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Kultur

Eine Frage der Forschungsfreiheit

Im August 2000 stellte Oliver Brüstle bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft den Antrag, mit importierten menschlichen Stammzellen arbeiten zu dürfen. Am Donnerstag(31.01.) fällt die Entscheidung.

In Deutschland müssen talentierte Forscher nicht nur mit der nötigen Portion Intelligenz und Wissensdrang ausgestattet sein. In Einzelfällen benötigt der Jungwissenschaftler außerdem politische Hartnäckigkeit und die Überzeugungskraft eines Staranwalts.

Eineinhalb Jahre sind vergangen seit Oliver Brüste seinen Antrag stellte - eine in Forscherkategorien unvorstellbar lange Dimension: "Wenn Sie in einem Forschungsbereich arbeiten, der in den Medien ständig als umstritten und kontrovers geschildert wird, dann gehört schon viel Ausdauer dazu, dies über Wochen und Monate auszuhalten", beschrieb der 39 Jahre alte Bonner Neuropathologe einmal seine prekäre Lage.

Polizeischutz und "Kannibalismus"

Die härtesten Wochen in seiner Wissenschaftlerkarriere musste Brüstle im vergangenen Sommer überstehen. Als eine überregionale Tageszeitung seinen Patentantrag mit kompletter Adresse abdruckte, standen der Privatdozent und seine Familie wochenlang unter Polizeischutz. Vermeintliche Lebensschützer schickten ihm anonyme

Drohbriefe. Brüstle, Institutschef Otmar Wiestler und der Bonner Universitätsrektor Klaus Borchard baten vergeblich um eine sachliche Diskussion. Einstweiliger Höhepunkt der verbalen Auseinandersetzung war die Pfingstbotschaft des Kölner Kardinals Joachim Meisner, der das Bonner Forschungsvorhaben als "Kannibalismus" bezeichnete.

Er könne sich nicht recht vorstellen, dass die Gegner der embryonalen Stammzellforschung mit dem gleichen ethischen Rigorismus die Verordnung eines erfolgreichen Alzheimer- oder Parkinson-Medikaments in Deutschland verhindern wollten, das im Ausland auf Basis embryonaler Stammzellforschung hergestellt werden könnte, wandte Brüstle in einer Podiumsdiskussion im vergangenen Herbst ein. Der Wissenschaftler, der Anfang des Monats eine Stiftungsprofessur in Bonn annahm, regt sich vor allem über das reservierte bis ablehnende Klima auf, das Bio- und Genforschern in Deutschland entgegenschlägt: "Was in anderen Ländern als Pionierarbeit angesehen wird, gilt hierzulande als umstritten bis verwerflich".

Politische Unterstützung aus Nordrhein-Westfalen

Uneingeschränkte politische Unterstützung erfuhr Brüstle vor allem von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD). Beide besuchten im Frühjahr 2001 gemeinsam jenes Forschungslabor in Haifa, aus dem die ersehnten Stammzellen geliefert werden sollen. Ein positives Votum des Bundestages und der Forschungsgemeinschaft vorausgesetzt, will Brüstle schon in wenigen Wochen mit den Arbeiten beginnen. ddp/(wga)