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Afrika

Eine deutsch-liberianische Freundschaft

Liberia war für den Deutschen Michael Jentzsch und seinen afrikanischen Freund Benjamin Kwato Zahn das Paradies. Doch 1990 wurde ihre Kindheitsidylle durch den Bürgerkrieg jäh beendet. Eine verzweifelte Suche begann.

Michael Jentzsch und Benjamin Kwato Zahn (Foto: H. Jentzsch)

Michael und Ben verbrachten eine fröhliche Kindheit in Liberia...

Als Michael Jentzsch acht Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Liberia aus, wo sein Vater einen Job als Cheftechniker bei einer christlichen Radiostation annahm. Vor ihrem Haus ein Strand mit einer Palmenallee. Für den kleinen Michael war es ein Traum. Beim Angeln lernt er Benjamin Kwato Zahn aus der Volksgruppe der Gio kennen. Die Jungen gehen jagen, spielen mit Delphinen, fangen Wasserschildkröten, trinken Kokoswasser, zähmen einen Ameisenbär und erlegen Schlangen im Urwald – eine Kindheit, von der viele Europäer nur träumen können. Wie Old Shatterhand und Winnetou schließen sie Blutsbrüderschaft und schwören sich mit dem eingeritzten Finger ewige Freundschaft.

Der Krieg zerstört ihre heile Welt

Michael und Ben spielen am Strand in Liberia (Foto: H. Jentzsch)

..doch durch den Bürgerkrieg ging die Idylle jäh zuende...

"Damals dachten wir, das Paradies würde ewig anhalten", sagt der heute 34-Jährige. Doch 1990, nach sieben Jahren Kindheits-Abenteuern, wurde ihre heile Welt durch den Ausbruch des Bürgerkriegs erschüttert. "Nimm mich mit" flehte der damals 16-jährige Benjamin seinen 15-jährigen Freund an. Doch dieser wehrte ab. "Ich erkannte nicht den Ernst der Lage, glaubte, wir würden nur in den Urlaub fahren, bis sich die Lage stabilisiert hätte." Doch kaum saß die Familie Jentzsch im Flugzeug, schlugen schon die ersten Raketen in der Hauptstadt ein. Eine Gruppe von Rebellen unter Charles Taylor versuchte von Norden her das Land zu unterwerfen. Aus anfänglichen Unruhen wurde ein 14 Jahre andauernder blutiger Bürgerkrieg.

Mühsamer Alltag in Deutschland

Wiedersehen von Michael und Ben (Foto: H. Jentzsch)

...erst nach 14 Jahren sehen die Freunde sich wieder...

Die Familie Jentzsch lässt sich im norddeutschen Bremen nieder. Nur mühsam findet Michael sich im deutschen Alltag zurecht. "Die Sehnsucht nach Liberia zerriss mich förmlich." Wiederholt lässt er in Liberia nach Benjamin suchen – vergeblich.

Er heiratet, wird Lehrer, kauft ein Haus bei Bremen, bekommt zwei Kinder – doch die Albträume und Schuldgefühle lassen nicht nach. "Nachts träumte ich immer wieder von Bens Hilferufen, von Ben, der im blutgetränkten Meer unter geht."

Nach Ende des Bürgerkrieges setzt er schließlich 700 Dollar "Kopfgeld" auf den Freund aus. Das war Anreiz für zwei Afrikaner, alles in Bewegung zu setzen, um Ben in Liberia zu finden. Mit Erfolg: Einige Tage später hat Michael Jentzsch den geliebten Freund am Telefon. Das war im März 2004. Vier Monate später fallen sich die beiden in Liberias Hauptstadt Monrovia weinend in die Arme.

Buchcover Blutsbrüder (Foto: H. Jentzsch)

...und schreiben über ihre einmalige Freundschaft ein Buch.

Benjamin sah oft dem Tod ins Auge

Michael Jentzsch ist entsetzt, als er sieht, was aus seinem Kindheitsparadies geworden ist. "Ruinen, wohin man blickt, auf den Straßen stapelt sich der Müll, überall obdachlose Waisenkinder. Bei Bens Erzählungen über den Bürgerkrieg packte mich das Grauen." Er beschließt: "Davon muss die Welt erfahren." Die beiden schreiben ein Buch mit dem Titel "Blutsbrüder". Abwechselnd berichten sie über ihre Kindheitsabenteuer und den Kampf ums Überleben im Bürgerkrieg. Benjamin wurde als Soldat von den Rebellen zwangsrekrutiert. "Ich musste zur Waffe greifen, sonst wäre ich getötet worden." Wie oft er dem Tod ins Auge sah, lässt sich kaum an einer Hand abzählen. Er desertiert, schlägt sich als Diamantensucher durch, lebte lange in Flüchtlingscamps an der Elfenbeinküste und verlor 20 Familienangehörige. "Es ist ein Wunder Gottes, dass ich heute überhaupt hier stehe und dass meine Frau und meine Kinder überlebt haben", sagt er auf seinen Lesungen. Die beiden Freunde kamen seit September wegen all der Pressetermine kaum noch zur Ruhe. "Aber es ist ja für Liberia", sagt Michael Jentzsch – denn der Erlös des Buches soll Bens Familie nach seiner Rückkehr nach Liberia ein Auskommen sichern, einem Schulbauprojekt zugutekommen und in ein Waisenhaus fließen.

Autorin: Bettina Hahne-Waldscheck

Redaktion: Katrin Ogunsade

Das Buch "Blutsbrüder. Unsere Freundschaft in Liberia" von Michael Jentzsch und Benjamin Kwato Zahn ist im Lübbe-Verlag erschienen.