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Kultur

Eine engagierte Stimme aus der Türkei

Oya Baydar zählt zu den politischen Stimmen in der Türkei. Sie blickt auf ein sehr bewegtes Leben zurück. In ihrem neuen Roman hat sie verschiedene Stationen ihrer Biografie verarbeitet.

Oya Baydar, türkische Schriftstellerin (Quelle: Claassen Verlag / Fotograf: Markus Wächter)

Früher war ihr die Politik wichtiger als das Schreiben: Autorin Oya Baydar

Protagonist Ömer Eren ist ein gefeierter Bestsellerautor in der Türkei, doch sein neuer Roman lässt auf sich warten. Erfolg allein macht nicht glücklich, die Worte -und die Werte- sind dem Schriftsteller verloren gegangen. Elif, seine Frau, ist eine anerkannte Biochemikerin, sie reist durch Europa und hält Vorträge. Die Eheleute sind um die fünfzig, und ihr gemeinsamer Sohn soll auch erfolgreich werden, etwas darstellen in der Gesellschaft - wie sie. Doch als Kriegsfotograf im Irak erträgt Sohn Deniz die Gräuel nicht länger. Er kehrt seinen erfolgreichen, einst sehr idealistischen Eltern und ihrer Lebensweise endgültig den Rücken und lebt fortan auf einer einsamen Insel in Norwegen - fern der Welt und fern, so hofft er, der Gewalt.

Biographische Inhalte

Die Autorin Oya Baydar verarbeitet in ihrem neuen Roman auch eigene Erfahrungen. "Das Hauptthema dieses Buches ist die Gewalt. Die Gewalt zwischen Menschen auf der ganzen Welt. Gewalt, die auseinander treibt und die deshalb entsteht, weil die Menschen so sehr voneinander getrennt sind", erzählt sie. Als Beispiel habe sie die Türkei genommen. Aber ihr Ziel sei es gewesen, ein Buch über die Gewalt in der Welt zu schreiben.

Oya Baydar, geboren 1940, ist eine sehr engagierte Stimme aus der Türkei, sie ist Wissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin. Baydar studierte Soziologie und war an der Gründung der Türkischen Sozialistischen Arbeiterpartei beteiligt. Nach dem Militärputsch 1980 wurde sie inhaftiert und lebte danach viele Jahre im Ausland, auch in der Bundesrepublik. Zwölf Jahre später konnte die Friedensaktivistin aufgrund einer Amnestie in ihre Heimat zurückkehren.

Nicht nur ein politischer Roman

In ihrem neuen Roman "Verlorene Worte" befasst sich Oya Baydar vordergründig mit dem Kurdenproblem in der Türkei. Der Roman sei nicht ausgesprochen politisch. "Ich würde ihn als Zeitabschnittsroman betrachten, der gesellschaftliche Probleme schildert", sagt Baydar. Bis vor sechs, sieben Jahren seien solche Themen ziemlich außer Mode gewesen. Postmodernismus sei das Schlagwort gewesen und alle hätten postmodernistisch geschrieben. Erst in der letzten Zeit beobachte man, ausgehend von Lateinamerika, dass reale Menschen und real existierende Probleme und Ängste wieder in den Vordergrund rücken würden. "Ich denke, die Literatur wird künftig häufiger gesellschaftliche Themen in den Mittelpunkt stellen", meint die Autorin.

Buchcover Oya Baydar: Verlorene Worte (Quelle: Claassen Verlag)

Gewalt ist allgegenwärtig in Baydars neuem Roman


In ihrem Roman zeigt Oya Baydar, dass die Gewalt in unserer Zeit allgegenwärtig ist. Nirgendwo ist der Gewalt zu entkommen. In Ankara wird der Protagonist Ömer Eren Zeuge, wie eine schwangere Frau von einem Querschläger getroffen wird. Danach lernt der Schriftsteller das Schicksal zweier junger Kurden kennen, die auf der Flucht vor Ehrenmord und Feme sind. Seine Neugier ist geweckt. Die norwegische Frau des Sohns kommt bei einem Attentat in der Türkei ums Leben. Die norwegische Insel am Ende der Welt wird von Rechtsradikalen heimgesucht. Und im Südosten Anatoliens erlebt der Schriftsteller schließlich den aussichtslosen Krieg zwischen verfolgten Kurden und dem türkischen Militär. Dort lernt er einzelne Schicksale kennen, dort beginnt er wieder zu sehen, weil er den Schmerz von Betroffenen erfährt.

Die Wiederentdeckung von Werten und Worten

"Als mein Protagonist Ömer sich in das südöstliche Gebiet des Landes begibt und dort Kurden kennen lernt, findet er seine Worte und damit auch seine Werte wieder. Verlorene Worte und damit auch verlorene Werte sind meiner Meinung nach nur dann wieder zu finden, wenn man andere Menschen kennen lernt." Wenn man wisse, wie sie sich fühlen würden, wenn man sich selbst in ihre Lage versetzen könne, wenn man mitfühle. Das schaffe der Protagonist Ömer und so finde er seine Worte und Werte wieder, erklärt Baydar.

Werte, die die Autorin ihren verschiedenen Figuren in den Mund legt, manches Mal zu viel, zu reflektiert, zu wenig erzählt. Es geht Oya Baydar um Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Zukunft des Menschen. Wobei die Zukunft im Roman verdüstert wirkt. Sie weiß, dass die Atmosphäre ihres Romans pessimistisch und melancholisch sein mag. Allerdings sei sie nicht ohne Hoffnung. Am Ende des Romans gebe es ein kleines Licht."Ich bin noch nicht hoffnungslos", erklärt sie, "und ich sehe genauso immer wieder das Licht am Ende, auch wenn es klein ist." Oya Baydar: Verlorene Worte
Verlag: Claassen
ISBN-13: 978-3546004350
Preis (EURO): 22.90

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