1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Eine neue Börse für Bagdad

Vor dem Irak-Krieg war die kleine und schlecht ausgestattete Börse in Bagdad ein Eldorado für Nostalgiker. Derzeit hat sie geschlossen. Doch noch in diesem Jahr soll sie wieder ihre Pforten für den Aktienhandel öffnen.

default

Von "Wall-Street-Flair" war in Bagdad nie etwas zu spüren

Die Börse in Bagdad wurde erst vor elf Jahren, ein Jahr nach dem Ende des Golfkriegs von 1991, gegründet: Sie sollte dafür sorgen, dass die von den Sanktionen gebeutelte Wirtschaft des Landes einigermaßen in Schwung kam.

Internationale Bedeutung erreichte die Börse nie: Sie hatte nur drei Mal in der Woche für ein paar Stunden geöffnet, die Broker notierten mit Filzstiften die aktuellen Kurse auf weiße Plastiktafeln, kein Computer weit und breit. Etwa 120 Aktien wurden in Bagdad gehandelt, mit einem Handelsvolumen von 100.000 bis 150.000 Dollar pro Tag. Ausländische Investoren hatten keinen Zutritt. Aufbruchstimmung nutzen

Derzeit versammeln sich im Gebäude der ehemaligen Börse in Bagdad Obdachlose statt Aktienhändler. Das soll nicht länger so bleiben, haben irakische Brokerhäuser beschlossen. Ihre Vision: Die Börse in Bagdad soll "eine der besten Börsen im Nahen Osten werden. Es wird eine Menge Investoren geben, Iraker, Araber, Ausländer. Das wird ein ganz großes Geschäft", schwärmt Broker Walid el Sadoon. El Sadoon ist Teil einer Gruppe von irakischen Brokern, die den Aufbau der Börse in Bagdad zusammen mit den Amerikanern organisieren wollen.

Auch die von den Amerikanern eingesetzte Zivilregierung will die Börse wieder aufbauen, möglicherweise schon zum Ende dieses Jahres. Die Aufbruchstimmung beflügelt die Gewinnphantasien. "Wir erwarten, dass die irakische Börse zu einem regionalen Handelszentrum wird", sagt Hussain Kubba, Eigentümer eines Brokerhauses. "Ich habe an meiner Firma festgehalten, obwohl sie in den vergangenen acht Jahren nur Verluste gemacht hat", erinnert er sich. Und: "Jetzt, da der Irak auf dem Weg zu einer freien Wirtschaft ist, will ich viel Geld machen." Klassische Kriegsgewinnler

Viel Geld zu verdienen gab es auch im Vorfeld und während des Irak-Krieges. Während weltweit die Börsen den herannahenden Krieg mit Talfahrten quittierten, kletterte im Februar 2003 – noch vor Ausbruch des Krieges - der Bagdad Stock Index um 18,2 Prozent auf 2212 Punkte.

Der Dienstleistungssektor schaffte damals ein Monatsplus von 45,5 Prozent. Die Industrietitel legten um 18,2 Prozent zu, die Agrartitel um sieben Prozent. Neben den Aktienwerten zogen auch die Notierungen für knappe und möglicherweise durch die Kriegshandlungen knapp werdende Güter an. Die Preise für Immobilien und Autos kletterten ebenso wie die Börsenkurse. Die heilende Wirkung der Börse

Einige Aktien werden inzwischen wieder gehandelt in Bagdad – wenn auch "unter der Hand", ganz ohne einen formellen Marktplatz und zu viel höheren Preisen als am letzten Börsentag im März. Auch Ausländer seien schon unter den Käufern. Sie profitierten davon, dass die Iraker ihr Aktienvermögen verkaufen müssten, um überhaupt etwas zum Leben zu haben. Dennoch hoffen sie, dass eine funktionierende Börse auch ein Signal an ausländische Investoren sendet. Auch sie sollen in Zukunft wohl Zugang zur Börse bekommen.

Für die einheimischen Unternehmen würde der Neuanfang an der Börse eine gewaltige Umstellung bedeuten: In Zukunft soll die Transparenz der Unternehmen gewährleistet, die Bilanzen geprüft und das Handelssystem kontrolliert werden. Bisher zum Beispiel veröffentlichten die irakischen Firmen Unternehmenszahlen nur einmal im Jahr. Daher mussten die Händler oft selbst quer durch das Land reisen, um genauere Daten einzusammeln. (arn)

Die Redaktion empfiehlt