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Politik & Gesellschaft

Eine Jugend unter Verdacht

Semiya Şimşek, Tochter des Neonazi-Opfers Enver Şimşek, hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. Kurz vor dem Prozess gegen die Rechtsterroristin Beate Zschäpe fühlt sie sich wieder vom deutschen Staat allein gelassen.

Es ist nur ein kleines Detail, das der Lektor Wilhelm Trapp erzählt, aber im Grunde genommen steckt darin bereits die ganze Geschichte. Als der Verlag die Herausgabe der Erinnerungen Semiya Şimşeks vorbereitete, wollte er ihre Geschichte mit einigen Familienfotos illustrieren. Semiya Şimşek ist die Tochter von Enver Şimşek, dem türkischen Blumenhändler, der im Jahr 2000 das erste Opfer der rechtsradikalen Zelle Nationalsozialistischer Untergrund wurde. In dem Buch hat sie ihre Familiengeschichte aufgeschrieben, doch die Bilder dazu konnte sie nicht liefern. Die Polizei hat sämtliche Alben der Familie beschlagnahmt – und bis heute nur wenige Bilder zurückgegeben.

"Schlimmer als in der Erinnerung"

Semiya Şimşek (r.) auf der Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer im Februar 2012 Foto: Michael Kappeler (dpa)

Semiya Şimşek (r.) auf der Gedenkveranstaltung für die NSU-Opfer im Februar 2012

Semiya Şimşek hat die Geschichte der "zweiten Ermordung" ihres Vaters - so nennt sie die Zeit zwischen dem Tod im Jahr 2000 und der zufälligen Entdeckung der rechtsradikalen Terrorzelle - schon einmal öffentlich erzählt. Sie hat für die Angehörigen der zehn Opfer auf der Gedenkfeier gesprochen, die elf Jahre nach dem Tod ihres Vaters stattfand. Sie hat das Leben unter Verdacht geschildert, die Zweifel und das Misstrauen, das der Familie von Behörden und Öffentlichkeit entgegengeschlagen ist. "Dass mein Vater nur ein Opfer war, kam einfach nicht in Betracht", sagt Şimşek bitter.

Inzwischen hat sie als Nebenklägerin Einsicht in die Akten bekommen. Versöhnlich hat Semiya Şimşek das nicht gestimmt. Im Gegenteil. Heute sagt sie: "Es war alles noch schlimmer, als wir es in Erinnerung hatten." Denn die Akten dokumentieren all die Verdächtigungen und Vorwürfe, mit denen die Familie jahrelang konfrontiert war und förderten neue Details zutage, zum Beispiel, dass ihre Mutter jahrelang abgehört wurde. Zur Begründung stand da, die Familie habe nicht alles gesagt. "Ich konnte das kaum glauben", sagt Semiya Şimşek. Ihr Buch heißt "Schmerzliche Heimat". Es handelt von einer glücklichen Kindheit im östlichen Hessen, die endet, als ihr Vater ermordet wird. Es folgt eine Jugend, die geprägt ist von Verdächtigungen und Zweifeln.

NSU-Mordopfer Enver Şimşek Foto: privat (dpa)

NSU-Mordopfer: Enver Şimşek, Vater von Semiya

"Kleine Prinzessin" nennt sie der Vater. Es ist eine liebevolle Familie, die sie schildert, und es ist eine erfolgreiche Familie. Der Vater arbeitet sich vom Verkäufer an einem Blumenstand zum Blumen-Großhändler hoch, fährt einmal die Woche nach Holland zu Blumen-Auktionen, bindet Sträuße, beliefert bald viele Blumenläden in der Kleinstadt Schlüchtern und Umgebung. Die Familie wird wohlhabend, dennoch steht der Vater am Wochenende weiterhin an einem seiner Blumenstände - er betreibt inzwischen mehrere - an einer Autobahnauffahrt. Wenn Semiya etwas vermisst an ihrer Kindheit, dann, dass der Vater immer weniger Zeit hatte, je älter sie wurde. Es ist eine Geschichte, wie man sie in Deutschland eigentlich gerne hört: Ein Einwanderer, der sich mit Talent und Fleiß emporgearbeitet hat. Es ist, wie es der Lektor formuliert, "eine deutsche Karriere".

