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Afrika

Eine Nacht unter libyschen Rebellen

Die Einnahme der letzten Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani-Walid würde für die Rebellen das Ende des Krieges in Libyen bedeuten. Umso mehr Kraft stecken sie in diesen Kampf. Dabei leistet jeder das, was er leisten kann.

Rebellen bereiten ihre Waffen für die nächste Schlacht vor (Foto: Birgitta Schülke & Khalid El Kaoutit)

Rebellen bereiten ihre Waffen für den nächsten Kampf vor

"Gaddafi hat meine Jugend gestohlen. Schau Dir diese Jungs an - und all die, die gestorben sind." Hadj Miftah Arkami schweigt einen Moment. Den Tränen nah, zeigt er auf die jungen Kämpfer, die in dem geräumigen Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Manche dösen auf dem dicken, grauen Wollteppich, andere haben es sich auf den niedrigen Sofas bequem gemacht. In den Ecken stehen teure Mahagoni-Schränke mit bunten Karaffen und passenden Gläsern.

Bis vor einigen Wochen gehörte das Haus in der Nähe von Sirte, etwa 400 Kilometer östlich von Tripolis, einem hohen Mitglied des Gaddafi-Clans. Dann nahmen es die Rebellen aus Misrata in Besitz. Hadj Miftah Arkami ist seit dem Anfang des Krieges mit dabei.

"Jeder leistet das, was er kann"

Ein Rebell prüft seine Waffen (Foto: Birgitta Schülke & Khalid El Kaoutit)

Viele der Rebellen sind Zivilisten, den Umgang mit Waffen haben sie sich selbst beigebracht

"Schade, dass ich zu alt und schwach bin, um eine Waffe zu tragen", sagt er und schlurft nach draußen. Auf der Veranda schüttet er Kohle in einen verrosteten Eisenkasten, um Tee zuzubereiten.

"Diese Jungs haben das Unmögliche geschafft", sagt er, "sie brauchen Unterstützung". Dann ruft er mehrmals lauthals "Allahu Akbar" - "Gott ist groß" - und hebt seine zitternde Faust, so hoch er kann. "Allahu Akbar", schreien die anderen Rebellen ihm nach. Am Baum neben dem Haus ist ein Schaf festgebunden. "Euer Abendessen", sagt Hadj Miftah Arkami, zum ersten Mal mit einem Lachen im Gesicht.

Vom Automechaniker zum Waffenexperten

Das gleichmäßige Brummen des Dieselgenerators, der das Haus mit Strom versorgt, wird ab und zu von heftigen Einschlägen übertönt. Nebenan befindet sich eine Werkstatt, in der Waffen und Pick-Ups für die Front klargemacht werden. Abdelfatah Bouschruda, ein kleiner Mann in einem mit Öl befleckten T-Shirt, fährt Pick-Ups in die offene Garage, schaut sich Waffen und Munition genau an. Er habe in einer Autowerkstatt in Misrata gearbeitet, bis die Revolution ausgebrochen sei, erzählt er. In der Werkstatt der Rebellen wird sein Wissen gebraucht. "Ich habe hier gelernt, Waffen zu reparieren", fügt er hinzu und feuert mehrere Schüsse aus dem Granatwerfer in einen Sandhaufen. Die Geschosshülsen fallen klackernd auf den Boden.

Hadj Miftah Arkami scherzt mit Brigadeführer Ali Miftah vor dem Haus eines hohen Mitglied des Gaddafi-Clans, das die Rebellen vor ein Paar Wochen eingenommen haben (Foto: Birgitta Schülke & Khalid El Kaoutit)

Hadj Miftah Arkami sorgt für die Moral der Rebellen: mit frischem Tee und Scherzen.

Er sehne sich so sehr danach, dass der Krieg zu Ende geht, sagt er. Die Kämpfe um die Städte Sirte und Bani-Walid dauern schon Wochen. "Ich will einfach zu meinem alten Leben zurück", sagt der Automechaniker und hält kurz inne. "Ich will einfach schlafen gehen, ohne daran zu denken, dass es am nächsten Tag immer noch Krieg gibt." Sein neu gewonnenes Wissen brauche er nach der Revolution nicht mehr, sagt er. "Ich will in Frieden leben."

Nach dem Krauskopf kommt die Freiheit

Brigadeführer Ali Miftah aus Misrata (Foto: Birgitta Schülke & Khalid El Kaoutit)

Brigadeführer Ali Miftah im Interview mit der Deutschen Welle

Hadj Miftah Arkami verteilt kleine Gläser, gefüllt mit grünem Tee. Die jungen Kämpfer nehmen sie dankend an. Immer wieder rufen sie "Allhu Akbar". Hadj Miftah scherzt mit ihnen. Die Junggesellen unter ihnen sollten heiraten, sobald der Krieg vorbei ist, sagt der alte Lebensmittelhändler. "Das solltest du auch tun, Hadj Miftah", ruft einer von ihnen und löst damit lautes Gelächter aus.

