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Politik

Eine Boomtown hinter dem Ural

Noch hat Putin das Sagen im Kreml. Vor allem in den aufstrebenden Regionen Russlands hat der noch amtierende Präsident viele Fans. Sie wollen Stabilität und Kontinuität - und kein Chaos. Ein Reisebericht aus Sibirien.

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Vom Flugzeug heraus erblickt man riesige weiße Waldlandschaften und sonst nicht viel. Anflug auf Chanti-Mansijsk in Sibirien, rund 3000 Kilometer östlich von Moskau. Die Stadt hinter dem Ural ist das beste Beispiel für das boomende, das wiedererstarkte Russland, das Putin so gern beschwört. Hier werden mehr als 50 Prozent des russischen Erdöls gewonnen.
Alexandra von Nahmen

Alexandra von Nahmen, Studio Moskau

Ich besuche eine Raffinerie, eine Autostunde von der Stadt entfernt. Es ist kalt und windig. Meine Finger sterben fast ab. Einst hat der Industriemagnat und Putin-Feind Chodorkowski in dieser Gegend Öl gefördert. Jetzt sitzt er in Haft. Die staatliche Firma Rosneft hat hier die Geschäfte übernommen. Das sei ein Segen für die gesamte Region, erklärt mir der Manager der Raffinerie. Waleri Loschow erzählt davon, wie sehr sich das Unternehmen um seine Belegschaft und deren Familien kümmert. "Es werden neue Werke eröffnet, damit entstehen neue Arbeitsplätze. Es werden neue Häuser, Schulen und Hochschulen gebaut. Die Menschen blicken hoffnungsvoll in die Zukunft“, sagt Waleri Loschow. Die Förderanlagen filmen darf ich allerdings nur eingeschränkt. Bei meinem Besuch werde ich von zwei Pressesprechern des Unternehmens begleitet. Sie haben offenbar die Aufgabe, Unangenehmes, Kritisches zu verhindern. Futuristische Prunkbauten statt Holzhäuser Zurück im Hotel in Chanti-Mansijsk. So ein großes Zimmer habe ich wirklich nicht erwartet. Es besteht aus zwei Wohnräumen, die jeweils fast 40 Quadratmeter groß sind, und aus zwei Badezimmern. Ein Blick aus dem Fenster und ich denke, ich bin im Disneyland. Überall blinken bunte Lichterketten. Wo einst Holzhäuser standen, glänzen jetzt futuristische Prunkbauten. Die Stadt leistet sich ein Konzerthaus mit drei Theatersälen, einem Restaurant und einem Pressezentrum. Ein neues Stadion wird gerade gebaut. Wie viele Millionen Rubel investiert werden, wer die Investoren sind, dazu möchten die offiziellen Stellen allerdings lieber schweigen. Sergej Klimow ist hier geboren und stolz auf die Veränderungen in der Stadt. "Ich erinnere mich gut an die 90er Jahre, an das Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wie schwierig das Leben damals war“, sagt Sergej Klimow und seufzt. "Und dann wundere ich mich immer wieder, darüber, wie viel sich unter Putin geändert hat, welchen riesigen Schritt nach vorn wir gemacht haben.“ Das Geld zählt - nicht die Bürgerrechte Dem 29-jährigen Familienvater, der in der Ölbranche arbeitet, geht es gut. Er arbeitet zwei Wochen im Monat, dafür verdient er umgerechnet 1500 Euro. Der Durchschnittsverdienst in Russland liegt hingegen bei rund 300 Euro. Sergej Klimow hat gerade eine Wohnung für seine Familie gekauft. Seine Frau Natalia hat für die örtliche Bank gearbeitet. Jetzt kümmert sie sich um ihre Tochter, die zweijährige Sophie. Wenn du jung bist und eine gute Ausbildung hast, kannst du heute hier alles erreichen, sagt Sergej. Das ist, was für ihn und seine Frau zählt. Pressefreiheit, Bürgerrechte - dafür scheinen sie sich nicht besonders zu interessieren. Wir leben doch in einem demokratischen Staat, sagen die beiden. "Wir können reisen, uns frei bewegen.“

Ein Taxi bringt mich zurück zum Flughafen. Mein Fahrer kommt ursprünglich aus Tadschikistan, arbeitet seit zwei Jahren in Chanti-Mansijsk. "Hier lässt sich richtig gutes Geld verdienen“, erklärt er mir und gibt Gas. Ein vernünftiges Auskommen für seine Familie, das sei für ihn eben das Wichtigste.