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Kultur

Eine deutsche Jugend: die RAF aus französischer Sicht

Der Regisseur Jean-Gabriel Périot blickt auf die Geschichte des deutschen Herbstes. Die Dokumentation "Une Jeunesse Allemande" eröffnet erhellende Blicke auf den deutschen Links-Terror der '60er und '70er Jahre.

Vieles hat man schon einmal gesehen: Die Bilder des Schah-Besuchs in Berlin 1967 und die mit Knüppeln auf die Demonstranten einschlagenden Männer in schwarzen Anzügen - die später unter dem Namen "Jubelperser" bekannt wurden. Die Bilder der Demonstrationen vom 2. Juni, an dessen Ende der erschossene Benno Ohnesorg auf dem Straßen-Pflaster liegt. Bilder von Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin (Baader und Ensslin im Artikelbild) und Holger Meins, die die Bundesrepublik mit Bombenanschlägen und gezielten Attentaten in Angst und Schrecken versetzen.

Die Bilder des Deutschen Herbstes

In Erinnerung hat man auch noch die Berichte über den Anschlag auf das Axel-Springer-Haus in Berlin; all die Bilder der Auseinandersetzung zwischen den Terroristen und den staatlichen Institutionen; Aufnahmen der Schleyer-Entführung und die schneidigen Reden des damaligen Kanzlers Helmut Schmidt; die gekaperte Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu; Berichte über den Tod der RAF-Spitze in Stuttgart-Stammheim. Auch wie die schreibende Presse und das Fernsehen reagierten, wie Kunst und Kultur sich mit dem RAF-Terror auseinandergesetzt haben, dürfte viele Menschen in Deutschland noch präsent sein.

Szene des Kinofilms Une Jeunesse Allemande (Foto: Thomas Giefer /W-Film/dpa)

Studentenproteste gegen den Schah-Besuch, gegen die Springer-Presse und gegen konservative Politiker waren damals an der Tagesordnung

Und doch gelingt es dem französischen Regisseur Jean-Gabriel Périot in seiner Dokumentation

"Une Jeunesse Allemande"

den bekannten Ereignissen Neues hinzuzufügen - und so ein Stück Zeitgeschichte im Kino wiederaufleben zu lassen. Périot hat sich in über tausend Stunden Archivmaterial vergraben und daraus einen 90-minütigen Film montiert, ausschließlich mit Originalton und Originalaufnahmen der Zeit. Es sind Presseberichte, die der Zuschauer sieht, Bilder der Tageschau, TV-Berichte der politischen Magazine aus dem bundesdeutschen Fernsehen, Ausschnitte aus Kinofilmen, die sich in irgendeiner Form mit der Materie befasst haben, Interviews mit Beteiligten, auch Fernsehbeiträge französischer Kollegen.

Périot setzt auf die Kraft der Bilder

Périot hat auf jeglichen Kommentar verzichtet, lässt allein die Bilder und die historischen Kommentare für sich sprechen. Entstanden ist so eine ganz eigene Art zeithistorischer Rückschau: "Une Jeunesse Allemande" erzählt die Geschichte der RAF in Bildern und zugleich als eine Geschichte der Bilder“, sagt der Regisseur: "Mit meinem Film hole ich diese Bilder aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart und organisiere sie neu zu einer subjektiven Montage." Interessiert habe ihn dabei, was über die offensichtliche Botschaft der Bilder und Töne hinausgegangen sei.

Szene des Kinofilms Une Jeunesse Allemande (Foto: SWR/W-Film/dpa)

Zentrale Gestalt im Film Périots: Ulrike Meinhof

Und natürlich wird schnell klar, dass auch Périot mit der Auswahl seiner Bilder und Töne eine ganz bestimmte Sicht der Dinge hat. Indem er zeigt, wie sich beispielweise Ulrike Meinhof zunächst als kritische Journalistin zu behaupten versucht, wie sie als Frau gegen eine Phalanx von älteren Männern, die das damalige Gesicht der Bundesrepublik maßgeblich prägten, auftrat, werden Beweggründe von Meinhof und Co. deutlich - und auch nachvollziehbar.

