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Alltagsdeutsch – Podcast

Eine kleine Kölsch-Kunde

Die Kölner sind ein ganz eigenes Volk, mit einem ganz eigenen Bier und einer ganz eigenen Sprache: dem Kölsch. Das Kölsch – und das Kölsch – bekommt man in einem der zahlreichen Brauhäuser serviert. Von den Köbessen.

Sprecher:

Wenn der Immi – so nennt der Kölner jeden, der nicht aus Köln kommt – erstmals die Stadt am Rhein betritt, sollte er sie da kennenlernen, wo sie am mediterransten ist. Vielleicht in einem dieser "rituellen Versammlungsstätten der hiesigen Eingeborenen", wie Konrad Beikircher, Wahl-Kölner, Kabarettist und Immi, Kölns Brauhäuser und Kneipen nannte. Und da steht der Besucher dann mittendrin in der kölschen Lebensart. Dem Immi – auf Hochdeutsch dem Imitierten – wird dabei auffallen: der Kölner trinkt aus merkwürdigen stangenartigen Gläsern eine helle gelbe Flüssigkeit – Kölsch genannt. Von diesem Bier mächtig in Fahrt gebracht, versucht er sich dann redend die Welt zu erschließen. Und das vollbringt er in einer singenden, schwer verständlichen Sprache, deren manchmal recht plastische Bilder den Nagel auf den Kopf treffen, ohne zu verletzen.

Sprecherin:

"Das Brauhaus als obergäriges Feuchtbiotop der kölnischen Stadtgeschichte", davon erzählt Detlef Rick Einheimischen und Touristen in einer dreistündigen Wanderung durch Kölns Innenbezirk. Aber weit und breit ist noch kein einziges Brauhaus in Sicht. Stattdessen Weihwasser und Weihrauch. Denn die ungewöhnliche Stadtführung durch Kölner Brauhäuser beginnt ausgerechnet in einer der vielen romanischen Kirchen Kölns, in Sankt Andreas. Die kulturbeflissenen, aber vor allem durstigen Touristen staunen. In Köln regieren eben die vier großen Ks: Kirche, Kunst, Karneval und Kölsch, das obergärige helle Bier. Und der Kölner – genussfreudig wie er ist – bringt diese vier Dinge gerne unter einen Hut. So hat Detlef Rick den Ort mit guten Grund gewählt. Denn St. Andreas ist die Patronatskirche der Kölschbrauer.

Detlef Rick:
"Am 29. April eines jeden Jahres seit 1396 gehen die Kölner Brauer in diese Kirche oder in eine andere Kirche der Dominikaner, und dort wird ihnen die Messe gelesen. Und anschließend gehen sie dann auf ein zünftiges Brauermahl in eins der Kölner Bier- und Brauhäuser."


Sprecherin:

Das Kölsch, so erfährt der Zuhörer, war schon in alten Zeiten nicht nur Schmierstoff für Zunge und Gemüt, sondern auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Die Biersteuer machte im mittelalterlichen Köln ein Drittel des Stadthaushaltes aus. Und selbst Kaiser Maximilian I., der 1505 in Köln weilte, kurbelte den Kölschkonsum an. Maximilian war auf dem Weg zu einem Bankett beim Rat der Stadt. Durch einen Platzregen aufgehalten, stellte sich seine Majestät in eine Toreinfahrt der Schildergasse, damals eine der Hauptverkehrsstraßen Kölns. Dort blieb er nicht lange stehen. Denn er bekam ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte.

Detlef Rick:
"Max, kum erinn, mir han he jet zo drinke, mir han he jet zo müffele, un mir künne öhntlich fiere. Muss ich das übersetzen? Max, komm herein. Wir haben etwas zu trinken, wir haben etwas zu essen, und wir können auch ordentlich feiern hier. Er hat also seinen Tross hereingeholt, die Pferde angebunden am Haus, sind reingegangen, sind dringeblieben. Der Rat der Stadt hat Maximilian I. mitsamt seinem Tross an diesem Tag nicht wieder gesehen. Denn das, was da abging, dauerte neun Stunden. Wo war aber jetzt der Maximilian abgestiegen? Schildergasse 96. Da stand nämlich bis 1928 ein wunderbares romantisches Treppengiebelhaus, und das war das alte Zunfthaus der Kölschbrauer."

