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Wirtschaft

Eine fränkisch-chinesische Erfolgsgeschichte

Vor 90 Jahren baute Adolf Waldrich in Coburg eine Fabrik auf. Sie wurde zum Marktführer für Fräsmaschinen. Da es keine Nachkommen gab, wurde das Familienunternehmen verkauft. Erst der dritte Anlauf brachte ein Happy-End.

Turbinengehäuse (Foto: Waldrich Coburg)

Diese Maschine der Waldrich Coburg wird zur Bearbeitung von Turbinengehäusen eingesetzt

"Wenn eine amerikanische Firma eine deutsche kauft, kräht kein Hahn danach. Wenn das eine chinesische Firma tut, dann sind sie alle sehr besorgt", sagt Hubert Becker, Vorsitzender der Geschäftsführung von Waldrich Coburg.

Hubert Becker, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Waldrich Coburg (Foto: Waldrich Coburg)

Hubert Becker, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Waldrich Coburg

Seine Firma hat Erfahrungen mit beiden gemacht. 1986 wurde Waldrich Coburg vom amerikanischen Großfräsmaschinen-Hersteller Ingersoll International übernommen: "Damit begann für Waldrich Coburg eine schlechte Zeit. An drei Standorten wurden gleiche Maschinen gebaut. Die Märkte waren aufgeteilt. Das war eine totale Einschränkung. Außerdem wurden die Entscheidungen woanders getroffen." Hubert Becker, der dem Unternehmen seit über 40 Jahren angehört, wird es immer noch schwer ums Herz, wenn er sich an diese Zeit erinnert.

2003 meldete Ingersoll Insolvenz an. Waldrich Coburg brauchte einen neuen Investor. Nach einer kurzen Liaison mit einem deutschen Maschinenbauer ging der fränkische Mittelständler 2005 abermals eine "Misch-Ehe" ein, diesmal mit einem Wergzeugmaschinen-Produzenten aus Fernost namens Peking Nummer Eins.

"Ein chinesischer Staatsbetrieb"

Vor der Firmenzentrale wehen die Coburger, die bayerische, die deutsche und die chinesische Fahne (Foto: Waldrich Coburg)

Vor der Firmenzentrale wehen die Coburger, die bayerische, die deutsche und die chinesische Fahne


Peking Nummer Eins gehört zu hundert Prozent der Jingcheng Holding, die wiederum zu hundert Prozent im Besitz der Pekinger Stadtregierung ist. "Also im weitesten Sinne sind wir ein chinesischer Staatsbetrieb", gibt Hubert Becker unumwunden zu.

Kann das denn gut gehen? Werden die Chinesen nicht alles Verwertbare nach Hause verschiffen und Coburg austrocknen lassen? Die Skepsis unter der Belegschaft, den Kunden, aber auch in der Bevölkerung war groß.

Am 24. Oktober 2005, dem Tag der Übernahme, gab Cui Zhicheng, Direktor von Peking Nummer Eins, den deutschen Mitarbeitern sein Versprechen: "Waldrich Coburg bleibt Waldrich Coburg."

"Eine hundertjährige Eiche"

Qu Xiangjun, der einzige Chinese in der vierköpfigen Geschäftsführung (Foto: Waldrich Coburg)

Qu Xiangjun, der einzige Chinese in der vierköpfigen Geschäftsführung

"Unser Direktor hat Waldrich Coburg mit einer hundertjährigen Eiche verglichen, die nur auf deutschem Boden weiter wachsen kann. Wir haben auch versprochen, dass keiner entlassen wird", erzählt Qu Xiangjun, der einzige Chinese der vierköpfigen Geschäftsführung in Coburg.

Die Versprechen wurden mehr als eingelöst.

"Wir hatten Ende 2005 rund 500 Mitarbeiter, sind jetzt bei 750 angelangt. Wir haben die Gewinnsituation enorm verbessert. Wir haben über 30 Millionen in die Firma investiert. Besser kann eine Bilanz nicht aussehen", freut sich Geschäftsführer Hubert Becker. Der Umsatz hat sich seit der Übernahme auf 170 Millionen Euro verdreifacht. Im Krisenjahr 2009 wurde ein Wachstum von 20 Prozent verzeichnet, während der Umsatz des gesamten Werkzeugmaschinenbaus in Deutschland um 30 Prozent einbrach. Haben die Franken nach der Übernahme durch die Chinesen im Gegenzug chinesische Wachstumszahlen übernommen? Hubert Becker lacht: "Das ist richtig. Wir haben chinesische Wachstumszahlen übernommen. Wir sind damit eine Ausnahme im Werkzeugmaschinenbau in Deutschland. Wir haben eine Situation, die man nicht überall findet." Die Krise habe der Firma eine Atempause verschafft. Sie könne die Kundenaufträge zeitlich viel besser erfüllen, als das noch 2008 der Fall war, sagt Becker weiter.

