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Deutschland

"Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit"

Am "Equal Pay Day" (23.03.2012) stand wieder der deutliche Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen im Fokus. Die Differenz ist in keinem anderen Land Europas größer als in Deutschland.

Noch nie waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Trotzdem kommen sie in Deutschland noch immer nicht zum Zug. "Im Jahr 2011 haben Frauen in Deutschland 23 Prozent weniger verdient, als Männer", berichtet Roland Günther vom Statistischen Bundesamt. Bei der Erbringung von freiberuflichen oder wissenschaftlichen Dienstleistungen etwa hatten Frauen im vergangenen Jahr einen durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von rund 17 Euro, Männer hingegen bekamen mehr als 25 Euro pro Stunde.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt aktuell zu dem Ergebnis, dass die Lohndiskriminierung bei Frauen in keinem anderen europäischen Land größer als in Deutschland ist. "Das ist in der Tat eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die wir immer noch haben - und das nach mehr als 50 Jahren, wo die Lohngleichheit in den Römischen Verträgen ganz klar festgeschrieben ist", sagt Astrid Rothe-Beinlich.

Gesetzliche Schritte sind notwendig

Astrid Rothe-Beinlich (Foto: Die Grünen)

Astrid Rothe-Beinlich, B’ 90/ Die Grünen

Die frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen plädiert daher für ein "Gesetz zur Lohngleichheit", in dem Unternehmen verpflichtet werden sollen, Lohndiskriminierung zu analysieren und abzuschaffen – Sanktionsmöglichkeiten inklusive. "Wir fordern Gewerkschaften und Unternehmen dazu auf, ihre Tarifverträge so auszugestalten, dass Benachteiligungen ausgeschlossen werden." Ein weiterer wichtiger Grund für Deutschlands traurige Spitzenreiterposition bei der geschlechtsspezifischen Lohndiskriminierung sei maßgeblich auf die tradierte Steuergesetzgebung zurückzuführen. Die nämlich gehe noch immer vom Allein-Ernährer-Modell aus, bei dem Frauen lediglich als Zuverdiener gelten. Sichtbar werde dies etwa bei den Steuerklassen oder der Möglichkeit der kostenlosen Mitversicherung von Ehefrauen. "Hier werden Anreize geschaffen, dass Frauen eher zuhause bleiben, statt sich tatsächlich am Erwerbsprozess zu beteiligen", sagt Astrid Rothe-Beinlich.

Kaum Frauen im Top-Management

Anne Wenders (Foto: Deutsche Telekom)

Anne Wenders, Sprecherin der Deutschen Telekom

Doch nicht nur in Sachen Lohn hinkt Deutschland hinterher. In den Topetagen der deutschen Wirtschaft sind Männer nahezu unter sich. Nur vier von hundert Vorstandsposten sind mit Frauen besetzt. Bewegung gibt es offenbar im mittleren und oberen Management: "Nach der Einführung der Frauenquote bei der Deutschen Telekom im März 2010 hat sich der Frauenanteil im mittleren und oberen Management von 19 auf 24,7 Prozent erhöht", sagt Anne Wenders, Sprecherin des Unternehmens. In der Vorstandsetage allerdings sind auch hier Frauen deutlich unterrepräsentiert.

Ohne Quote keinen Spitzenjob

Die Gründe hierfür sind verschieden. Wenn leitende Personen glauben, dass Familie und Karriere nicht vereinbar seien, fördern sie Frauen oft weniger als Männer. In vielen Unternehmen ist es für Frauen zwar kein Problem, bis ins mittlere Management aufzusteigen. Doch beim Versuch, ins Top-Management zu gelangen, stoßen sie dann an Grenzen. Das hat damit zu tun, dass die männlichen Netzwerke bis zum Vorstandschef reichen, während die weiblichen Spitzenpositionen weiter unten zu Ende sind.

Fachkompetenz und der Wille allein reichen offenbar nicht aus, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Während man in den 90er Jahren den Schwerpunkt bei der Frauenförderung auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie legte, setzt man heute auf die Quote. "Wir glauben nicht daran, dass sich der Frauenanteil in Spitzenpositionen von selbst erhöht", sagt Astrid Rothe-Beinlich. Gerade Bündnis 90/ Die Grünen hätten viel Erfahrung mit der Quote, die einzigartig wirkungsvoll sei. "Und deswegen plädieren wir auch für verbindliche Quotenregelungen." In vielen erfolgreichen vor allem multinationalen Firmen wurden in den letzten Jahren die Fragen von Gender und Diversity verstärkt auf die Tagesordnung gesetzt. Nicht zuletzt deshalb, weil es offenbar in vielen Branchen an qualifizierten Fach- und Führungskräften mangelt, aber auch angesichts einer demographischen Entwicklung, die zu einem Arbeitskräftemangel führen wird. Frauen gelten als die "Begabtenreserve", ohne die es in Zukunft nicht mehr geht.