Suche nach Ursachen

Périot verteidigt die spätere Radikalisierung von Meinhof, Baader und Ensslin nicht. Er zeigt aber, nur mit Originalaufnahmen, was die Wut und die Ohnmacht der späteren Terroristen entfachte. Deutlich wird das auch in einem Interview, dass mit dem deutschen Nobelpreisträger Heinrich Böll geführt wurde und dass Périot in "Une Jeunesse Allemande" präsentiert. Böll wurde damals, wie viele andere Intellektuelle auch, insbesondere von der Springer-Presse und konservativen Politikern, einer "geistigen Mittäterschaft" bezichtigt. Ein absurder Vorwurf.

Jean-Gabriel Périot (Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Jean-Gabriel Périot

In einem Land, in dem das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade einmal 20 Jahre zurücklag, in dem der NS-Terror damals noch nicht aufgearbeitet war, mussten die Ereignisse rund um den Schah-Besuch, der Tod Benno Ohnesorgs, die Berichterstattung der Springer-Presse und auch die Reden von Politikern wie Franz-Josef Strauß zu einer ohnmächtigen Wut bei Teilen der Jugend führen.

"Wie ist es möglich Gewalt zu vermeiden?"

"Dass ich auch den Mitgliedern der RAF durch ihre Kommentare, Reportagen und Filme eine Stimme gebe, schreibt zwar weder die Geschichte neu, noch sollen so die begangenen Verbrechen entschuldigt werden", sagt Périot. Ihm sei es vielmehr darum gegangen, "die Tür zu einer vollständigeren Diskussion zu öffnen über das Wesen der Taten und unserer eigenen Menschlichkeit. Dem Publikum begegnet in den 'Echos' der Vergangenheit ein Stück Geschichte, das die BRD wesentlich geprägt hat und das bis heute essentielle Fragen aufwirft: Wie ist es möglich, Gewalt zu vermeiden und zu verweigern? Wie ist es weiter möglich an Kultur und Kunst zu glauben als Weg, der Einseitigkeit und Radikalisierung zu entkommen?"

Ensslin, Baader und Raspe beigesetzt (Foto: dpa)

Die Beisetzung von Ensslin, Baader und Raspe war ein Medienereignis in der BRD der '70er Jahre

Ist das nun eine spezifisch französische Sicht der Dinge auf ein Stück

BRD-Zeitgeschichte?

Eher nicht. Das Filmmaterial, dass Périot montiert hat, stammt zu allergrößten Teilen aus deutschen Archiven. Und auch die Auswahl hätte ein deutscher Filmemacher vornehmen können. Vielleicht ist aber die Neugier auf die Geschichte manchmal nicht mehr ganz so stark im eigenen Land vorhanden. Périot war neugierig. Es sind - neben den vielen bekannten Ausschnitten - auch Film- und Fernsehausschnitte eingeflossen, die man nicht kennt - weil sich keiner damit beschäftigt hat. Périot hat das getan.

Rätsel Horst Mahler ausgeblendet

Nur eines vermisst man in "Une Jeunesse Allemande": Im Film kommt auch immer wieder der ehemalige Rechtsanwalt Horst Mahler zu Wort, wird als eine der zentralen Gestalten der damaligen linken Szene gezeigt. Das war Mahler für viele Jahre tatsächlich. Jahre später jedoch wandelte er sich zum rechten Ideologen, war aktives Mitglied rechtsradikaler Kreise. Auch das hätte Périot - mit Originalaufnahmen - zeigen können. Das hätte seinem Film noch eine ganz andere, nachdenkliche Note gegeben.

"Une Jeunesse Allemande" startet am 21.5. In den deutschen Kinos. Außerdem lief und läuft Périots Dokumentation auf zahlreichen Festivals im Ausland, unter anderem in San Francisco, Buenos Aires, Lissabon und Tel Aviv.

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