1+1>2

Bis 2012 ist die Produktion in Coburg voll ausgelastet. Neue Aufträge wurden durch die Partnerschaft mit Peking generiert. Vor allem sind die Franken ihrem strategischen Ziel, den Zukunftsmarkt China weiter zu erschließen, ein ganzes Stück näher gekommen. Doch aus Sicht von Hubert Becker hat sich die Zusammenarbeit für Peking Nummer Eins noch mehr ausgezahlt: "Weil die Kunden von Peking Nummer Eins wissen, hier steht Waldrich Coburg dahinter und man kann sich zu hundert Prozent darauf verlassen, dass am Ende ein gutes Produkt für den jeweiligen Käufer entstehen wird."

Dieselmotorenbearbeitung (Foto: Waldrich Coburg)

In der Dieselmotorenbearbeitung ist Waldrich Coburg weltweit führend

Er nennt ein Beispiel: Peking Nummer Eins baute nach den Unterlagen von Waldrich Coburg eine Drehmaschine, präsentierte sie auf der Wergzeugmaschinenmesse in Peking und erhielt gleich fünf Aufträge. "Das wären nie Aufträge für Waldrich Coburg gewesen, das sind Aufträge, die im Niedrigpreissegment gehandelt werden."

Eine ideale Ergänzung

Hingegen bewegt sich Weltmarktführer Waldrich Coburg ausschließlich im Hochpreissegment. Die Produkte von Mutter und Tochter bilden von daher eine ideale Ergänzung und kommen einander nicht in die Quere. Qu Xiangjun, der chinesische Geschäftsführer in Coburg, vergleicht das technische Niveau mit einer Pyramide: "Waldrich Coburg befindet sich an der Pyramidenspitze, auch weltweit. Peking Nummer Eins ist im mittleren Teil der Pyramide."

Ehrgeizig wie die Chinesen sind, werden sie sich auf Dauer nicht mit dieser Position abfinden. Doch auch wenn Peking Nummer Eins eines Tages die Pyramidenspitze erklommen haben sollte, müssen Mutter und Tochter nach Qus Ansicht nicht um Marktanteile kämpfen: "Weltweit werden jährlich um die 700 Großfräsmaschinen produziert. Die Kapazität von Waldrich Coburg liegt bei 30, 40 Maschinen im Jahr. Genug Spielraum für Peking Nummer Eins."

"Auf der Schulter eines Riesen"

Chinesische Facharbeiter werden in Coburg geschult (Foto: Waldrich Coburg)

Chinesische Facharbeiter werden in Coburg geschult

Den Weg dorthin wollen die Asiaten durch die Kooperation mit Coburg wesentlich verkürzen. Das war auch das wichtigste Motiv für die Übernahme, sagt Qu: "Aus strategischen Überlegungen haben wir uns damals für den Kauf von Waldrich Coburg entschieden. Global player wollten wir werden. Jetzt stehen wir quasi auf der Schulter eines Riesen."

Und für den Riesen kam die Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen einem Befreiungsschlag gleich, so paradox es auch klingen mag. Geschäftsführer Hubert Becker: "Wir sind sehr frei in unserem Handeln. Wir können sehr kurzfristig alle notwendigen Entscheidungen treffen." Einmal im Jahr treffe er sich in Peking mit dem Gesellschafter, um die Ergebnisse aus dem vergangenen Jahr, die Planungen für das neue Jahr und neue Investitionen zu besprechen. "Da gab es noch nie ein Nein." Dass Waldrich Coburg als ein deutsches Unternehmen die Eigenständigkeit beibehalten kann, ist für Hubert Becker der Schlüssel zum Erfolg.

Autorin: Zhang Danhong
Redaktion: Henrik Böhme

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