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Deutschland

Eine Geschichte des Verdrängens

Die Studie zu den Verbrechen des Auswärtigen Amtes im "Dritten Reich" zeigt: Die Erinnerung an die Nazizeit ist noch immer von Mythen geprägt. Zur Geschichte der Aufarbeitung gehört auch die Geschichte des Verdrängens.

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Ja, es ist erschütternd, wie deutsche Diplomaten im Zweiten Weltkrieg den Holocaust mitorganisiert haben, an seiner Umsetzung beteiligt waren. Es ist unglaublich, wie groß die personelle Kontinuität nach 1945 in Deutschland war: Männer, die sich an der Ausrottungspoltik der Nazis beteiligt hatten, machten später dann Karriere und schützten sich gegenseitig sogar vor Enthüllung.

Ramón García-Ziemsen

Ramón García-Ziemsen

Aber genauso unfassbar ist es, wie lange es gedauert hat, dass all das erst jetzt, 65 Jahre danach, ins Bewusstsein einer breiten deutschen Öffentlichkeit gerückt ist. 1979 erschien das Buch eines britischen Historikers über die Mitwirkung des Auswärtigen Amtes bei der von den Nazis so bezeichneten "Endlösung", der Ermordung der europäischen Juden. Geschildert wird, wie die konkrete Beteiligung des Amtes am Holocaust aussah, wie dort Deportationsbefehle unterschrieben wurden, wie das Amt systematischer Bestandteil der nationalsozialistischen Todesmaschinerie wurde. Und schon in den 1950er Jahren gab es eindeutige Belege, die zeigten, dass das Außenministerium bestimmt kein "Hort des passiven Widerstands" gegen Hitler war, als das es sich in der Nachkriegszeit gerne darstellte.

Vieles bekannt, alles vergessen

Kurz gesagt: Es war vieles bekannt. Und es wurde fast alles vergessen. Die deutsche Aufarbeitung des "Dritten Reichs" ist eben nicht nur vorbildhaft gewesen, wie das häufig in aller Welt gesehen wird – sie ist auch eine Geschichte des Vergessens und Verdrängens. Die Eliten haben eine Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit oft bewusst verhindert. Und die Öffentlichkeit ließ zu, dass diese Auseinandersetzung verhindert wurde. Wie konnte das passieren?

Nach 1945 war die deutsche Gesellschaft immer auch auf der Suche nach dem "guten", nach dem "anderen Deutschland" - dem "anderen Deutschland", das unschuldig geblieben war, das vielleicht nicht offen Widerstand geleistet hatte, aber sich nicht hat vereinnahmen lassen von der Nazi-Ideologie; das resistent geblieben war; das sich dem Nazi-Wahnsinn verweigert hatte und auf das man vielleicht sogar stolz sein konnte. Weil es einen Neuanfang wollte, glaubte das junge Deutschland nicht mit dem Ballast einer zu großen Schuld leben zu können.

Mythen und Kollektivschuld

Und so wurde an Mythen gestrickt: zuerst am Mythos, dass viele Deutsche erst 1945 durch die Alliierten vom Holocaust erfahren hätten. Nur eine kleine Gruppe um Hitler hätte gewusst, was da in den Konzentrationslagern wie Auschwitz oder Dachau geschehen war. Die Deutschen - ein Volk von Verführten. Eine Position, die natürlich auch Reaktion auf die genauso undifferenzierte Kollektivschuldthese der Allierten nach dem Krieg war.

Dann der Mythos Wehrmacht: Die Soldaten hätten sich fast gar nicht an den Gräueltaten Hitlers beteiligt – und außerdem sei ja alles auf Befehl geschehen.

Beides wurde erst Jahrzehnte später, ab den 1970er Jahren, von Historikern, durch Studien, durch Bücher und Ausstellungen, als falsch entlarvt. Weite Teile der Bevölkerung ahnten nicht nur, warum jüdische Freunde und Nachbarn auf einmal verschwanden - sie halfen dabei. Soldaten beteiligten sich an Erschießungen von Juden – freiwillig und nicht auf Befehl. Aber es dauerte noch einmal lange Jahre und Jahrzehnte, bis in die 1990er Jahre hinein, bis dieses Wissen in eine öffentliche Diskussion mündete und zu einer wirklichen Entmythologisierung führte.

Wo der Mythos allerdings noch existierte, war das Auswärtige Amt, einer der letzten Orte, wo das Märchen des "anderen Deutschland" weiterleben konnte. Zu gut funktionierte der Zusammenhalt der Diplomaten, zu groß war vielleicht auch der Respekt vor dem späteren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, dessen Vater Ernst als Spitzendiplomat die Nazi-Ideologie im Auswärtigen Amt mitgetragen hatte. Aber auch zu groß die Sehnsucht der Deutschen nach diesem "anderen Deutschland" von dem es noch viel weniger gegeben hat, als die meisten Deutschen geglaubt haben.

Autor: Ramón García-Ziemsen

Redaktion: Manfred Götzke

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