrecher gewesen.

Bis in Schönberg Ruhe einkehrt, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Heinze hat gegen seine Suspendierung vor dem Verwaltungsgericht in Schwerin geklagt. Der Streit um die Mauer dürfte dagegen bald vorbei sein. Der Künstler Helmut Preller will sie am 9. November, am Tag des Mauerfalls 1989, symbolisch zu Fall bringen.

Autor: Steffen Oldörp

Redaktion: Kay-Alexander Scholz