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Kultur

Eine Arche für hungrige Kinder

2,5 Millionen Kinder leben in Deutschland Armut, Tendenz steigend, so die Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes. In der Hamburger Arche bekommen sie Nahrung - für Magen und Seele.

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2,5 Millionen deutsche Kinder leben in Armut

Ein Uhr mittags im Hamburger Stadtteil Jenfeld. Immer mehr Kinder stürmen in die "Arche". Es riecht nach dampfendem Mittagessen: Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensauce und als Nachtisch Mandarinenkompott. Artig tragen die rund 20 Kinder ihre Teller in einen Holz vertäfelten Aufenthaltsraum und schwatzen munter durcheinander.

Kinderarmut in Deutschland Symbolbild

Kinderarmut hat sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.

Boris kann es kaum erwarten, bis er dran ist, schließlich steht er schon seit fast 40 Minuten in der Essenschlange, wie fast jeden Tag nach der Schule. Der kleine Junge mit der Baseballmütze unter der rote Haare hervor lugen, ist einer von etwa 100 Kindern, die täglich in der Suppenküche "Arche" eine kostenlose warme Mittagsmahlzeit bekommen. Boris kommt, "weil es hier lecker schmeckt und meine Eltern möchten, dass ich hier esse."

Seine Eltern sind arbeitslos. Manchmal kochten sie schon, aber hier schmecke es eben besser, wiederholt er fast trotzig. Auch der 11-jährige Manouch ist Stammgast in der "Arche". Er kommt jeden Tag nach der Schule. Für ihn ist es schon selbstverständlich, hier zu essen: "Meine Mutter hat keine Zeit zum Kochen, denn sie muss auf das kleine Kind aufpassen und mein Vater muss arbeiten", sagt Manouch fast entschuldigend.

Und auch wenn bei manchen Familien offenbar Geld vorhanden ist, will die "Arche" das Mittagessen bewusst kostenlos anbieten: "Wenn wir für das Essen für einen Euro nehmen würden, gäbe es Kinder, die sich das nicht leisten könnten. Und selbst wenn sie einen Euro in der Tasche hätten, würden sie ihn vermutlich lieber für Süßigkeiten ausgeben", erklärt Tobias Lucht, Sozialpädagoge und Betreuer in der "Arche".

Donnerstags ist Kinderparty

Suppenküche Arche in Berlin

Vorbild: Die Berliner "Arche"

Die christliche Einrichtung ist jetzt seit gut einem halben Jahr geöffnet. Es gibt hier mehrere Räume, in denen die Kinder spielen können und einen großen Garten. "Die Resonanz ist sehr gut. Rund 70 Kinder kommen jeden Tag", so Lucht. "Donnerstags sind es sogar noch mehr, da ist unsere Kinderparty. Da kommen so 120 bis 160 Kinder", fügt er hinzu.

Der Stadtteil Jenfeld gehört zu den Problemvierteln Hamburgs, der im vergangenen Jahr traurige Berühmtheit durch den "Fall Jessica" erlangte: Der Hungertod der Siebenjährigen hatte damals die Problematik vernachlässigter Kinder in Deutschland unvermittelt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Jenfelds Pastor Thies Hagge entschloss sich damals, es nicht bei Worten der Anteilnahme oder moralischer Entrüstung zu belassen, sondern etwas zu unternehmen. "Wir wollen dieser Tragödie einen Sinn geben", sagte er damals und rief nach dem Berliner Vorbild eine "Arche" nach ins Leben.

Essen und ein offenes Ohr

Beerdigung Jessica Das Mädchen wurde am Dienstag (01.03.2005) in der elterlichen Wohnung von einem Notarzt verhungert aufgefunden

Auslöser: Der "Fall Jessica"

Er wollte den Kindern ein offenes Haus bieten, in dem sie kostenloses Mittagessen und Hausaufgabenhilfe, Sport- und Bastelangebote bekommen, vor allem aber Aufmerksamkeit, Geborgenheit und ein offenes Ohr: Nahrung für Magen und Seele. Denn häufig lasse sich Armut nicht allein finanziell definieren, beobachtet Sozialpädagoge Lucht: "Materielle Armut, also Kinder, die sich das Essen nicht leisten können, sind das eine. Aber es gibt auch viele Kinder, um die sich einfach keiner kümmert." Diese "emotionale Armut" treffen Tobias Lucht und seine Kollegen in der "Arche" häufig an.

"Manche Kinder umklammern uns schon am ersten Tag und wollen uns gar nicht mehr los lassen. Das ist für uns oft schon ein Zeichen, dass es dem Kind zu Hause an Zuwendung fehlt. Ein Kind, das in einer wohlbehüteten Familie aufwächst, macht so etwas nicht gegenüber Fremden", weiß Lucht. Hin und wieder muss er aber auch die Notbremse ziehen, denn so manches Mädchen, dessen Mutter allein erziehend ist, habe in dem jungen Sozialpädagogen auch schon den neuen Vater gesehen.

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