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Asien

Eine Öko-Stadt in der mongolischen Steppe

In der Mongolei entsteht aus dem Nichts eine neue Stadt: Entworfen von deutschen Städteplanern, gebaut nach strengen Umweltvorschriften, soll "Maidar City" einmal das neue politisch-religiöse Zentrum des Landes werden.

Für Stefan Schmitz ist es so etwas wie das Projekt seines Lebens. Der Kölner Architekt plant zusammen mit anderen Städteplanern eine Öko-Musterstadt – mitten in der mongolischen Steppe. Bislang ist dort davon noch nicht viel zu sehen. Aber in den nächsten Jahrzehnten soll hier Maidar City entstehen, das neue urbane Zentrum der Mongolei: mit Platz für 300.000 Einwohner, einer eigenen Universität, vielen Museen und religiösen Zentren, Flächen für Tourismus und Filmindustrie. Sogar der Regierungssitz soll eines Tages aus Ulan Bator hierher verlegt werden. Für die Gebäude sind die Standorte schon vorgesehen. "Noch im April", ist sich Schmitz seiner Sache sicher, "wird das mongolische Parlament dem Bau zustimmen." Dabei war die Stadt ursprünglich nur für rund 20.000 Einwohner geplant. Aber nach und nach wurde sie zu einem Bauprojekt von nationaler Bedeutung – zu prekär wurde die Situation in Ulan Bator, der eigentlichen Hauptstadt des Landes, die nur 30 Kilometer Luftlinie entfernt ist.

Geplante Ökostadt Maidar City in der Mongolei (Grafik: RSAA GmbH)

Die einzelnen, weitgehend autarken Stadtviertel von Maidar City sollen durch umweltfreundliche Verkehrsadern, sogenannte "Urban Arteries", miteinander verbunden werden.

Schattenseiten der Urbanisierung

Dabei müssten Wohnungsnot, Übervölkerung und Verkehrskollaps eigentlich Fremdwörter sein in der Mongolei, dem Land mit der niedrigsten Bevölkerungsdichte der Welt. Nur etwas über drei Millionen Einwohner leben hier, weniger als in Berlin, aber verteilt auf einer Fläche viereinhalb mal so groß wie Deutschland. Und doch kämpfen viele Mongolen genau mit diesen Problemen. Denn Ulan Bator platzt aus allen Nähten. Das Leben in der Steppe erscheint vielen Mongolen hart, wenig lukrativ und perspektivlos. Sie wollen am Fortschritt teilhaben. Also zieht es sie in die Hauptstadt. Doch die liegt in einem Talkessel, und so ist Wohnraum knapp.

Jurten am Stadtrand von Ulan Bator (Foto:dpa)

Durch die Landflucht vieler Nomaden ist Ulan Bator heute völlig überbevölkert

"Ulan Bator wurde eigentlich gebaut für 600.000 Einwohner, aber jetzt leben über 1,2 Millionen dort", erklärt der Kölner Städteplaner Stefan Schmitz. "Die Immobilienpreise sind gigantisch, höher als in Europa," sagt er. "Ein Mongole mit Durchschnittseinkommen kann sich keine Wohnung in Ulan Bator leisten. Auch unser Büro dort kostet mehr Miete als das in Köln." Der Bevölkerungszuwachs kommt vor allem durch Nomaden zustande, die rund um die eigentliche Stadt einen regelrechten Jurtengürtel aufbauen. "Die Nomaden können sich frei aussuchen, wo sie ihre Jurte aufstellen. Wer also in der Stadt Arbeit findet, sucht sich möglichst in der Nähe ein Grundstück. Aber in den Jurten wird Rohkohle zum Heizen verbraucht, und der Rauch zieht dann ungefiltert über die Stadt", so Schmitz. Aber nicht nur die Luftverschmutzung macht den Einwohnern zu schaffen: Die Infrastruktur, die Wasserversorgung, die Stromleitungen sind durch den Zustrom der Nomaden mittlerweile völlig überlastet.

