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Politik

Eine neue Exit-Strategie für Afghanistan?

Die Enthüllungen durch WikiLeaks haben das Vertrauen der US-Bürger in die Afghanistan-Politik ihrer Regierung erschüttert. Auf einmal stehen die Ideen von Experten im Vordergrund, die bisher als tabu galten.

Präsident Obama bei einer Pressekonferenz (Foto: AP)

Präsident Obama muss für den Krieg geradestehen - und verliert an Zustimmung

Er wird in letzter Zeit oft zitiert: Steve Coll, der lange Jahre in Südasien als Korrespondent gearbeitet hat und inzwischen den New America Foundation Thinktank leitet, plädiert in der US-Zeitschrift "New Republic" für einen Kurswechsel. Der angesehene Journalist fordert ein Bündnis der regionalen Kräfte im Norden und Westen Afghanistans gegen die Taliban. Er hält wenig von direkten Verhandlungen mit den Taliban - egal wie gemäßigt. Doch dieses Bündnis, so Coll, müsste dafür sorgen, dass weder die Taliban noch andere Fraktionen die Macht in Kabul an sich reißen könnten. Vor diesem Hintergrund würden die USA ihre Truppen schrittweise abziehen, aber im Notfall jederzeit wieder eingreifen können.

Alle gemeinsam

Robert Blackwill (Foto: AP)

Robert Blackwill schlägt "Pashtunistan" vor

Die Voraussetzung für eine derartige Politik wäre, so Coll, eine weitgehende Übereinstimmung innerhalb der politischen Elite des Landes, dass sie im Kampf gegen die Taliban zusammenhalten müsse.

Doch Kritiker Colls innerhalb der US-Regierung weisen darauf hin, dass die Regierung in Kabul dadurch Gefahr liefe, wieder Geisel der regionalen Warlords zu werden. Darüber hinaus wird argumentiert, dass der damalige Präsident Nadschibullah bereits nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan eine ähnliche Politik verfolgte - ohne Erfolg.

Afghanistan teilen

Richard Haas (Foto: AP)

Richard Haas sieht Verhandlungsspielräume

Für Robert Blackwill geht der Vorschlag Colls nicht weit genug. Der Sicherheitsexperte, der sowohl George W. Bush als auch Bush Senior gedient hat, schlägt eine radikalere Lösung vor: Afghanistan müsse, so Blackwill, aufgeteilt werden. Die USA und ihre Verbündeten würden so weiterhin den Norden und Westen des Landes militärisch kontrollieren. Den Süden, wo die Paschtunen die ethnische Mehrheit bilden, würde man den Taliban überlassen.

Blackwill bezeichnete diese Lösung als den besten Ausgang, den man jetzt - realistisch gesehen - erreichen und verantworten könne. Er befürchte dabei keine Konsequenzen für die territoriale Integrität Pakistans. Allerdings räumte er in der "Financial Times" ein, dass ein solches Ergebnis - nach neun Jahren Krieg - eine große Enttäuschung für Washington wäre.

Stärkung der Regionalkräfte

John Kerry (Foto: dpa)

Auch Senator John Kerry hat Zweifel

Einen Mittelweg befürwortete Richard Haas, der ebenso für beide Präsidenten, die die Familie Bush gestellt hat, arbeitete. Haas lehnt die Vorstellung eines unabhängigen "Pashtunistan" ab. Dies sei in Afghanistan nicht durchzusetzen. Wie er in dem Magazin "Newsweek" darlegte, sollte Washington seine Bemühungen um eine Stärkung der Kabuler Regierung samt Armee und Polizei aufgeben. Stattdessen solle Obama auf die Regionalkräfte setzen, die El Kaida ablehnen.

In diesem Rahmen gäbe es Spielraum für Verhandlungen mit den Taliban, die bereit wären, diese Bedingungen zu akzeptieren. Die US-Streitkräfte blieben im Lande, um die Regionalkräfte dort zu unterstützen, wo es nötig wäre. Die Zahl der benötigten Truppen ginge aber signifikant zurück, auch wenn noch über viele Jahre mit Kampfhandlungen zu rechnen sei.

Laute Zweifel

Dass die Unterstützung für die Politik Obamas in Washington zu bröckeln beginnt, wurde diese Woche deutlich sichtbar. Senator John Kerry, der 2004 Präsidentschaftskandidat der Demokraten war und bisher als wichtiger Verbündeter Obamas galt, kündigte eine Anhörung an. Thema: die Aussichten von Verhandlungen zwischen Kabul und den Taliban.

Auf die WikiLeaks-Affäre angesprochen, erklärte Kerry, dass die Dokumente ernste Fragen über die Erfolgsaussichten der gegenwärtigen US-Politik gegenüber Pakistan und Afghanistan aufwerfen. Jetzt müsse geprüft werden, ob ein Kurswechsel notwendig sei.

Die Zweifel mehren sich auch auf Seiten der Republikaner, die bisher den Kurs Obamas weitgehend unterstützt haben. Der einflussreiche Senator und Experte für Außenpolitik, Richard Lugar, beschwerte sich noch vor einigen Tagen darüber, dass Washington weiterhin Milliarden ausgebe, ohne ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erreichen.

Die jüngsten Meinungsumfragen in den USA zeigen, dass die Unterstützung für den Afghanistan-Krieg, der 100 Milliarden Dollar pro Jahr verschlingt und immer mehr zivile Opfer und Soldatenleben fordert, stetig abnimmt. Eine klare Mehrheit glaubt, der Krieg sei schon verloren. Und US-Präsident Obama muss bald Stellung dazu nehmen, denn im November finden Parlamentswahlen in den USA statt.

Autor: Grahame Lucas
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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