Sprecher:

In Köln werden eigentlich drei Sprachen gesprochen: reines Hochdeutsch, reines Kölsch und Hochdeutsch mit Knubbeln. Unser Stadtführer hier wechselt zwischen Kölsch und Hochdeutsch mit Knubbeln, das heißt Deutsch mit kölschen Untertönen, um für die Reisegruppe verständlich zu bleiben. Aber merke: der Kölner benutzt eigentlich sehr selten G's, denn ihm gerät fast jedes G zu einem J. So gibt es Jenossen statt Genossen und den lieben Jott statt den lieben Gott. Und es wird auch aus den meisten T's ein D. Also statt "zu trinken" sagt der Stadtführer hier zo drinke. Zo meint unter anderem zu und ist eine althochdeutsche Sprachform. Und das gilt wohl für die meisten Dialekte, dass in ihnen noch ältere Sprachformen lebendig sind. Kölsch ist eine weiche, singende, sehr bildhafte Sprache. Und sie ist äußerst nuancenreich. Zo müffele heißt nicht einfach nur zu essen, sondern meint, still vergnügt in kleinen Bissen etwas zu speisen, also mit Genuss essen. In der kölschen Sprache spiegelt sich außerdem die Stadtgeschichte wieder. Köln war freie Reichsstadt, durch napoleonische Truppen französisch besetzt und später zu Preußen geschlagen. Das hat auch die kölsche Sprache beeinflusst.

Sprecherin:

Das Brauhaus ist ein sozialer Ort, an dem Menschen der verschiedensten Art zusammenkommen, sich an die blank gescheuerten Tische setzen, den Alltag hinter sich lassen, im anheimelnden Lärmpegel von Hunderten von kleinen Gesprächen ein Bier trinken und Geschichten erzählen – wahre und gut erfundene. Zum Beispiel die Geschichte des Fressklötsch.

Detlef Rick:

"Dieser Ausdruck Fressklötsch führt zurück auf einen Herrn Arnold Klütsch, der hier lebte. Er war ein Hüne von Mensch, er war so groß wie breit, so tief wie dick, so hoch wie lang. Er war wirklich ein Mann von immensen Ausmaßen. Er wurde in Bruttoregistertonnen gemessen, ja. Und er aß und aß und aß und aß. Essen war quasi sein Hobby. Er hat nämlich gewettet, ich esse ein sechs Wochen altes Kalb zusammen mit einem Dreipfünder Koblenzer Sauerbrot. Er hat sich die erste Hälfte als Ragout servieren lassen, die zweite als Braten und hat denn zusätzlich mit dick Butter ran, damit dat flötsch un rötsch, das alles verspachtelt."

Sprecher:

Fressklötsch – so nennt der Kölner, der noch richtig Dialekt spricht, übrigens auch heute noch einen gefräßigen Menschen. Vielfraß hört sich dagegen weniger liebenswürdig an.

Sprecherin:
Das Gaffelhaus – eine gutbürgerliche Schenke – ist unsere nächste Station. Bei einem kühlen Kölsch erinnert Detlef Rick an das mittelalterliche Köln mit seinen Zünften. Und daran, dass Köln immer gut für sich selber sorgen konnte. Während des 30-jährigen Krieges beispielsweise blieb Köln von Kriegsgräueln weitgehend verschont.

Detlef Rick:

"Mit der einen Partei haben sie gehandelt, mit der zweiten Partei haben sie gemaggelt, mit der dritten haben sie geklüngelt und mit der vierten hatten sie nen Fisternöllche, und alle kauften in Köln, in Köln, in Köln, und Köln wurde reich."