"Entlastungsstadt" im Süden

Deswegen plant die Mongolei mit Hilfe von Städteplanern wie Stefan Schmitz Maidar City als "Entlastungsstadt". Konzipiert nach streng ökologischen Maßgaben, mit einer eigenständigen Trinkwasserversorgung, weitestgehend gespeist aus regenerativen Energien und mit einem umweltfreundlichen, dezentralen Wohn- und Verkehrskonzept. "Das aus den angrenzenden Bergen herunterfließende Regenwasser wird gesammelt, über Pflanzenbeete gereinigt und dann in einen Trinkwassersee geleitet", erklärt Schmitz. Der See soll gleichzeitig auch als Naherholungsgebiet für die Bewohner dienen. Das Warmwasser der Stadt wird über Photovoltaik-Anlagen, der Strom über möglichst viel erneuerbare Energie, etwa durch Windkraft, erzeugt. "Dafür sind die Bedingungen in der Mongolei sehr günstig", sagt Schmitz. "Im Winter scheint fast durchgehend die Sonne, außerdem ist das Gebiet sehr windreich." Ein bereits existierender Windpark in der Nähe soll ausgebaut werden und Maidar City mit der nötigen Energie beliefern. Und südlich der Stadt sind bereits Flächen für nachhaltige Landwirtschaft reserviert. Diese soll die Stadt mit Nahrungsmitteln versorgen, gleichzeitig aber auch der zunehmenden Desertifikation aus der südlicher gelegenen Wüste Gobi Einhalt gebieten. Die einzelnen Stadtviertel sollen unabhängig voneinander bestehen, mit eigenen Zentren, "eine Stadt der kurzen Wege", beschreibt Schmitz, "in der öffentliche Verkehrsmittel und Elektroautos Vorrang genießen sollen." Die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) soll Maidar City hierfür mit einem international gültigen Öko-City-Label zertifizieren.

Geplante Ökostadt Maidar City in der Mongolei (Grafik: RSAA GmbH)

Eine Buddha-Statue, mehrere Museen und Häuser aller Weltreligionen sollen das religiös-kulturelle Zentrum der neuen Stadt bilden. Die Stadt entsteht in konzentrischen Kreisen um dieses Zentrum herum.

Planungserfahrung in China und der Mongolei

Das RSAA-Architekturbüro, in dem auch Schmitz arbeitet, hat viel Erfahrung mit Bauprojekten insbesondere in China und der Mongolei. Vor über zehn Jahren hatte das Büro an einer Ausschreibung zur Planung der chinesischen Öko-City in Tianjin teilgenommen und gewonnen. "Das hat uns in Asien einen richtigen Schub gegeben", sagt Schmitz. "Heute haben mehr als 50 Prozent unserer Projekte mit Asien zu tun." Auch in der Mongolei plant sein Büro derzeit mehrere Projekte, auch wenn Maidar City mit Abstand das größte ist.

Stadtplaner Prof. Stefan Schmitz (Foto: RSAA GmbH)

Stadtplaner Stefan Schmitz

Dessen Entwurf am Reißbrett ist mittlerweile fertiggestellt. Jetzt geht es an die Umsetzung. Bislang steht von der Stadt nämlich nur wenig mehr als die untere Hälfte einer Buddhastatue. Sie soll einmal 54 Meter hoch werden und das religiös-politische Zentrum der Stadt bilden. Bis 2030 soll der erste Bauabschnitt für rund 90.000 Einwohner fertiggestellt sein. "Aber mit solchen Zeitplänen ist das nicht immer so einfach, da spielen viele Faktoren eine Rolle“, sagt Schmitz. Einmal im Monat fliegt er für eine Woche in die Mongolei, wirbt für sein Projekt, trifft Absprachen, begleitet den Baufortschritt. „Die Kommunikation mit den Mongolen läuft sehr gut", sagt er. "Die Mongolen sind ruhige, gelassene und sehr klare Gesprächspartner. Und es macht auch Spaß, weil das Projekt für uns in der Mongolei eine echte Pionierarbeit ist." Alle Ministerien stünden der neuen Öko-Stadt sehr aufgeschlossen gegenüber. Doch bei der Realisierung des Projektes ist das Land auf ausländische Gelder und Berater angewiesen.

"Das Interesse von Investoren, bei diesem Projekt mitzumachen, ist sehr groß", sagt Schmitz. Insbesondere aus China kämen immer wieder Anfragen, berichtet der Stadtplaner, dem allerdings eher eine Lösung vorschwebt, nach der einzelne Parzellen an Investoren aus aller Welt verkauft werden. Wichtig sei der mongolischen Regierung, das Heft in der Hand zu behalten. Außerdem müsse jeder Investor sich an strenge Auflagen halten, sonst wäre Maidar City sein Siegel als Öko-City auch schnell wieder los. "So etwas wie Bebauungspläne oder Flächennutzungspläne gibt es aber in der Mongolei nicht", erklärt Schmitz. Deshalb müssten die Auflagen in jeden Kaufvertrag einzeln aufgenommen werden. "Und da gilt es, eine Balance zu finden, mit der man die ökologischen Ziele der Stadt beibehält, ohne die Investoren zu sehr abzuschrecken. Das ist jetzt unsere größte Herausforderung."

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