Eine Karriere für Brüssels unruhige Jugend | Europa | DW | 15.04.2016
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Europa

Eine Karriere für Brüssels unruhige Jugend

Der belgische Erstligist RSC Anderlecht versucht mit Fußball, seinen Beitrag zur Integration zu leisten. Talent-Programme eröffnen sozial gefährdeten Jugendlichen neue Chancen. Einige werden sogar Profis.

Eine Gruppe junger Männer in lila Trainingsanzügen macht Übungen vor dem Büro von Jean Kindermans. Einige überspringen Hindernisse, während der Rest der Gruppe mit dem Ball um sie herum läuft. "Das ist das U-19-Team, das im Halbfinale der europäischen Jugend gegen den FC Chelsea spielen wird", sagt Kindermans mit einem gewissen Stolz.

Der 51-jährige ehemalige Profifußballer ist verantwortlich für die jungen Spieler des Royal Sporting Club, kurz: RSC, Anderlecht. Seine Aufgabe ist es, die Spieler zu fördern. Der Erfolg jedes der Anderlecht Teams - seien es die Unter-19-Jährigen, die Unter-21-Jährigen oder auch das Profiteam - ist zum Teil auch ein Erfolg von Jean Kindermans. Er half vielen Nachwuchsfußballern, von klein auf ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

"Viele der jungen Spieler sind nun in der ersten Mannschaft", sagt er. "Einer der ersten war Lukaku, der nun für den FC Everton in der englischen Premier League spielt. Inzwischen spielen aber auch immer mehr Spieler des RSC in den belgischen Jugendnationalmannschaften oder sogar in der belgischen Nationalmannschaft der Männer."

Vor acht Jahren hatte der Verein damit begonnen, sein Projekt "Lila Talente" auf den Weg zu bringen. Aus ganz Belgien wurden junge Spieler nach Anderlecht geholt. In vielen Fällen bedeutet das für die Jungen, ihre Familien verlassen zu müssen und bei Familien in Anderlecht zu wohnen, so dass sie in der Nähe des Clubs leben können. Ihr Zeitplan im Verein ist dicht gedrängt. Schulunterricht und das Training kosten viel Zeit. Von morgens sieben Uhr bis abends um acht Uhr dauert der Arbeitstag der Spieler.

Brüssel: Jean Kindermans vom RSC Anderlecht (Foto: DW/Rönsberg)

Ex-Profi und Förderer junger Talente: Jean Kindermans vom RSC Anderlecht

Talente von nebenan

Manchmal finden die Vereinsscouts die jungen Talente in den entlegensten Winkeln Belgiens. Meistens jedoch müssen sie noch nicht einmal groß suchen. Ein Blick in die Baulücken und auf die Rasenflächen von Anderlecht reicht oft aus. Aber auch ein Blick in die Nachbarbezirke kann erfolgreich sein. "Molenbeek ist voller Talente", sagt David Steegen, Pressesprecher des RSC Anderlecht, und zählt Beispiele auf. "Michy Batshuayi hat bei uns gespielt und ist nun bei Olympique Marseille. Sein Bruder Aaron Leya Iseka ist eines unserer großen Talente und spielt in unserer ersten Mannschaft."

Aber während die vielversprechenden jungen Spieler aus Molenbeek in Sichtweite des Vereins leben, ist es trotzdem nicht leicht, sie für das Programm zu gewinnen. "Sie kommen nicht aus ihrer Nachbarschaft heraus", so Steegen.

Ein Ort für Jungs ohne Perspektive

Gerade in den vergangenen Wochen und Monaten ist Molenbeek auf der ganzen Welt als Unterschlupf von Dschihadisten bekannt geworden. Die Liste der Terroristen und der mutmaßlichen Terroristen mit Verbindungen zu Molenbeek ist lang und umfasst auch Abdelhamid Abaaoud, den Kopf der Pariser Attentate vom November vergangenen Jahres. Brahim Abdeslam, einer der Selbstmordattentäter, die 130 Menschen getötet hatten, lebte in Molenbeek. Sein Bruder Salah, einer der Verdächtigen, wurde in Molenbeek ein paar Tage vor den Anschlägen in Brüssel festgenommen. Er hatte sich in Molenbeek einige Monate verstecken können.

In Wirklichkeit, sagt Johan Leman, ein Anthropologe und Sozialarbeiter in Molenbeek, gebe es im dem Bezirk viele verschiedene Gebiete, darunter auch Quartiere der Mittelklasse. Aber wenn die Medien von Molenbeek reden, beziehen sie sich auf den Teil mit vielen Migranten und der sehr hohen Bevölkerungsdichte. Und jeder, der etwas Erfolg im Leben hat, verlässt diesen Teil Molenbeeks. So bleiben in diesem Stadtteil die zurück, die keine Perspektive haben. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Molenbeek bei 40 Prozent. Da sind junge Menschen eine leichte Beute für Extremisten.

Fußballspieler Romelu Lukaku, 2010 (Foto: picture alliance/dpa)

Profispieler Romelu Lukaku im Anderlecht-Trikot

"Auch die belgischen Schulen tragen eine Mitschuld", sagt Lehrer Jean François Lenvain. "Ich glaube, dass die Schulen nicht genug für Jugendliche mit Migrationshintergrund getan haben. Einige sind natürlich sehr gut integriert, aber eine Minderheit geht verloren, gibt die Schule auf und hat immer weniger die Möglichkeit, Erfolg im Leben zu haben. Und dann ist es einfach, solche Menschen davon zu überzeugen, sich zu radikalisieren und nach Syrien zu gehen."

Die Abwärtsspirale stoppen

Beim RSC Anderlecht ist Lenvain zuständig für die Sozialabteilung. Ursprünglich suchte das Talentprogramm des Vereins in der niederländischsprachigen Region Flandern nach vielversprechenden Jungen, sagte er. Doch inzwischen sieht der Verein sich auch in den französischsprachigen Gegenden um Brüssel um.

"Wir waren uns bewusst, dass es viele junge talentierte Spieler aus schwierigen Stadtteilen mit einem Migrationshintergrund aus Afrika südlich der Sahara gab, aus den Maghrebstaaten wie Marokko. Die waren nicht frühzeitig zum Fußball gekommen, hatten die Schule verlassen und befanden sich auf einer sozialen Abwärtsspirale."

So wie ein kleiner Junge aus dem ländlichen Flandern, der in eine Molenbeeker Gastfamile kam. "Das war der Fall von Aaron Leya Iseka", sagt David Steegen. "Er lebte in der Pflegefamilie während der Woche, da seine Eltern ihn nicht immer hierher bringen konnten. Sie konnten nicht dafür sorgen, dass er ein erfolgreicher Spieler wird."

Der RSC Anderlecht ist davon überzeugt, dass sein Programm, Bildung und Ausbildung zu kombinieren, ein guter Weg für diejenigen ist, die nie in einem der europäischen Topclubs spielen werden. Der Verein fördert nicht nur Talente für den eigenen Club und die Nationalmannschaft. Er leistet auch seinen Anteil dazu - davon ist die Vereinsspitze überzeugt -, Jugendliche aus schwierigen Brüsseler Statteilen davor bewahren, sich zu radikalisieren.

"Die Chance, dass Spieler, die an dem Programm teilnehmen und gute Fußballer werden wollen, sich später radikalisieren, ist wesentlich geringer", sagt Lenvain. "Das liegt daran, dass sie bereits eine Identität entwickelt haben und ein Ziel verfolgen."