Sprecher:

Da haben wir's: maggeln, klüngeln und ein Fisternöllche haben, eine Art kölscher Dreikampf. Und alle drei Ausdrücke haben eins gemeinsam: sie bezeichnen eine nicht ganz gradlinige Handlungsweise. Der berühmte Kölner Klüngel ist schon sprichwörtlich geworden. Das Wort kommt aus einer sehr alten deutschen Sprachform, dem mittelhochdeutschen klungelin. Und das heißt Knäuel. Klar – im übertragenen Sinn bezeichnet Klüngel oder Knäuel ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht zwischen Personen. Regelungen persönlicher oder öffentlicher Angelegenheiten werden heimlich mit Hilfe von Verwandten oder Freunden getroffen. Dazu gab's in Köln früher den Spruch:

Sprecherin:

"Der Klüngel verschaff dem eine e Pössje, dem andere en Ämpche und dem drette en riche Frau. – Der Klüngel verschafft dem einen einen Posten, dem anderen ein Amt und dem dritten eine reiche Frau."

Sprecher:

Wer es nicht so gut mit dem Klüngel hat, der kann immerhin maggeln. Maggeln kommt von der alten Sprachform makeln oder maken, was machen heißt. Wer maggelt, der macht heimlich Geschäfte oder treibt etwas, ohne dass der andere es weiß. Auch nicht gerade ein gradliniger Weg. Maggeln wird im rheinisch gefärbten Alltagsdeutsch heute noch gebraucht, wenn man etwas nicht so ganz ordentlich ausführt, dann hat man es halt irjenswie jemaggelt. Kommen wir jetzt zu dem Wort Fisternöllche – ganz wichtig. Das Wort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Fisternöll – oder wie hier in der Verniedlichung Fisternöllche – ist ein kölsch-ripuarisches Wort. Wieder ist dabei etwas Heimliches im Spiel. Diesmal eine heimliche kleine Liebelei.


Sprecherin:

Der heilige Petrus Martyr – auch Petrus von Mailand genannt – hatte sicher kein Fisternöll, höchstens mit dem lieben Herrgott. Eine Büste von Petrus Martyr thront über dem Eingang des Traditionsbrauhauses Früh. Petrus Martyr ist der Schutzpatron von Kölns Brauern. Kölsch und Kirche gehören schon seit 1164 zusammen. Bei der Überführung der Reliquien der Heiligen Drei Könige wurde zur Feier des Tages vor dem Dom Kölsch gereicht. Und unter den Augen eines Heiligen wirkt der Bierkonsum ja auch irgendwie legitimer.

Sprecher:
Der Kellner – in Köln auch Köbes genannt – tauscht übrigens so lange ein leeres gegen ein volles Glas Kölsch aus, bis der Gast ausdrücklich sagt, dass er genug hat – und das kann manchmal zu spät sein. Warum der Kellner in kölschen Brauhäusern Köbes heißt, dafür hat Detlef Rick seine eigene Erklärung:

Detlef Rick:
"Die Kölner waren schon immer fromm. Und da gibt's ja diesen Weg nach Santiago de … Komposthaufen, ja, Compostella, ja, so heißt es. Das ist der so genannte Jakobsweg, der so genannte Jakobsweg. Und die Kölschen Jungs haben sich auf diesem Weg, weil man ja Geld brauchte für so ne Reise, immer zwischendurch in den einzelnen Gastwirtschaften verdingt. Und da sich diese Art des Geldverdienens halt eben auch herumsprach hier in Köln und der Weg Jakobsweg heißt und der Köbes ja die kölsche Abart von Jakob ist, hieß es immer: Na Jung, gehste wieder köbese? Das hieß soviel wie: "Gehste wieder auf Wallfahrt und verdienst dir dann nebenbei dein Geld?" Und die Köbese, weil die ja bedienten, die Pooschte, weil die bedienten, wurden die mit der Zeit Köbese genannt."

Sprecher:
Das Kölsch wird übrigens in Stangen serviert. Das sind lange schmale Gläser mit 0,2 Litern Inhalt. Diese Stangen gibt es nur in und um Köln. Und bezahlt wird, was auf dem Bierdeckel steht.

