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Deutschland

Eine britische Familie versucht sich am Deutschsein

Wäre Großbritannien wirtschaftlich erfolgreicher, wenn Briten wie Durchschnittsdeutsche lebten? Eine Londoner Familie hat es zwei Wochen lang versucht.

Es gibt die eine Ausnahmeerscheinung in der europäischen Wirtschaftkrise - und die heißt Deutschland. Ständig überflügeln die Deutschen ihre Nachbarn und werden als leuchtendes Beispiel gelobt, dem ganz Europa folgen sollte. Das betrifft auch die Briten, die in Richtung Deutschland blicken und sich fragen, warum Großbritannien in Rezession und Minuswachstum herumdümpelt, während es in Deutschland steil bergauf geht.

"Wir müssen deutscher werden"

Selbst Premierminister David Cameron meinte unlängst beim Besuch einer britischen Fabrik, seine Landsleute müssten in ihren Verhaltensweisen "ein bisschen deutscher" werden. Die größte Wirtschaftsmacht in Europa steht denn auch im Fokus einer neuen BBC-Fernsehreihe. "Make me a German" heißt eine der Produktionen. Das Konzept: Man nehme einen BBC-TV-Journalisten und seine Frau, eine Schriftstellerin, und die zwei jüngsten Kinder - und schicke sie nach Deutschland, um "wie Durchschnittsdeutsche zu leben." Und da eine deutsche Durchschnittsfamilie weniger als zwei Kinder hat, bleiben die älteren Kinder zuhause in England.

Schweine

Deutsche essen viel Schweinefleisch.....

Kurz vor Ostern, es ist verschneit und bitterkalt, ziehen Justin Rowlatt und seine Frau Bee nach Nürnberg. Sie mieten eine schöne, helle Wohnung, für nur 125 Euro pro Woche. "Die meisten Deutschen sind Mieter," so erzählt Justin in die Kamera, anders als die Briten, die vom Gedanken "My home is my castle" besessen seien und daher im Durchschnitt auch viel höher verschuldet als die Deutschen, nämlich um 53.000 britische Pfund - umgerechnet knapp 62.000 Euro.

Deutschsein lernen

Bee und Justin lernen, dass Deutsche regelmäßig viel Schweinefleisch und viele Kartoffeln essen und recht viel Bier trinken. Angeblich arbeitet die durchschnittliche Hausfrau täglich 4,28 Stunden im Haushalt - dazu gehört Wäschewaschen, Kochen und Putzen. Jeden Morgen steht der übernächtigte Justin um 6 Uhr 23 auf - so wie der Musterdeutsche "Herr Müller" - und macht sich auf den Weg zum berühmten deutschen Bleistifthersteller, der Firma Faber-Castell, wo er als Fließbandarbeiter angestellt ist. Von Bee dagegen wird erwartet, dass sie mit ihren zwei kleinen Kindern zuhause bleibt und die vielen Stunden Hausarbeit und Kinderbetreuung erbringt, die "Frau Müller" angeblich leistet.

"Ich wurde zur Hausfrau wider Willen, blieb zuhause und arbeitete nicht - das ist wirklich nicht mein Ding", erzählt Bee der DW. Das skandinavische Modell gefiele ihr besser, so Bee, denn dort würden auch "Männer ermuntert, mehr Zeit zuhause zu verbringen."

Ordnung fällt positiv auf

Das deutsche Experiment habe ihr dennoch Spaß gemacht, und sie habe viel gelernt, meint Bee. Das Umweltbewusstsein habe ihr gefallen, auch deutsches Essen und Trinken. "Mir haben auch der Gemeinschafts- und Ordnungssinn gefallen." Fazit: "Es gibt vieles, das wir lernen könnten."

Bier in Gläsern

...und trinken gern Bier

Bee hat sogar deutsche Wurzeln, ist aber in Großbritannien aufgewachsen. Zu Beginn des Projekts witzelten sie und ihr Mann oft über ihre "teutonischen Eigenschaften." Und nach dem zweiwöchigen Experiment? Es habe sie nicht in ihrem "Britischsein" bestärkt, meint Bee. "Manches, was Justin genervt hat, fand ich nämlich ganz gut." Zum Beispiel, dass Deutsche einen auch auf Kleinigkeiten aufmerksam machen - wenn ein Kind keinen Mantel anhat oder man schief geparkt hat. "Jemand wird sagen, das hast du nicht richtig gemacht. In Großbritannien würden die Leute nur vor sich hinmaulen, aber in Deutschland sagen sie, was sie denken."

"Make me a Brit" im deutschen Fernsehen?

Eine Sendung ähnlicher Machart - "Make me a Brit" - wäre hierzulande wohl eher unwahrscheinlich. Justin fragt sich zu Beginn der Show, was Deutsche wohl von den Briten und ihrem Land halten. Und bekommt dann im Laufe der Woche die Antwort: "Langweilig und ziemlich regnerisch" - und manchmal höre man etwas über die Queen.
Justin ist ein bisschen verblüfft über die deutsche Gleichgültigkeit, Bee weniger. Sie sei hingegen immer wieder überrascht, wie reizbar Briten gegenüber den Deutschen seien. "Wir halten an einem einseitigen Groll fest, während die Deutschen offenbar gar nicht bemerken, was die Briten denken - oder es ist ihnen egal", lacht Bee. "Wir plagen uns immer noch mit dem Weltkrieg, leider läuft es für die meisten Briten immer noch darauf hinaus."

Kinder im Waldkindergarten Fotograf: +++ddp/Jens Schlueter+++

Kinder spielen in der Natur

Kinderparadies Deutschland?

Nach einer harten Arbeitswoche, so lernt es die Familie, ist am Sonntag Ruhe angesagt. Einkaufen geht nicht, da die Geschäfte geschlossen sind. Und die Nachbarn sind nicht erfreut, wenn Kinder um sechs in der Frühe aufwachen und herumspringen. Unter der Woche geht Tochter Elsa in den "Waldkindergarten". "Da wäre ich am liebsten selbst wieder Kind", freut sich ihre Mutter. "All diese Kinder, die auf Bäume klettern und herumrennen - das war magisch, ganz wunderbar und für mich wohl der schönste Teil des Experiments", erinnert sich Bee. "Die Kinder durften einfach Kinder sein, alles ist auf sie abgestimmt."
Voller Elan hat sich Bee vorgenommen, etwas von der "deutschen Effizienz" mit nach Hause zu nehmen. "Ich habe vor allem gelernt, dass wir bei der Arbeit viel zielstrebiger sein könnten. Der Arbeitstag wäre kürzer, und dagegen kann man wohl nichts sagen." Bee hofft, einiges von ihren Erfahrungen mit in den Alltag nach Großbritannien zu importieren - wie sie das genau machen will, das lässt sie allerdings offen.

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