Auch der alte Witwer lacht. Dann sagt er mit etwas ernsterer Miene: "Ihr sollt euere Freiheit genießen und ins Ausland reisen, um andere Länder kennenzulernen. Ihr habt schließlich die Freiheit, die uns unter der Herrschaft des Krauskopfes verwehrt geblieben ist." Mit "Krauskopf" ist Gaddafi gemeint. Wegen seiner Frisur haben Libyer dem ehemaligen Diktator Gaddafi diesen Spitznamen gegeben.

Auf der Veranda des Ferienhauses haben die Rebellen damit begonnen, ihre Waffen zusammenzusetzen. Geschosse für Maschinengewehre werden aufgereiht und mit dem nackten Fuß in die eiserne Halterung gedrückt. "Wir haben mehr als genug Munition", sagt ein Rebell und klopft mit einem Holzstab auf den Munitionsgürtel, um die Patronen in die richtige Position zu bringen. "Um sie vor NATO-Angriffen zu schützen, hat Gaddafi die Munitionskisten einfach am Straßenrand abgestellt. Wir haben sie eingesammelt." Auf dem Kohlebecken steht jetzt ein Topf. Große Fleischstücke schwimmen in dem roten Sud. Von dem Schaf, das vor ein Paar Stunden an den Baum gebunden war, keine Spur.

Keine gut organisierten Kämpfer

Rebellen entspannen sich vor dem großen Angriff auf Sirte (Foto: Birgitta Schülke & Khalid El Kaoutit)

Im Wohnzimmer eines Angehörigen des Gaddafi-Clans haben es sich die Rebellen gemütlich gemacht

Ein Mann kommt aus dem Haus und steigt langsam die Treppe vor der Veranda herab. Verschlafen reibt er sich die Augen. Der Kommandeur Ali Miftah hat nur zwei Stunden geschlafen. Er sei in Misrata gewesen, um die Versorgung für seine Brigade zu sichern und neue Kämpfer zu rekrutieren, erzählt der 40-Jährige, der eigentlich eine Mietautofirma besitzt. "Wenn Sirte fällt, dann wäre der Krieg vorbei", sagt er und streicht zögernd über seinen Dreitagebart. "Wir sind uns sicher, dass die Söhne Gaddafis sich in der Stadt aufhalten. Wenn wir sie festnehmen und Sirte befreien, dann haben die Söldner in Bani-Walid und anderswo keinen Grund mehr zu kämpfen", erzählt er.

Schon zweimal sind sie in Sirte zurückgeschlagen worden. Wegen des Mangels an Koordination zwischen den verschiedenen Brigaden konnten die vergleichsweise gut organisierten Gaddafi-Soldaten Angriffe von Rebellen immer wieder abwenden. "Natürlich sind wir unorganisiert", gibt Kommandeur Ali Miftah zu, "wir sind ja alle Zivilisten. Keiner hier hat eine militärische Ausbildung absolviert." Er setzt sich mit seinen Männern auf den Boden, um eine große silberne Aluminiumschüssel, die Hadj Miftah Arkami zuvor hingestellt hat. Sie ist mit dem dampfenden Eintopf gefüllt. Die Männer essen schweigend. Morgen soll der nächste Sturmangriff gestartet werden.

Kurze Nacht vor dem großen Angriff

Munitionskisten, die die Rebellen in Gaddafis Kasernen erbeutet haben (Foto: Birgitta Schülke & Khalid El Kaoutit)

Munitionskisten, die die Rebellen in Gaddafis Kasernen erbeutet haben

Es ist 23 Uhr. Das Licht vor der Terrasse geht aus. Der Generator schweigt. Die Männer ziehen sich langsam ins große Wohnzimmer zurück. Sie breiten ihre Schlafmatten aus und ziehen sich die bunten, synthetischen Kuscheldecken über den Kopf, die sie hier im Haus gefunden haben. Die ersten Männer schlafen schon, die Mütze über den Kopf gezogen. Stöhnend dreht sich der eine um, andere schnarchen leise. Neben ihnen ihre Habseligkeiten, verpackt in kleine Taschen: ein T-Shirt, eine Zahnbürste, ein Foto.

Hadj Miftah Arkami geht ins Bad. Die Badewanne mit Musikanlage und Massageeinrichtung zeugt vom Luxus der früheren Bewohner. Auf der Ablage liegt noch die Haarspange der kleinen Tochter des Hauses. Die Familie hat, wie viele andere Gaddafi-Anhänger, die Flucht ergriffen. Hadj Miftah Arkami legt sich schlafen. Die Nacht wird kurz. Schon am frühen Morgen wollen die Rebellen einen neuen Angriff auf Sirte starten. Auch diesmal wird Hadj Miftah Arkami dabei sein, um die Rebellen mit Zurufen zu motivieren. Sein Beitrag zur Revolution, sagt er.

Autoren: Birgitta Schülke und Khalid El Kaoutit
Redaktion: Anne Allmeling

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