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Deutschland

Eine Brücke für Berlins Eichhörnchen

Wildtiere bevölkern Berlin. Auch viele Eichhörnchen leben in der deutschen Hauptstadt. Allerdings fallen die Tiere immer wieder dem Verkehr zum Opfer. Eine Brücke soll Eichhörnchen vor dem Tod auf der Straße bewahren.

Berlin hat viele bedeutende Brücken: die Oberbaumbrücke zum Beispiel, die Weidendammer Brücke, den Kaisersteg oder die Gustav-Heinemann-Brücke. Kürzlich kam noch eine neue dazu - für Eichhörnchen. Sie soll es ihnen und anderen kleinen Tieren wie Mardern möglich machen, eine viel befahrene Straße sicher zu überqueren. Die Brücke hängt seit dem Winter im Bezirk Treptow-Köpenick über dem Müggelseedamm, einer viel befahrenen Straße im Südosten der Stadt.

Ursula Bauer und Henrik Zwadlio mit ihrem Eichhörnchen-Brücken-Seil (Foto: Ursula Bauer)

Eichhörnchenfreunde Bauer und Zwadlo: Unfalltod verhindern

Es ist die zweite Eichhörnchen-Brücke in Deutschland - die erste gibt es in Vlotho, einer Kleinstadt in Westdeutschland - und besteht aus einem dicken, langen Seil. Befestigt ist es in neun Metern Höhe und verbindet über eine Länge von 21 Metern zwei Bäume auf gegenüberliegenden Seiten des Damms. Ursula Bauer vom Verein "Aktion Tier" war an dem Brückenprojekt beteiligt: "Die Wildtiere leben zusammen mit uns und wir müssen damit leben. Der Verkehr ist sehr gefährlich für sie - für Igel, für Vögel, und natürlich für Eichhörnchen."

Hunderte Hürden für die Naturschützer

Allerdings seien Ideen wie die Brücke für Nager in einem Land wie Deutschland, in dem es für alles Regeln gibt, nicht einfach umzusetzen, berichtet Bauer. Erst habe man den Besitzer des Grundstücks finden müssen, auf dem die Bäume stehen. Dann hätten sie monatelang nach einem staatlich geprüften Baumkletterer gesucht, der die Eichhörnchen-Brücke anbringen sollte, und noch mal länger habe die Suche nach einer passenden Versicherung gedauert, die alle nur denkbaren Schäden abdeckt.

Die Brücke besteht nicht nur aus dem Seil: An beiden Enden sind kleine hölzerne Boxen mit Nüssen angebracht, um die Tiere anzulocken. "Tiere sind sehr eigen. Sie nutzen vielleicht kein Seil, das nicht genau dorthin führt, wo sie hinwollen", sagt Bauer.

Eichhörnchenbrücken gibt es weltweit

Die Idee für das Seil über dem Müggelseedamm kommt von Henrik Zwadlo. Er arbeitet am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, das direkt an der Eichhörnchen-Brücke liegt, und fand immer wieder überfahrene Tiere auf der Straße. Ein zwischen den Baumkronen gespanntes Seil schien eine Lösung zu sein, Unfalltode künftig zu vermeiden.

Ähnliche Initiativen gibt es in vielen Ländern. So wurde die weltweit erste Eichhörnchen-Brücke 1963 in Longview, im US-Bundesstaat Washington, errichtet. Sie heißt ganz offiziell "The Nutty Narrows Bridge". Die 18 Meter lange Hängebrücke besteht aus einem Aluminiumgerüst und einem alten Feuerwehrschlauch. Sie hat umgerechnet 720 Euro gekostet. Andere sind dem Beispiel aus Longview gefolgt. Die Bauwerke sind auch in Großbritannien, Belgien, Frankreich und den Niederlanden zu finden.

Plüschtier auf der Eichhörnchenbrücke in Berlin (Foto: Ursula Bauer)

Plüschtier als Double: Bisher wurde noch kein Eichhörnchen bei der Benutzung der Brücke gesichtet

Die "Wildschweinhauptstadt"

Neben den Eichhörnchen bevölkern auch viele andere Wildtiere Berlin. Man muss nicht mal sehr weit gehen, um sie zu finden. Es reicht, nachts um 3.00 Uhr aus einer Kneipe zu gehen, um im sanften Licht einer Straßenlaterne einen Fuchs zu entdecken, der dann schnell ins nächste Gebüsch huscht. Auch Wildschweine kann man im Gehölz und manchmal sogar in Wohnvierteln beobachten. Die Tiere mit den Stoßzähnen bevölkern die Stadt zu Tausenden - Berlin wird deshalb auch die "Wildschweinhauptstadt" Deutschlands genannt.

"Der Unterschied zwischen Berlin und anderen Städten ist, dass die Tiere normalerweise im Umland bleiben, während sie in Berlin auch in der Stadtmitte zu finden sind", sagt Susanna Hertrich, eine Künstlerin aus der Hauptstadt. Ihre aktuelle Installation "Berlin Wild Life" erkundet das Zusammenleben von Menschen und Wildtieren.

Leben in der Todeszone

In Berlin könnten sich Tiere relativ ungestört bewegen, sagt Hertrich. Die vielen Parks erlaubten es ihnen, einfach von einem grünen Ort zum anderen zu wechseln. "Wegen seiner Geschichte bietet Berlin brachliegende Flächen und verlassene Plätze im Zentrum, wo andere Städte bebaut sind." Diese Stellen seien perfekt für Tiere wie Füchse und Kaninchen. Die sogenannte Todeszone, das früher unbewohnte Niemandsland entlang der Berliner Mauer, lockte viele Wildkaninchen an, die sich dort zu DDR-Zeiten schnell vermehrten.

Fuchs vor dem Reichstag in Berlin (Foto Fabrizio bensch/Reuters)

Fuchs vor dem Reichstag: Tiere sind in Berlin keine Seltenheit

Die besten Zeiten für Wildtiere in Berlin waren nach Ansicht von Hertrich die frühen 1990er Jahre, nachdem die Mauer eingerissen und DDR-Grenzanlagen entfernt wurden. So hätten die Tiere viele ungenutzte Flächen und Gebäude für sich entdeckt. Solche Orte gebe es zwar immer noch, aber es würden weniger.

Weitere Brücken angedacht

Seitdem die Eichhörnchen-Brücke steht, hat Ursula Bauer von "Aktion Tier" selbst noch keinen Nager bei einer Überquerung beobachtet. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht trotzdem genutzt wird - die Zahl der überfahrenen Eichhörnchen scheint zu sinken. Trotzdem überlegt der Verein, eine Kamera anzubringen, um zu sehen, ob sich der Brückenbau gelohnt hat.

Bisher gab es keinen Widerstand gegen die kleine Brücke. Im Gegenteil, zur Eröffnung kamen sogar Lokalpolitiker, die sich mit dem Bauwerk fotografieren ließen. Und: Inzwischen wird sogar besprochen, mehr Eichhörnchen-Brücken in Berlin zu errichten.

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