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Politik

Eine andere Welt ist möglich

Das Weltsozialforum war weit mehr als ein Jahrmarkt der "Gutmenschen". Die Kritik an dem Treffen ist oft einseitig. Eine "andere Welt" ist keine Utopie. Gebraucht werden kreative Debatten, meint Thomas Bärthlein.

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Es ist leicht, Kritik zu üben am Weltsozialforum, dem Treffen der Globalisierungs-Kritiker aus aller Welt. Oft werden dort einseitige Positionen vertreten, und wer praktikable Alternativen zum gegenwärtigen Stand und Prozess der Globalisierung erwartet, der wird oft enttäuscht.

Und dennoch ist diese weit verbreitete Kritik am Weltsozialforum falsch. "Eine andere Welt ist möglich" - dieses Schlagwort sollte man weniger als konkrete Utopie verstehen, sondern zunächst einmal als Widerspruch gegen in Politik und Wirtschaft weltweit dominierende Mythen.

IT-Kräfte und amerikanische Farmer als Globalisierungs-Gegner?

Der Prozess der Globalisierung ist nicht unaufhaltsam, wie uns manche weismachen wollen. Vor dem ersten Weltkrieg war die weltweite Integration der Märkte schon einmal sehr weit fortgeschritten, doch danach gab es einen Rückschlag. Der könnte auch jetzt bald wieder kommen. Die WTO-Verhandlungen stocken. Vielleicht erweisen sich amerikanische Farmer oder Software-Spezialisten eines Tages noch als die mächtigsten Globalisierungs-Gegner.

Die Politiker in aller Welt folgen auch keinem Naturgesetz, wenn sie freiwillig auf Entscheidungs-Spielräume verzichten und sich den Interessen der großen Konzerne fügen. Oder wenn sie in einen Wettlauf um niedrige Sozialstandards und Steuer-Schlupflöcher für Unternehmen eintreten.

Man muss auch nicht daran glauben, wenn US-Präsident Bush der Welt weismachen will, dass islamistischer Terrorismus das größte Problem auf dieser Erde sei - und nicht Armut, AIDS oder Umweltzerstörung. Und man muss nicht einverstanden sein, wenn er unter dem Deckmantel eines "Anti-Terror-Kriegs" elementare Menschenrechte außer Kraft setzt oder den Irak besetzt. In Wirklichkeit gibt es immer eine Alternative: "Eine andere Welt ist möglich." Nicht mehr und nicht weniger.

Weltsozialforum als kreatives Versuchslabor

Selbst wenn sich viele gute Gründe für die Globalisierung, die Öffnung der Märkte weltweit finden lassen: Das mindeste ist doch, dass die neue Weltordnung, die sich für das 21. Jahrhundert abzeichnet, und die viel unmittelbarer als je zuvor in der Geschichte wirklich alle Menschen betrifft, öffentlich debattiert wird. Dass ihre Spielregeln nicht hinter den verschlossenen Türen von Minister-Konferenzen ausgekungelt werden.

Und wo kommen sonst so viele Menschen aus aller Welt zusammen, um genau darüber zu reden? Natürlich führt es manchmal zu bizarren Situationen, wenn indische Bauern mit Akademikern aus dem Ausland zusammenkommen. Aber es gibt auch viele fruchtbare Kontakte. Die Diskussions-Kultur auf dem Weltsozialforum ist noch unterentwickelt. Es gibt einerseits Veranstaltungen, die nicht über ein Verlesen von Thesenpapieren hinausgehen. Andere wieder sind außerordentlich spannend. In Indien, der größten Demokratie der Welt, hat sich das heillos zersplitterte Spektrum der Dalits (ehemaligen Unberührbaren), Feministinnen, Gewerkschaften und Umweltbewegungen zum ersten Mal unter einem Dach zusammengefunden. "Vernetzung" heißt der Trend, eine Organisationsform, die pragmatisch auf Gemeinsamkeiten setzt und keine Berührungsängste kennt.

Das Weltsozialforum ist eine Art Versuchslabor zur Entwicklung einer internationalen Zivilgesellschaft, die sich nirgends sonst so schnell, so kreativ und mit derart großer Beteiligung entwickelt. Man mag einiges daran belächeln, aber es ist eine historische Entwicklung.

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