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Litauen

Eine Geschichte vom Tod und vom Überleben

Deutsch, litauisch, jüdisch: Es gab eine Zeit, da hat dies keine Rolle gespielt, man lebte friedlich nebeneinander. Der Krieg hat vieles davon zerstört. In seinem Schatten aber gab es Freundschaft und Solidarität.

Margarete Holzman sitzt in ihrem Wohnzimmer in Gießen und hält ein altes Foto in der Hand: "Das hier ist meine Schwester Marie“, sagt sie. Auf dem Bild von 1940 ist ein hübsches junges Mädchen mit offenem Blick und einem Lächeln zu sehen: "Wir haben uns manchmal gestritten wie die Kesselflicker, aber wir haben uns sehr geliebt - obwohl wir so grundverschieden waren." Marie, die lebhafte, extrovertierte ältere und Margarete, die stille, schüchterne jüngere Schwester.

Ein Bild im Fotoalbum zeigt Helene Holzman und ihre kleinen Töchter Marie und Margarete (Foto: DW/Per Henriksen)

Ein Bild aus Kindertagen: Helene Holzman und ihre kleinen Töchter Marie und Margarete

1923 war die Familie von Jena nach Kaunas übergesiedelt, in die damalige Hauptstadt der Republik  Litauen. Hier gibt es eine große deutschsprachige Gemeinschaft und ein besonderes Interesse an deutscher Kultur. Die Mutter, Helene, ist Malerin und Kunstlehrerin. Der Vater, Max Holzman, betreibt bald eine gut gehende internationale Buchhandlung, die zum Treffpunkt für die Intellektuellen der Stadt wird. Holzman hat jüdische Wurzeln, doch Religion spielt in seinem Alltag keine Rolle. In der neuen Heimat trifft die Familie nun auf ein selbstbewusstes, integriertes Judentum mit vielfältigen kulturellen Einrichtungen.

Besatzung und Tod

1936 - die Töchter sind mittlerweile 12 und 14 Jahre alt - werden die Holzmans litauische Staatsbürger. Es ist ein gut situiertes, ein bildungsbürgerliches Leben bis zu jenem 25. Juni 1941. Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht wird Max Holzman von litauischen Helfershelfern der Nazis verhaftet und verschwindet spurlos irgendwo in den Mordstätten, die von der SS zur Vernichtung der Juden eingerichtet worden waren. Tochter Marie, die sich mit jugendlichem Elan für Frieden einsetzt und einer kommunistischen Jugendgruppe angehört,  wird ebenfalls verhaftet und schließlich Ende Oktober erschossen. Sie ist 19 Jahre alt.

Margarete Holzman (Foto: DW/Per Henriksen)

Erinnern, erzählen, gedenken: Margarete Holzman heute

Zurück bleiben die 16-jährige Margarete - in der Rassenideologie der Nazis eine "Halbjüdin" -  und ihre Mutter. Auch ihr Leben ist bedroht, immer wieder wird die Wohnung durchsucht, der Alltag im besetzten Kaunas ist schwierig. "Jeden Tag geschah etwas Grauenhaftes", erinnert sich Margarete im Gespräch mit der Deutschen Welle. Doch die beiden schlagen sich durch. Das junge Mädchen findet Arbeit in einem Schreibbüro. Die Mutter schüttelt Verzweiflung und Angst ab und wird zu einer lebensrettenden Helferin für  andere Verfolgte. "Sie war eine mutige und starke Frau. Ich wusste, sie ging ihre geheimen Wege, während ich bei der Arbeit war. Wenn ich nach Hause kam und sie war nicht da, bin ich fast verrückt geworden vor Angst", erzählt Margarete Holzman und hält dabei die Familienfotos ganz fest in den Händen.

Ein Kind aus dem Ghetto

Gut 1500 Kilometer weiter, im Nordosten Europas: Kaunas, Litauen. Die 79-jährige Fruma Kucinskiene schaut nachdenklich in die grünen Bäume vor dem Fenster. Sie geht ihren Erinnerungen nach. Wenn sie von Margarete spricht, sagt sie liebevoll "meine Schwester". Und noch heute ist die mittlerweile verstorbene Helene Holzman ihre "Tante Lene". Kennen gelernt hat sie sie im Herbst 1943: "Als ich Tante Lene das erste Mal gesehen habe und hörte sie Deutsch sprechen, da dachte ich, ich muss mich schnell verstecken!" Fruma ist damals zehn Jahre alt, ein jüdisches Mädchen, das schon längst keine Kindheit mehr hat, das in einen Abgrund aus Tod und Verzweiflung geblickt hatte, ein Ghetto-Kind.

