1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Eine Blase, die nicht platzt

In Chinas Großstädten haben die Wohnungspreise astronomische Höhen erreicht. Gleichzeitig bleiben neue Geisterstädte unbewohnt. Ein Crash am Immobilienmarkt wird dennoch ausbleiben, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Zu Maos Zeiten wohnten die Pekinger kostenlos. Doch als China unter Deng Xiaoping marktwirtschaftlicher wurde, wurden auch die Häuser privatisiert. Der Staat bot den Menschen die bisher mietfreien Wohnungen zum Kauf an. Wer damals das Geld hatte und etwa 300 Yuan pro Quadratmeter in ein Apartment investierte, hat aus heutiger Sicht ein Vermögen gemacht: Denn heute liegt der Durchschnittspreis in Peking bei 36.000 Yuan pro Quadratmeter. Das sind knapp 4000 Euro. Der Wert hat sich also in nur drei Jahrzehnten mehr als verhundertfacht.

Mittlerweile haben die Preise aber ein Niveau erreicht, über das sich nur noch alteingesessene Pekinger freuen können, die bereits vor Jahren eine Immobilie gekauft haben. Wer aber heute als Normalverdiener eine Wohnung in der Innenstadt sucht, hat es schwer. Eine Wohnung kostet bis zu 50 Jahresgehälter. Junge Pekinger wohnen deshalb so lange es geht bei ihren Eltern. Berufseinsteiger, die in der Hauptstadt ihr Glück suchen und zuziehen, leben meist in Wohngemeinschaften - unter Bedingungen, die miserabel sind. Oft teilen sich gleich mehrere Mieter die einzelnen Zimmer einer Wohnung. Auch im Wohnzimmer werden dann zusätzliche Betten aufgestellt und durch Stoffvorhänge abgetrennt. Noch bescheidener wohnen jene, die im schlecht bezahlten Servicesektor arbeiten. In Bars, Restaurants oder Fitnessstudios zwängen sich die Angestellten üblicherweise in einen winzigen Raum und schlafen in Hochbetten.

Wohnungsnot und Geisterstädte

Aber auch in kleineren Städten in den ländlicheren Regionen Chinas gibt es Probleme. Dort stampften Immobilienfirmen ein Hochhaus nach dem anderen aus dem Boden. Oft allerdings für die falsche Zielgruppe. Denn die Luxusapartments, die entstanden sind, kann sich auch dort kein normalverdienender Bürger je leisten. Die Käufer sind dann allenfalls wohlhabende Spekulanten, die ihre Häuser leer stehen ließen und auf eine Wertsteigerung warteten. Oder die Bauherren haben die Immobilie erst nach Wertsteigerung auf den Markt gebracht, um selbst die Gewinne einzustreichen. So findet man mittlerweile in ganz China Hochhaussiedlungen, die verwaist in der Landschaft stehen.

Die Regierung steht also vor zwei sehr verschiedenen Problemen: Die Kaufpreise sind durch Spekulanten unaufhaltsam in den Himmel gestiegen und haben so Normalverdiener aus den Städten immer weiter in die Außenbezirke gedrängt. Wer kann sich denn schon eine Wohnung leisten, wo der Quadratmeter schon zehn durchschnittliche Monatsgehälter kostet? Die jungen Männer haben es besonders schwer. Bei den Frauen stehen Männer mit eigenem Apartment hoch im Kurs.

Boom auf Pump

Das zweite Problem: In Erwartung hoher Einnahmen hat die Bauindustrie fleißig Kredite aufgenommen. Doch weil die Immobilienfirmen ihre teureren Häuser immer schlechter loswerden, bleiben jetzt die Einnahmen aus. Und so bleiben die Banken auf ihren faulen Krediten sitzen. Über die letzten Jahre hat die Industrie noch gut mit dieser Situation leben können. Denn die staatlichen Banken lieferten gerne Geld. Selbst wenn die Projekte keinen Käufer fanden, kurbelte der Bau das Wirtschaftswachstum an. Die Branche ist stetig gewachsen und unzählige Arbeitsplätze wurden durch die zahlreichen Bauaufträge gesichert, da ganze Zweigindustrien, vom Kranverleih bis zum Zementlieferanten von ihr abhängen. Und die Baubranche war eine der wichtigsten Triebkräfte für den Aufschwung im Reich der Mitte. Nun befürchten vor allem westliche Beobachter, dass das Geld fehlt, um die Kredite zu bedienen. Das könnte einen Kettenreaktion von Pleiten Firmen auslösen. Aber wird dieser Crash kommen?

Die Regierung fürchtet wenig mehr, als dass die Bürger wegen einer Blase am Immobilienmarkt unruhig werden. Deshalb werden bereits Maßnahmen getroffen, um die Lage zu entspannen.

Warnschuss für die Branche

Staatliche Banken sind schon vorsichtiger bei der Kreditvergabe im Bausektor. Und in Peking dürfen Ehepaare und Einzelpersonen seit einiger Zeit nicht mehr als zwei Wohnungen besitzen und müssen beim Kauf mindestens 50 Prozent aus der eigenen Tasche beisteuern. So soll verhindert werden, dass sie immer mehr Immobilien auf Pump kaufen. Auch in anderen Städten gibt es vergleichbare Ansätze. Und erst auf dem letzten Volkskongress vor zwei Wochen hat Ministerpräsident Li Keqiang erschwingliche Sozialwohnungen für Stadtbewohner versprochen.

Dass man kürzlich die Immobiliengruppe Zhejiang Xingrun in die Pleite schlittern ließ, ist dabei eher als politische Vorsichtsmaßnahme zu werten und weniger als Vorbote eines Crashs, wie er in westlichen Medien prophezeit wird. Wo sich im Notfall sonst immer der Staat eingeschaltet und die fälligen Kredite bezahlt hatte, wurde dieses Unternehmen nun erstmals einfach dem freien Markt überlassen. Das ist quasi ein Warnschuss an die anderen: Wenn ihr nicht aufpasst, kann es auch euch treffen. Aber allen Markteilnehmern ist klar, dass die Regierung so nur handeln kann, wenn keine erdrutschartigen Panikverkäufe zu erwarten sind. Dass dieses Jahr eine Blase platzen wird, ist also auszuschließen.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.