Detlef Rick:
"Auf diese Bierdeckel macht der Köbes, so wird hier der Kölner Kellner genannt, seine Pötzjer. En Pootz ist eine Pforte, en Pötzje ein Pförtchen. Diese Striche – vier senkrecht, einer waagerecht – erinnern in Köln ja immer an eine Jägerzaunpforte. Der malt singe Pötzjer da drop, ja und hinterher muss man denn bezahlen."

Sprecherin:
Bierdeckel gibt es erst seit hundert Jahren, vor 1894 wurde die Bierrechnung noch anders registriert.

Detlef Rick:
"Da gab's in den Kölner Bier- und Brauhäusern Schiefertafeln. Und da wurden denn die Kreidestriche draufgemalt mit dem Namen. Und wenn man bezahlt hatte, wurde man ausgewischt, und wenn man nicht bezahlen konnte, stand man in der Kreide. Oder im Süddeutschen hatte man Dachlatten gehabt, dort wurden Kerben reingeschnitten und wenn man nicht bezahlen konnte, hatte man einen auf'm Kerbholz."

Sprecher:

Und hier sieht man mal wieder, wie sich Trinklust und Sprachbilder lustig miteinander vereinen. Denn heutzutage benutzt man in der deutschen Alltagssprache den Ausdruck in der Kreide stehen auch für die Tatsache, dass man bei jemandem Schulden hat. Auf dem Kerbholz wurden früher die Schulden durch Einritzungen vermerkt. Das Kerbholz war ein Stock oder ein Stück Holz. Die eine Hälfte des Stockes behielt der Schuldner, die andere der Gläubiger. Bei der Abrechnung wurden die beiden Hälften aufeinander gelegt, die Einschnitte gezählt und die Schulden bezahlt. Wenn heute jemand etwas auf dem Kerbholz hat, dann sagt man ihm damit nach, dass er etwas nicht Rechtes oder Falsches getan hat.

Sprecherin:
Kölsch ist übrigens ein eingetragenes geschütztes Warenzeichen, und nur die Brauereien in Köln und Umgebung dürfen dieses Bier so nennen.

Detlef Rick:
"Kölsch ist ein blankes, helles, hopfenbetontes, obergäriges Vollbier."

Sprecherin:

Und, darauf weist unser Führer durch Kölner Brauhäuser ausdrücklich hin, Kölsch ist natürlich gesund. Es spült die Nieren, der Hopfen beruhigt die Nerven, und die Bierhefe macht dank ihres Vitamin-B-Gehaltes eine gute Haut. Und so greift die Gruppe am Ende der Stadtreise in dem alten Brauhaus Malzmühle umso eifriger zum Bier. Und eines haben sie über das Kölsch auf jeden Fall gelernt.

O-Ton:
"Also, ich kann es mit mehr Genuss trinken, weil ich jetzt weiß, dass es gesund ist ..."

Musik:

Bläck Fööss: "Drink doch ene met"

"… Drink doch ene met,
stell dich nit esu ann,
du stehs he die janze Zick erüm.
Hässt du och kei Jeld,
dat is janz ejal,
drink doch met unn kümmer disch net drümm …"

Fragen zum Text

Zu den vier Bereichen, die für Köln prägend sind, gehört nicht …

1. Konsum.

2. Karneval.

3. Kirche.

4. Kunst.

Benutzt jemand das kölsche Wort müffeln, dann …

1. trinkt er/sie etwas.

2. isst er/sie etwas.

3. feiert er/sie.

Der Kölsche Klüngel ist …

1. ein Beutel zum Sammeln von Geld in Kirchen.

2. ein System von gegenseitigen Gefälligkeiten.

3. der Titel eines Gemäldes des Kölner Malers Heydenrich Groene.

Arbeitsauftrag

Die Kölner Band "Bläck Fööss" hat zahlreiche Mundart-Lieder veröffentlicht, die auch ernste Themen behandeln. Suchen Sie sich zwei dieser Lieder heraus und "übersetzen" Sie diese ins Hochdeutsche. Abschließend analysieren Sie, was die Gruppe mit den Liedern sagen will.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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