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Europa

Eine Journalistin fragt: Die Niederlande - eine offene Gesellschaft?

Die Niederlande - eine offene Multikulti-Gesellschaft? Der Bestseller "Schaut endlich hin!" der Journalistin Margalith Kleijwegt erteilt dieser Vision eine klare Absage. Nun ist das Buch auch in Deutschland erschienen.

Ermordung Theo van Gogh - AP

Das Ereignis, dass die Niederlande veränderte: Die Ermordung des Regisseurs van Gogh durch einen Moslem im November 2005

Ein Jahr lang besuchte die niederländische Journalistin Margalith Kleijwegt Achtklässler einer Hauptschule im Amsterdamer Stadtviertel Slotervaart. In diesem Stadtteil wuchs auch Mohammed Bouyeri auf, der am 2. November 2004 den Filmregisseur Theo van Gogh erschoss, weil er - nach Ansicht des Mörders - den Islam beleidigt habe. Für Margalith Kleijwegt, die in diesen Tagen ihre Recherchen in Slotervaart beendet hatte, kam die Tat nicht überraschend. "Ich war nicht erstaunt, als es passierte. Es haben alle darauf gewartet. Es war so ein isoliertes Viertel, und die Kinder waren so anti-westlich, es war eine so unangenehme Atmosphäre."

Margalith Kleijwegt weiß, wovon sie spricht. Die achte Klasse des 'Calvijn met Junior College', die sie tagtäglich besuchte, bestand fast nur aus Migranten-Kindern, meistens marokkanische und türkische Jugendliche. 19 von ihnen konnte sie sogar zu Hause besuchen, mit ihren Eltern sprechen. Wobei sprechen schon zuviel gesagt ist. Denn die Verständigung klappte - wenn überhaupt - nur, wenn ihre Kinder dolmetschten. "Ich saß da für ein Interview, und da konnte niemand Holländisch. Und dann waren die Kinder da und halfen den Eltern und mir. Man braucht Zeit." Nicht in allen Fällen sei sie weit gekommen, nur in manchen.

Fremdsprache Niederländisch

Mohammed Bouyeri tötete den Regisseur,

Mohammed Bouyeri tötete den Regisseur, weil er seiner Ansicht nach den Islam beleidigte

Die Autorin hat erfahren, dass die vielbeschworene multikulturelle Gesellschaft der Niederlande so nicht existiert. In Vierteln mit hohem Migrantenanteil ist Niederländisch eine Fremdsprache, im Fernsehen laufen fast nur Programme aus den Heimatländern der Einwanderer. Bei arabischen Haushalten sind es insbesondere Al-Dschasira oder das offen antisemitische Iqra-TV. Die Autorin erlebte immer wieder, dass die Autorität der Väter beschädigt ist, weil sie oft keine Arbeit haben, schlecht Niederländisch sprechen und ihr sozialer Status niedrig ist.

In dieser Situation flüchten manche Jugendliche in die Resignation, nehmen Drogen. Andere schließen islamistischen Predigern an oder werden gewalttätig. Das rufe in der Mehrheitsgesellschaft Ängste hervor, sagt Margalith Kleijwegt. "Ich glaube, dass es ein europäisches Problem ist. Und ich glaube, dass die Europäer sehr ängstlich sind gegenüber den Migranten und auch dem Islam. Das macht es auch so kompliziert."

Migranten zu Hause aufsuchen

Will man aber erreichen, dass sich Migranten integrieren, dann muss nach Ansicht der Autorin diese Angst überwunden werden. So müsse etwa der Kontakt mit Migrantenfamilien auf der Tagesordnung von Lehrern und Sozialarbeitern stehen. Wenn es nicht anders gehe, sollte man sie zu Hause aufsuchen. In der Folge der Diskussion, die das Buch von Margalith Kleijwegt in den Niederlanden ausgelöst hat, sind tatsächlich solche Maßnahmen getroffen worden. Mehr noch: Jedem einzelnen jugendlichen Migranten steht mindestens ein Betreuer zur Seite, der ihn nicht nur auf Ämtern und Behörden begleitet, sondern ihm auch dabei hilft, die Schule zu absolvieren, einen Beruf zu erlernen und eine Arbeit zu finden.

Es sei aber nicht nur der Staat gefordert, sondern auch die Eltern der Jugendlichen, sagt die Autorin. "Sie sind nicht nur die Armen. Die Eltern sind nicht nur die Opfer, sie sind auch Bürger wie Sie und ich. Deshalb soll man die Leute auch so ansprechen. Wenn sie Probleme haben, dann helfen wir."

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