Video ansehen 03:54

Fruma Kucinskiene erinnert sich an das Leben im Ghetto Kaunas

"Es ist ein Wunder, dass ich überlebt habe", sagt sie heute und sie weiß, dass sie dieses Überleben auch Helene und Margarete Holzman verdankt. Helene Holzman war Teil eines Netzwerks von mutigen Menschen, die verfolgten Juden halfen, Lebensmittel und Quartiere beschafften - vor allem aber Kinder aus dem Ghetto Kaunas herausschmuggelten und versteckten: in ihren eigenen Familien, bei Bekannten, oder auch, unter falscher Identität, in Kinderheimen. In Helenes kleiner Wohnung waren manchmal bis zu sieben Personen untergebracht.

Stille Helden

Das Original-Tagebuch von Helene Holzman (Foto: DW/Per Henriksen)

In der Schublade in Gießen: Das Original-Tagebuch von Helene Holzman

Helene Holzman war eine von denen, deren uneingeschränkte Solidarität mit den Verfolgten erst viele Jahre später einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Nach dem Krieg hat sie ihre Erinnerungen in Notizheften festgehalten, die jahrelang in einer Schublade schlummerten. Daraus ist schließlich ein Buch entstanden, dessen Publikation die Autorin allerdings selbst nicht mehr erlebte. Wer heute Museen und Gedenkorte in Litauen besucht, trifft überall auf ihren Namen.

Auch das Haus, in dem die Holzmans wohnten und in dem die zehnjährige Fruma monatelang unter dem litauischen Decknamen "Danute“ lebte, steht noch. Und es sieht, wie sie sagt, noch fast genauso aus wie damals. - Wir stehen im Garten, Fruma schaut zur Fassade hoch, zum blumengeschmückten Balkon und dann zu einem kleinen Fenster links: "Dort war mein Versteck, da habe ich immer rausgeschaut".

Das Fenster zum Versteck von Fruma (Foto: Kestutis Zabotkus)

Hinter diesem Fenster war Frumas Versteck

Das Leben im Untergrund, unter falscher Identität, ist für die jüdischen Kinder geprägt von Angst und Unsicherheit. Litauische Nachbarn sind oft neugierig oder misstrauisch, manche informieren die Polizei, dann muss in aller Eile ein neues Quartier besorgt werden. Auch das Mädchen Fruma wechselt mehrfach das Versteck. Zu den Holzmans hält sie Kontakt. Lange erfährt sie nicht, was ihrer eigenen Familie geschehen ist:  "Gleich nach dem Krieg ging ich jeden Abend zur Synagoge, dort hingen Listen aus mit den Namen derjenigen, die aus dem Konzentrationslager zurück gekommen waren". Ihre Eltern und ihr Bruder sind nicht dabei. Sie verbrannten in ihrem Versteck, als das Ghetto im Juli 1944 liquidiert wurde. Noch heute fällt es Fruma schwer, darüber zu sprechen.

Nachkriegs-Trauma

Margarete und Helena Holzman mit Fruma Vitkimaité, Foto von 1946 (Foto: privat)

Helene und Margarete Holzman mit Fruma 1946

Was die bescheidene 79-Jährige auch nicht erwähnt, ist ein Rettungsakt aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Margarete trägt die Geschichte nach. Ein Tag im Sommer 1945: der Krieg ist vorbei, sowjetische Truppen sind auch in Kaunas einmarschiert, Fruma, die Waise, lebt nun ganz legal bei den Holzmans, sie geht zur Schule und ist plötzlich die einzige Jüdin in der Klasse. Ein Armee-Lastwagen hält vor dem Haus. Helene und Margarete Holzman müssen in aller Eile ein paar Sachen zusammenpacken – sie sollen nach Sibirien deportiert werden. Jetzt gelten sie wieder als Deutsche. Fruma droht der Verlust ihrer neuen Pflegefamilie. Panisch und verzweifelt alarmiert sie Nachbarn, die wiederum einen hohen NKWD-Offizier anrufen. Das Wunder geschieht: Der Geheimdienstler ordnet an, dass die beiden Holzmans in ihre Wohnung zurück dürfen. Dort sitzen allerdings bereits einige Russen, denen man die Wohnung zugeteilt hat. "Eine ziemlich bizarre Situation – die tranken da schon Tee. Aber sie mussten gehen", erinnert sich Margarete Holzman noch 67 Jahre später.

1965 sind die Holzmans in den Westen ausgereist. Margarete und Fruma leben heute viele Kilometer voneinander entfernt. Sie sind sich nah geblieben, so nah, wie es nur Schwestern sein können. Sie telefonieren, besuchen sich, lachen miteinander und übereinander. Ihre Söhne, Nichten und Neffen haben auch Kontakt. Die Geschichten vom Leben und Sterben, von Rettung und Freundschaft verbinden sie seit mehr als sechs Jahrzehnten. Und Marie, die Muntere, Lebenslustige, bleibt unvergessen.   

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