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Europa

Ein zweiter Fall Chodorkowski?

Der russische Milliardär Wladimir Jewtuschenkow wurde unter Hausarrest gestellt. Hinter dem Verfahren gegen den Gründer des Mischkonzerns Systema könnte ein Vertrauter von Putin stecken, vermuten Beobachter.

Er verdiente seine Milliarden nicht mit Rohstoffen, sondern hauptsächlich im innovativen High-Tech-Bereich: Das unterscheidet den heute 65-jährigen Wladimir Jewtuschenkow von den meisten anderen russischen Oligarchen. Das Herzstück seines Mischkonzerns Systema ist der Mobilfunkanbieter MTS - einer der drei Marktführer in Russland, dem größten Flächenland der Erde. Auch mehrere Maschinenbauer, ein Krankenhauskonzern, Medien- und Pharmaunternehmen gehören dazu.

Alles dreht sich um die Ölfirma Bashneft

Doch ausgerechnet die Beteiligung an einer Ölfirma könnte dem in deutschen Unternehmerkreisen gut bekannten Jewtuschenkow - der den ehemaligen Chef der Deutschen Telekom, Ron Sommer, zu seinem Berater machte - zum Verhängnis werden. Die russische Justiz wirft dem Milliardär illegale Machenschaften rund um die Firma Bashneft in der autonomen Republik Baschkortostan vor. Unter dem Verdacht der Geldwäsche wurde er am 16. September unter Hausarrest gestellt. Er muss eine elektronische Fessel tragen.

Michail Chodorkowski, Chef des mittlerweile zerschlagenen Ölkonzerns Yukos (Foto: AFP)

Michael Chodorkowski wurde im Dezember 2013 begnadigt - nach zehn Jahren Haft

Diese Nachricht schlug in Moskau ein wie eine Bombe - nicht nur an der Börse, wo die Systema-Aktien auf Anhieb etwa ein Drittel ihres Wertes verloren. "Das alles sieht sehr nach Yukos Nr. 2 aus", erklärte der Chef des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, der grundsätzlich als Kreml-treu gilt. Er ist bei weitem nicht der Einzige, der sofort eine Parallele zu der Verhaftung des ehemals reichsten Geschäftsmanns Russlands, Michail Chodorkowski, im Jahr 2003 gezogen hat. Dessen erfolgreicher Ölkonzern Yukos wurde bald darauf zerschlagen, seine wichtigsten Teile hat sich der Staatskonzern Rosneft einverleibt.

Tatsächlich hat es in Russland seit der Inhaftierung Chodorkowskis keine dermaßen spektakuläre juristische Verfolgung eines Großindustriellen mehr gegeben. Doch Alexander Schochin geht es nicht um äußere Ähnlichkeiten der beiden Fälle, sondern darum, dass die russische Justiz wieder einmal schwer nachvollziehbare Anschuldigungen erhebt. "Da wird der Chef einer Firma, die 2,5 Milliarden Dollar für bestimmte Vermögenswerte gezahlt hat, beschuldigt, er habe die entsprechenden Aktien entwendet und Geld gewaschen", sagt der Wirtschaftsprofessor und ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Russlands. "Wenn die Privatisierung von Bashneft von Unregelmäßigkeiten begleitet wurde, so ist das kein Grund, Anklage gegen einen gewissenhaften Käufer zu erheben, der diese Vermögenswerte in der darauffolgenden Etappe erworben hat".

Igor Setschin als Drahtzieher?

"Ich habe den Text der Anklage gelesen, ich kann ihn nicht verstehen", sagt ein anderer ehemaliger Vize-Regierungschef und heutiger Vorstandsvorsitzender der staatlichen Nanotechnologie-Holding Rosnano, Anatoli Tschubais. Es sei ihm ein Rätsel, wie man Jewtuschenkow in Verbindung mit der Privatisierung von Bashneft bringen könne, mit der er erwiesenermaßen nichts zu tun habe.

Der russische Präsident Wladimir Putin (links) und Igor Setschin (Foto: AP)

Rosneft-Chef Setschin (r.) gehört zu den Vertrauten Putins

In Moskau rätselt man nun darüber, was der eigentliche Hintergrund der eingeleiteten Ermittlung ist - denn an eine rechtsstaatliche Aufklärung möglicher Gesetzesbrüche glauben die wenigsten Beobachter. Ein ehemaliger Manager von Systema, der nicht genannt werden möchte, meinte im Gespräch mit der DW, der Drahtzieher könnte Rosneft-Chef Igor Setschin sein - ein enger Vertrauter von Putin.

Tatsächlich erwog Rosneft, der größte staatliche Ölkonzern, in diesem Sommer die Übernahme von Bashneft, aber das erwies sich wohl als zu teuer. Bald darauf begannen die ersten Ermittlungen im Zusammenhang mit der Firma Bashneft, die jetzt in dem Hausarrest von Jewtuschenkow und dem darauffolgenden Absturz der Bashneft-Aktien ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Der ehemalige Systema-Manager, der anonym bleiben möchte, sagt, früher oder später werde man erfahren, ob die Ölfirma ihren Besitzer gewechselt hat - und zu welchem Preis.

Schwerer Schlag für den Investitionsstandort Russland

Der Hausarrest von Jewtuschenkow könnte aber auch ein politisches Signal für die russische Wirtschaftselite sein. Michail Chodorkowski wurde seinerzeit nicht zuletzt deshalb inhaftiert, weil er die politische Opposition in Russland zu aktiv unterstützt hatte. Heute könnte ein Schauprozess gegen einen Großindustriellen eine Machtdemonstration des Kremls und zugleich eine Warnung an Geschäftsleute sein, sich dem anti-westlichen Kurs Putins nicht zu widersetzen, meinen Kritiker des Verfahrens gegen den Systema-Chef.

Eines ist auf jeden Fall sicher, sagt der Top-Manager und Politiker Anatoli Tschubais: "Dieses Vorgehen der Justiz ist ein schwerer Schlag für das Geschäftsklima in Russland. Und das in einer Zeit, in der die russische Wirtschaft zwischen einer Rezession und einer Stagnation balanciert." Auch Michail Chodorkowski ist der Meinung, dass man kaum einen schlechteren Zeitpunkt für die Verhaftung Wladimir Jewtuschenkows hätte finden können. In seinem Schweizer Exil äußerte auch er die Vermutung, dass hinter dieser Aktion Igor Setschin stecken könnte.

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