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Asien

Eine asiatische Schicksalsgemeinschaft

Ein komplexes Beziehungsgeflecht verbindet den Iran mit Pakistan und Indien. Beide Nachbarn sind auf Energielieferungen aus dem Iran angewiesen. Doch die Schicksalsgemeinschaft hat ihre Tücken.

Indiens Premier Singh, Irans Präsident Ahmadinedschad und Pakistans Präsident Zardari (Fotos: dpa)

Die politischen Führer Indiens, Irans und Pakistans (von links)

Der Iran verfügt über die zweitgrößten Gasreserven weltweit. Allein das macht ihn in einer der komplexesten Regionen der Welt zu einem einflussreichen Player, um den sich Schicksalsgemeinschaften in der Region bilden. Bis 2014 soll eine mehr als 2000 Kilometer lange Pipeline entstehen, die, ausgehend vom Iran, zunächst das unter akuter Energieknappheit leidende Nachbarland Pakistan mit Gas versorgen soll. Von einer Kapazität von 22 Milliarden Kubikmeter ist die Rede, die aber auf bis zu 55 Milliarden Kubikmeter ausgebaut werden kann. 7,5 Milliarden US-Dollar kostet das gigantische Vorhaben. Diese sogenannte "Friedenspipeline" sorgt, anders als der Name vermuten lässt, bereits seit den ersten Planungen vor mehr als zehn Jahren für Verstimmungen rund um den Globus.

USA übten Druck aus

Silberrohre in einer iranischen Gasförderungs- Anlage (Foto: dpa)

Der Iran verfügt über die zweitgrößten Gasreserven der Welt

Zunächst beteiligte sich auch Indien an dem umstrittenen Projekt, zog sich dann aber 2008 zurück. Die offizielle Begründung: Die von Pakistan geforderten Durchleitungsgebühren seien zu hoch. Zudem äußerte Indien Bedenken, ob der Nachbar und Erzfeind Pakistan die Sicherheit der Gaslieferungen durch die Unruheprovinz Baluchistan garantieren könne.

Inoffiziell vermuten Experten, dass Indien sich dem Druck der USA gebeugt hat. Diese hatten mit Hinblick auf den schwelenden Streit um das iranische Atomprogramm vehement gegen den Bau der Pipeline protestiert. Denn sie wollten eine Abhängigkeit ihres Verbündeten Pakistan vom Iran um jeden Preis verhindern. Pakistan beugte sich dem amerikanischen Druck nicht. Indien hingegen war darauf angewiesen, dass ein umstrittener Nukleardeal mit den USA endlich unter Dach und Fach gebracht wurde. Es verzichtete schweren Herzens auf eine Beteiligung und bewies damit seine Loyalität. Dennoch braucht Indien Gas und Öl. Es deckt ein Fünftel seines wachsenden Energiebedarfs mit Lieferungen aus dem Iran. Doch Delhi vermeidet bis heute, zu enge politische Beziehungen zum Iran einzugehen.

Russisch-chinesische Allianz

Karte der Region: Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien, China (Grafik: DW)

China und Russland waren nicht so empfindlich. Geschickt nutzten sie das durch Indiens Zurückhaltung entstandene Vakuum, erklärt Iranexperte Qamar Agha von der Delhi University: "Der Iran ist derzeit auf Russland und China angewiesen. Ohne die Hilfe dieser beiden Länder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wäre Teheran vollends isoliert. Beide Länder, vor allem aber China, haben in den vergangenen Jahren extrem im Iran investiert." China habe zum Beispiel Entwicklungsprogramme vorangetrieben, so Agha: "Straßen wurden mit chinesischer Hilfe gebaut, genauso wie Bahnlinien. Mit seiner neu entdeckten Freundschaft zu einflussreichen Mächten wie China und Russland versucht der Iran, dem Westen entgegenzutreten." Im Hinblick auf die Rivalität zwischen Indien und China sei das für Indien besonders bitter, fügt Agha hinzu. Und auch die USA können mit dieser Entwicklung nicht zufrieden sein.

Jahrhundertealte Beziehungen

Die ethnischen, sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Iranern, Pakistanern und vor allem den Nordindern verblüffen. Historische Großreiche umfassten Jahrhunderte lang den gesamten geographischen Raum der heutigen Länder Iran, Pakistan und Indien. Noch immer ist Lucknow im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh ein renommiertes Zentrum für persische Kultur und Studien in Südasien. Bis zur iranischen Revolution 1979 waren die Beziehungen zwischen dem Iran und Pakistan ausgezeichnet.

Familie Bhutto 1978 (Foto: AP)

Die gebürtige Iranerin Nusrat (links) war die Ehefrau von Pakistans Premier Zulfikar Ali Bhutto

Doch dann kam es zum Bruch, wie Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin erläutert: "Dies liegt daran, dass sich mit der Revolution im Iran eine schiitische Auslegung des Islams durchgesetzt hat, während in Pakistan unter Zia-ul-Haq ab 1977 eine sunnitische Form der Islamisierung forciert wurde. Beide Länder haben also eine sehr unterschiedliche ideologische Ausrichtung genommen." Hinzu komme, dass in den letzten Jahren in Pakistan militante sunnitische Gruppen verstärkt gegen schiitische Einrichtungen vorgegangen seien und umgekehrt: "Dahinter steckt die Rivalität zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Das heißt, dass die religiösen Konflikte in Pakistan auch von ausländischen Organisationen unterstützt werden, die ihre schiitischen oder sunnitischen militanten Gruppen fördern."

Wichtige geostrategische Bedeutung

Für Indien ist die Bedeutung des Iran immens. Deshalb hat der indische Premierminister Manmohan Singh beim Treffen mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am Rande der UN-Generalversammlung in New York im September 2011 auch dessen Einladung angenommen. Der letzte Staatsbesuch fand 2001 statt, als der damalige indische Premier Atal Behari Vajpayee in den Iran reiste. Indien und der Iran haben beide ein besonderes Interesse an einem stabilen Afghanistan und der Vertreibung der Taliban, so Südasienexperte Wagner: "Ein Großteil der indischen Entwicklungshilfe, die nach Afghanistan geht, läuft über den Iran. Der Iran ist für Indien momentan der einzige Korridor, durch den Indien seine Handelsbeziehungen, sowohl nach Afghanistan als auch nach Zentralasien ausbauen kann."

So argumentiert Indien im Hinblick auf das Atomprogramm des Irans auch sehr eigenwillig. Es wirft dem Iran keineswegs vor, sein Atomprogramm voranzutreiben. Indien wiederholt stattdessen nur nachdrücklich, dass ein Land, das den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat, sich auch daran zu halten habe. Indien selbst hat den Atomwaffensperrvertrag nie unterzeichnet. Es genießt aber eine Sonderposition, da es nach dem umstrittenen Nukleardeal mit den USA de facto als Nuklearmacht anerkannt ist.

Autorin: Priya Esselborn

Redaktion: Ana Lehmann