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Asien

Eine Aufarbeitung gab es nicht

Es waren bittere 60 Stunden, die Indien im November 2008 in ihren Grundfesten erschütterten. Ein Jahr nach den Anschlägen fehlt eine gemeinsame Antwort auf die Bedrohung. Abgesehen von Vorwürfen gegen Pakistan.

Karte Mumbai mit Anschlagsorten (Foto: AP)

An vier Orten schlugen die Terroristen zu

Die Anschläge von Mumbai trafen ins Herz einer ganzen Nation. Mumbai sieht sich als Motor des modernen Indien. Voller Stolz hat die Stadt seit jeher Naturkatastrophen und religiöser Gewalt wie Anfang der 90er Jahre getrotzt und ist wie das Fabelwesen Phönix immer wieder aus der eigenen Asche auferstanden. Es ist genau diese Zähigkeit, dieses Gemeinschaftsgefühl im Angesicht einer großen Bedrohung, das viele TV-Sender in Indien mit ihrer speziellen und sehr emotionalen Berichterstattung anlässlich des Jahrestages der Anschläge wieder heraufbeschwören wollen.

Der Psychiater Sanjay Chugh sieht aber auch die indische Regierung unter Zugzwang. Denn nur sie könne den Menschen in Indien das verlorengegangene Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit wiedergeben: "Der Druck, der auf der Psyche der Menschen lastet, kann nur dann verringert werden, wenn die indische Regierung die Menschen über all die Schritte unterrichtet, die sie als Konsequenz der Anschläge eingeleitet hat."

Polizist vor dem Hotel Taj Mahal (Foto: AP)

Erst nach 60 Stunden wurden alle Täter überwältigt

Die Angst ist immer dabei

Die Regierung müsse den Bürgern klar machen, dass sie alles unternimmt, damit es nicht zu einem erneuten Anschlag kommt. Doch das tut sie nicht immer, so Chugh. "Alles, was hinter geschlossenen Türen geschieht, führt nur dazu, dass in den Menschen das Gefühl der Angst und das Gefühl einer ungewissen Zukunft weiter besteht." Vor allem, wenn große Feierlichkeiten in Indien anstehen, die Menschen Spaß haben wollen, ist die Angst da - überall dort, wo große Menschenansammlungen sind.

Auf politischer Ebene liefern sich die führenden Parteien des Landes anlässlich des Jahrestages seit Tagen einen heftigen Schlagabtausch. Die Opposition griff die Regierung von Premierminister Manmohan Singh an - wegen angeblicher Untätigkeit. Shahid Siddiqui ist der Generalsekretär der Bahujan Samaj Partei, eine vor allem in Nordindien sehr populäre Gruppierung, die für die Rechte der Dalits, der so genannten Unberührbaren, eintritt. Die Anschläge von Mumbai hätten den Indern eine Lektion erteilt, sagt er. "Seit der Unabhängigkeit hat Indien keinen derartigen Schock erlitten. Wie soll auf eine derartige Bedrohung reagiert werden? Sicherlich hat die indische Regierung hierzu etwas unternommen, aber bei weitem nicht genug."

Tut die Regierung zu wenig?

Satyavat Chaturvedi von der regierenden Kongresspartei betont allerdings, dass die indische Regierung bisher noch jeden geplanten Terroranschlag in dem einen Jahr nach den Anschlägen von Mumbai vereiteln konnte. Doch er kritisiert den alten Erzfeind und Nachbarn Indiens, Pakistan, von dessen Grund und Boden die Anschläge geplant wurden – und spricht damit vielen Menschen aus der Seele: "Es ist sehr bedauerlich, dass wir von Pakistan keinerlei Hilfe oder irgendein Angebot der Zusammenarbeit bekommen haben. Es war schon immer Angewohnheit von Pakistan, die Realitäten im eigenen Sinne zurechtzubiegen."

Zerbombtes Auto (Foto: AP)

Mehr als 160 Menschen wurden getötet, darunter viele Ausländer

Der Sicherheitsexperte Uday Bhaskar hält allerdings nichts davon, einen Schuldigen auszumachen. Ihm ist vor allem wichtig, dass die Parteien endlich eine gemeinsame Linie im Anti-Terrorkampf finden. Schließlich vertreten die Parteien die Hoffnungen und Meinungen aller Inder, sagt Bhaskar. Ist die nationale Sicherheit derart bedroht wie heute, sollten sie an einem Strang ziehen. "Gerade wenn es um Themen wie die innere Sicherheit eines Landes geht, dann muss im Parlament eine Debatte angefacht werden, 24 Stunden lang, über Wochen. Nur dann wird dies wegweisend für das ganze politische System sein."

Vergessen oder akribische Aufarbeitung, Dialog oder Konfrontation mit Pakistan – ein Jahr nach den Anschlägen von Mumbai ist die Zerrissenheit in Politik und Gesellschaft in Indien unübersehbar.

Autorin: Priya Esselborn

Redaktion: Manfred Götzke

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