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Kultur

Eine Flüchtlingsband in Deutschland

Monatelang zog der Musiker und Aktivist Heinz Ratz mit einer Flüchtlingsband durch Deutschland. Daraus ist ein Dokumentarfilm entstanden. Er zeigt auch den Zustand deutscher Integrationspolitik.

Vor zwei Jahren machte Heinz Ratz mit seiner Band „Strom & Wasser“ eine Fahrradtour durch Deutschland. Sie wollten sich für eine gerechtere Flüchtlingspolitik einsetzen und Spenden sammeln. Dabei besuchten sie fast 80 Flüchtlingslager und trafen auch auf Musiker, die in ihren Heimatländern sehr bekannt sind, hierzulande aber weder reisen noch arbeiten dürfen. „Damals“, so Ratz, „hatte ich die Idee, dass man die doch nach Hamburg einladen, eine CD mit ihnen aufnehmen und dann mit ihnen auf Tour gehen könnte.“ So entstand zunächst das Album „Strom & Wasser featuring The Refugees“. Die Refugees – zu Deutsch Flüchtlinge – das sind 30 Musiker aus fünfzehn Ländern, mit der einstigen Band von US-Sängerin Lauryn Hill haben sie nichts zu tun. Es ist eine Mischung aus Weltmusik und Rap, Folk und Pop, die sich auf auf der CD findet. Das Cover ziert ein grünes Ruderboot, das in einer Wüstenlandschaft steht.

Filmplakat Can´t be silent (Copyright: Neue Visionen Filmverleih)

"Can´t be silent" heißt der Film über Heinz Ratz und die Refugees

Alles, was sie erleben, ist Stillstand

Nach der CD folgte die Tour: „Die Musiker, mit denen ich arbeite, sind ganz konkret von Abschiebung bedroht“, sagt Heinz Ratz in dem Dokumentarfilm „Can´t be silent“ und beschreibt damit, warum er mit Nuri (Dagestan), Jacques (Elfenbeinküste), Hosain (Afghanistan) und Revelino (Elfenbeinküste) von Auftritt zu Auftritt fährt. Die vier haben ihre Länder verlassen, um in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Doch alles, was sie bisher hierzulande erlebt haben, ist Stillstand. Interniert in Flüchtlingslagern warten sie oft jahrelang, um vielleicht irgendwann eine unbeschränkte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Sie dürfen nicht arbeiten, keine Ausbildung beginnen, einige dürfen ohne Genehmigung nicht die Region verlassen, in der sich ihr Asylbewerberheim befindet.

Die Tour machte nicht nur die Musiker mit Flüchtlingsgeschichte bekannt, sondern auch Heinz Ratz noch ein bisschen bekannter als er es ohnehin schon war. Der Sohn einer peruanischen Indigenen und eines Deutschen war immer viel unterwegs: Er lebte in Spanien, Peru, Saudi-Arabien, der Schweiz, Argentinien und Schottland, erlebte 16 Schulwechsel und zog rund fünfzig Mal in seinem Leben um. Auch Obdachlosigkeit ist ihm nicht fremd: Mit fünfundzwanzig Jahren verbrachte er ein Jahr lang aus Protest auf der Straße. Heinz Ratz spielte Theater und veröffentlicht seit 1994 Erzählungen, Hörspiele, Musik-CDs, veranstaltet Lesungen und ging 2010 mit „Hitlers letzte Rede“ auf eine nachdenklich stimmende Comedy-Tour. Der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker sagt über ihn: “Heinz Ratz ist nicht nur ein sehr sympathischer Kollege mit einer erstaunlichen Bühnenpräsenz, er gehört sicher zu den stärksten und eigentümlichsten Talenten der jüngeren Generation.“

Filmausschnitt aus Can´t be silent. Hier: Die Refugees auf der Bühne (Copyright: Neue Visionen Filmverleih)

Sie singen über den Bürgerkrieg in ihren Heimatländen und über ihren Alltag in Deutschland

Kein Portrait

Wenn es sein muss, springt der Allround-Künstler sogar ins Wasser. So schwamm er 2009 rund 1.000 Kilometer durch deutsche Flüsse, um gemeinsam mit dem Umwelt- und Naturschutzverein BUND für den Erhalt naturnaher Flüsse zu demonstrieren und gegen Kanalisierung, Begradigung und Schadstoffe.