Polizisten auf dem Krankenhausflur

Auch an dem Tag, als Enver Şimşek ermordet wird, hat er seinen Blumenstand an der Auffahrt zur Autobahn A9 bei Nürnberg aufgebaut. Die Polizei findet ihn erschossen in seinem Lieferwagen. Die Tochter, die auf ein Internat geht, wird nachts aus dem Schlaf gerissen und von einem Onkel ins Krankenhaus gebracht, wo der Vater im Koma liegt. Noch bevor sie bei ihm ist, wird sie von einem Polizisten abgefangen, der das 14-jährige Mädchen fragt, ob ihr Vater eine Waffe trage, ob er Feinde habe. Von der Mutter wollten die Ermittler später wissen, ob ihr Mann eine Geliebte hatte, erkundigten sich nach Eheproblemen, fragten, ob das Paar regelmäßig Sex gehabt habe. "Das Ganze war für uns kaum zu ertragen. Wir waren die Verdächtigen", erzählt sie. Dann wieder wurde über einen Mafia-Hintergrund spekuliert, Drogengeschäfte vermutet, Spielschulden. "Ehrlich gesagt: Hier und da begannen wir auch zu zweifeln", sagt Şimşek.

Mit Fotos der Mordopfer gedenken Menschen am Rande des Gendarmenmarktes in Berlin der Opfer der Neonazi-Zelle Foto: Bernd Settnik (dpa)

Gedenkveranstaltung für die Opfer in Berlin 2012

Der Raum in der Bundespressekonferenz ist voll besetzt, als Semiya Şimşek ihr Buch vorstellt. Eine Mauer von Kameras schirmt sie und ihre Anwälte vom Rest der Journalisten ab. Semiya Şimşek wirkt angespannt, liest zuerst mit etwas spitzer Stimme einen vorbereiteten Text vom Papier ab.

In einem Monat soll der Prozess gegen die einzige Überlebende des Terror-Trios, Beate Zschäpe, beginnen. Semiya Şimşek tritt für ihre Familie als Nebenklägerin auf. Sie möchte der Verdächtigen Fragen stellen: Warum ausgerechnet unsere Familie? Haben die Terroristen jemals an die Angehörigen ihrer Opfer gedacht? Sie möchte diese Fragen selbst stellen, weil es persönliche Fragen sind, aber auch, weil sie der Staatsanwaltschaft nicht traut. "Ich will mich von den Behörden nicht mehr abfertigen lassen" sagt die junge Frau, die inzwischen in der Türkei lebt. Von den deutschen Behörden ist sie enttäuscht. Sie habe sich mehr Anstrengungen bei der Aufklärung der Verbrechen und vor allem mehr Zuwendung für die Opfer erwartet, sagt sie. Sie hätte sich gewünscht, dass Vertreter der Regierung oder des Untersuchungsausschusses sie einmal kontaktiert hätten, um sie über den Stand der Ermittlungen zu informieren.

Unsensibles Gericht

Das Oberlandesgericht München, das muss man wohl so sagen, hat in der Zwischenzeit nicht den Eindruck vermittelt, als sei ihm die Sensibilität dieses Prozesses bewusst - weder der Öffentlichkeit noch den Angehörigen gegenüber. In dem Saal, der für die Verhandlung vorgesehen ist, stehen für Journalisten und Besucher nur 100 Plätze zur Verfügung. Die Bitte des türkischen Botschafters, man möge ihm als Prozessbeobachter einen Platz reservieren, wurde abgewiesen. Eine Anregung der Angehörigen, den Prozess auf eine Leinwand zu übertragen, damit sie ihn in einem anderen Raum verfolgen können, wurde als unangemessen abgetan.

Semiya Şimşek mit ihrem Buch Schmerzliche Heimat Foto: Carsten Koall (Getty Images)

Semiya Şimşek mit ihrem Buch "Schmerzliche Heimat"

Der Prozess sei kein "Public Viewing", sagte eine Sprecherin und wies Journalisten zurecht, sie sollten bitte nicht von einem "Jahrhundertprozess" sprechen. Das erinnere sie nämlich an die Nazis, die von einem "tausendjährigen Reich" sprachen - "das dann vielleicht nur 15 Jahre gedauert hat oder sowas in der Art". Sie hat sich inzwischen von diesen Äußerungen distanziert.

Ob sie sich vorstellen könnte, wieder in Deutschland zu leben, möchte ein Journalist von Semiya Şimşek wissen. "Natürlich", sagt sie. "Deutschland ist meine Heimat." Und dann spricht sie noch von Vertrauen: "Wenn der Prozess so verläuft, wie ich mir das vorstelle, könnte ich diesem Land wieder vertrauen. Ich möchte mit Stolz sagen können: Ich bin Deutsche und hier geht es mit Gerechtigkeit zu."

Semiya Şimşek (mit Peter Schwarz): Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater, Rowohlt, Berlin 2013

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