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Politik

Eine Mutter kämpft gegen das Vergessen

Fünf Jahre nach dem Geiseldrama im Musicaltheater "Nordost" gedenken Moskauer der 130 Todesopfer. Ein Teil der Angehörigen verlangt heute vor Gericht Klarheit darüber, wer die Verantwortung für das Blutbad trägt.

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Es scheint, als hätte sie keine Tränen mehr. Tatjana Karpowa steht an diesem Tag an einer Gedenktafel vor einem Moskauer Musicaltheater an der Dubrowka-Straße. Die Gedenktafel erinnert an die Opfer einer Geiselnahme. Unter ihnen war auch Tatjanas Karpowas Sohn, Sascha.

Kreml bleibt hart

An jenem 23. Oktober 2002 spielt das Theater das Bühnenwerk "Nordost". Sascha, 31 Jahre alt und ein begabter Dichter und Gitarrenspieler, hat selbst schon mal ein Stück geschrieben: eine russische Version des amerikanischen Musicals "Chicago". Gemeinsam mit seiner Frau will er sich die Arbeit seiner Kollegen anschauen. Mitten in der Aufführung stürmen schwer bewaffnete Terroristen die Bühne, bringen mehr als 800 Menschen in ihre Gewalt. Die Terroristen fordern einen Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Der Kreml bleibt aber hart.

Nach drei Tagen beenden russische Einheiten die Geiselnahme gewaltsam. Zunächst wird über die Ventilationsschächte ein Spezialgas in den Theatersaal geleitet, dann greifen die Spezialkräfte das Gebäude an. Die Kidnapper und 130 Geiseln sterben. Die Rettungsaktionen verlaufen chaotisch. Die Krankenhäuser sind nicht auf die Aufnahme Hunderter mit Gas vergifteter Menschen vorbereitet. Die Ärzte wissen nicht, mit welcher Substanz sie es zu tun haben. Einige Geiseln sterben, weil sie nicht rechtzeitig behandelt werden.

Könnte ihr Sohn leben?

Tatjana Karpowa ist überzeugt, ihr Sohn könnte heute leben. Sie habe Beweise dafür – Unterlagen, die belegen, dass er lebendig unter den Leichen anderer Opfer gelegen hatte. Seine Körpertemperatur betrug noch 25 Grad, so dass man ihn hätte noch retten können, sagt die zierliche Frau.

Die Umstände der Geiselnahme und deren Beendigung sind von der russischen Generalstaatsanwaltschaft untersucht worden. Doch die Untersuchung wurde eingestellt. Die staatlichen Stellen weisen alle Vorwürfe zurück. Die Befreiung der Geiseln sei damals korrekt verlaufen, heißt es aus dem Kreml.

Keine Ruhe

Tatjana Karpowa jedoch kann seit jenen Tagen im Oktober 2002 keine Ruhe mehr finden. Sie will erfahren, wer an Saschas Tod schuld ist. Gemeinsam mit anderen Hinterbliebenen hat sie eine Initiative gegründet, hat versucht, vor russischen Gerichten zu klagen. Ohne Erfolg. Jetzt setzt sie all ihre Hoffnungen in den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dort haben einige Hinterbliebene eine Klage eingereicht. Das ist unsere einzige Chance auf Gerechtigkeit, sagt Tatjana Karpowa. Die Regierung müsse zur Verantwortung gezogen werden.

Tatjana Karpowa bleibt noch einen Moment stehen vor der Gedenktafel. Dort ist auch der Name ihres Sohnes eingraviert. Der Schmerz ist nicht weg, sagt Tatjana Karpowa, obwohl sie heute keine Tränen mehr zu haben scheint.