Und doch ist der Dokumentarfilm „Can´t be silent“ kein Portrait von Heinz Ratz. Die Regisseurin Julia Oelkers und auch Ratz selbst, stellen sich ganz in den Dienst der Sache der Flüchtlinge: Nur drei, vier Mal taucht der Aktivist im Film auf, erläutert kurz das Projekt, schildert einem Journalisten den Ablauf der Tour bzw. des Konzerts und stellt auf der Bühne die Künstler vor. Nur um sie geht es in dem Werk: um ihre Musik, ihre Verzweiflung, ihre Ängste und ihre Hoffnungen.

Filmstill aus Can´t be silent. Auf dem Bild: Die Refugees auf der Bühne. (Copyright: Neue Visionen Filmverleih)

Mehr als ein Konzertfilm: "Can´t be silent"

Eine Art Paradies

Da ist zum Beispiel Sam aus Gambia, der sich im Asylheim in Reutlingen wie in einem Gefängnis fühlt und in seinen Liedern vom Krieg singt, der sein Land zerstörte. Jaques aus der Elfenbeinküste sagt, dass er ohne das Projekt immer im Lager wäre, und Nuri schildert, wie in der Schule alle von ihren Ferienreisen und –erlebnissen erzählten, während er Gifhorn nicht verlassen durfte. Allen ist gemein, dass die Musik sie am Leben hält und die Konzertreise eine Art Paradies darstellt. Wobei hinter der Bühne immer die mögliche Abschiebung lauert. Auf der Bühne sind sie Sänger, Musiker und Rapper, im sonstigen Leben Ausgeschlossene. Mit ihrer Musik bringen sie Tausende in den Konzertsälen zusammen und sind doch selbst nicht berechtigt, ohne Sondergenehmigung auf Tour zu gehen.

„Strom & Wasser featuring The Refugees“ begeistert ein riesiges Publikum, das zu den Beats rhythmisch auf- und abspringt, zu Reggae-Klängen tanzt und nachdenklich den Rap-Texten über das Leben in Asylantenheimen lauscht. Für den Film musste die Regisseurin Julia Oelkers auch auf selbst gedrehtes Material der Asylbewerber zurückgreifen. Ihr Antrag, in einem Asylheim drehen zu dürfen, wurde abgelehnt. „Can´t be silent“, erzählt Geschichten von Menschen zwischen der Euphorie auf der Bühne und dem Hoffen auf eine Lebensperspektive.

Dwada Nyassi, Sam, Heinz Ratz, Strom & Wasser, music, german band, refugee (Foto: Stefanie Marcus)

Dwada Nyassi kam aus Sambia nach Deutschland. Hier nennt er sich Sam.

Medaille für den Aktivisten

Der skurrilste Moment des Films spielt sich im Bundeskanzleramt ab: Maria Böhmer, die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, verleiht Heinz Ratz die Integrationsmedaille der Bundesregierung. Sichtlich schlecht vorbereitet und voll blumiger Worte, bittet sie Ratz nach vorn, der sich mit der Annahme der Medaille schwer tut: „Wenn man (…) die ganze Verzweiflung dieser Menschen sieht, die hierher kommen und oft im Status der Duldung zehn oder zwanzig Jahre lang, ohne die Möglichkeit zu arbeiten, sich zu bilden oder überhaupt zu reisen, oft vor sich hin vegetieren, sieht man die Politik der Bundesregierung doch recht kritisch“, sagt Ratz auf der Bühne. Anschließend lässt sich Maria Böhmer mit zwei Musikern der „Refugees“ fotografieren. Einer von den Beiden wurde inzwischen abgeschoben.