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Bildung

Eine Chance für Auszubildende

Sie besuchte heimlich die Schule - gegen das Verbot ihres Vaters. Gerade deshalb möchte die türkischstämmige Unternehmerin Naime Dogan jungen Menschen zeigen, wie wichtig eine gute Ausbildung ist.

Die Unternehmerin Naime Dogan in ihrem Büro (Quelle: DW)

Naime Dogan

"In der Türkei hatte ich kaum eine Chance", erinnert sich die heute 40-jährige Naime Dogan. "Irgendwann hatte ich keine Hefte und Stifte mehr und bin auch nicht mehr zur Schule gegangen. Ich musste schon mit fünf, sechs Jahren arbeiten."

Aufgewachsen ist sie in einem Dorf in Südanatolien. Ihr Vater war einer der ersten türkischen Gastarbeiter in Deutschland und holte seine Familie in die Bundesrepublik, als Naime 13 war. Doch er wollte nicht, dass seine Tochter in die Schule geht.

Schon mit 14 arbeitete sie als Putzkraft

Die Unternehmerin Naime Dogan vor einem Schild mit der Aufschrift 'Doma Gebäudereinigung' (Quelle: DW)

Erfolg trotz aller Widerstände

"Das war einfach deshalb, weil ich ein Mädchen war", sagt Naime."Mein Vater hat gesagt, du kannst jetzt schreiben und lesen, warum willst du noch zur Schule gehen?'"

Trotz der Schulpflicht musste die mutige junge Frau oft heimlich in die Schule gehen, denn ihre Eltern schrieben sie ständig krank. Schon mit 14 arbeitete sie als Putzkraft. Mit ihrem Gehalt besserte sie das Einkommen der Familie auf. Nur deshalb erlaubte der Vater, dass sie Geld verdiente. Durch Überstunden finanzierte sie sich die ersten Bücher. Heute hat sie eine riesige Bibliothek in ihrem Wohnzimmer und leitet zusammen mit ihrem Geschäftspartner Stefan Becker das Gebäudereinigungsunternehmen "Doma" in Köln-Kalk.

Die Auszubildenden kommen aus verschiedenen Ländern

Jeden Morgen steht sie um 5 Uhr auf, um ihre Mitarbeiter bei der Arbeit zu begleiten und zu unterstützen. In ihrer Firma sind zurzeit rund 650 Menschen tätig. Dazu gehören auch fünf Jugendliche, die zu Gebäudereinigern oder Bürokaufleuten ausgebildet werden. Drei von ihnen sind Deutsche, zwei stammen aus der Türkei.

"Wer Interesse hat, wer besser kämpft, der kriegt auch diesen Job - egal, ob Türke, Marokkaner oder Deutscher", sagt Naime Dogan. Am wichtigsten seien Disziplin, Benehmen und der Umgang mit Kollegen. Alles andere könne ein Auszubildender noch lernen.

Deutschland braucht Migrantenunternehmen

Erst vor kurzem hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Buch mit dem Titel "Gesichter und Geschichten" herausgegeben. Hier werden Migranten porträtiert, die wie Naime Dogan ein eigenes Unternehmen in Deutschland gegründet haben und junge Menschen ausbilden. Das ist längst nicht selbstverständlich, denn nur 14 Pozent der Unternehmer mit Migrationshintergrund bilden offiziell aus.

Beratung durch das Programm KAUSA

Seda Rass-Turgut, Leiterin des KAUSA-Programms (Quelle: DW)

Seda Rass-Turgut, Leiterin von "KAUSA"

Die Betriebe, die sich für die Ausbildung junger Menschen engagieren, werden von der Organisation KAUSA beraten und unterstützt. KAUSA steht für "Koordinierungsstelle Ausbildung in Ausländischen Unternehmen" und hat das Ziel, die duale Ausbildung in Migrantenunternehmen zu fördern. Seda Rass-Turgut, Leiterin des KAUSA-Programms, hat festgestellt, dass viele Migrantenunternehmer eine ähnliche Einstellung haben wie Naime Dogan.

"Generell ist das so, dass Migrantenbetriebe Jugendlichen mit schlechtem Abschluss viel mehr Chancen bieten als es Deutsche machen", sagt die Leiterin des KAUSA-Programms. Sie würden weniger auf die Schulabschlüsse achten, sondern eher auf den Charakter der Person und ihr Arbeitsverhalten. So würden dann auch von den schulischen Leistungen her gesehen schwächere Jugendliche durch die Ausbildung gezogen.

Migranten haben es oft schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden

Statistisch gesehen fällt es jungen Migranten schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Dafür gebe es mehrere Gründe, unterstreicht Seda Rass-Turgut. Einerseits haben Migranten im Schnitt schlechtere Schulabschlüsse als deutsche Jugendliche. Aber auch in den Betrieben gibt es immer noch Vorurteile gegen ausländische Bewerber - sogar wenn diese sehr gute Qualifikationen vorweisen können.

Bei Migrantenbetrieben ist eher das Gegenteil der Fall: Die erste Generation von Auszubildenden stammt meistens aus dem eigenen ethnischen Umfeld, meint Seda Rass-Turgut. "Rein theoretisch kann es die Gefahr geben, dass Migranten dadurch unter sich bleiben." Das läge dann aber nicht an der Ausbildung, sondern an der Familie, die sich absondere. Die Ausbildung sei ein gutes Mittel, um aus diesen Strukturen herauszubrechen, weil die Jugendlichen auch zwei Tage pro Woche in der Berufsschule seien.

Naime Dogan motiviert Migranten und Deutsche

Die Auszubildende Kathrin Wolff in Arbeitskleidung nach dem Reinigen eines Fensters (Quelle: DW)

Die Auszubildende Kathrin Wolff

In einem "Migrantenunternehmen" ändert sich die ethnische Struktur der Auszubildenden auch mit der Zeit. Während die jeweiligen Nationalitäten am Anfang noch unter sich bleiben, sind die Gruppen ab dem zweiten oder dritten Jahrgang meistens gemischt.

Auch unter Naime Dogans Auszubildenden sind sowohl Migranten als auch Deutsche. Besonderes Engagement zeigt Kathrin Wolff: Für ihre Ausbildung in der Firma Doma zog sie aus der Eifel nach Köln.

"Frau Dogan ist einfach eine tolle Chefin, die mich immer motiviert - und ihre Geschichte ist der Wahnsinn!" sagt Kathrin Wolff. Genau wie ihr Vorbild möchte die junge Frau später eine eigene Firma gründen.

Gleichzeitig ist Naime Dogan für die 19-Jährige auch eine mütterliche Freundin - oft teilt sie sogar ihre Butterbrote mit der jungen Auszubildenden. Wie eine Mutter kümmert sich die Unternehmerin auch um ihre eigene Familie: Sie beschäftigt ihre elf Geschwister bei Doma und unterstützt die Eltern finanziell. Heute ist der Vater pflegebedürftig. Durch sein Festhalten an archaischen Kulturmustern hätte er ihren Aufstieg beinahe verhindert.


Autorinnen: Irem Özgökceler und Alexandra Scherle

Redaktion: Gaby Reucher