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Nahost

"Ein Zeichen von Ignoranz"

Die libanesische Journalistin Zahera Harb sprach mit DW-WORLD.DE über die Medien im Libanon und die Auswirkungen der Berichterstattung auf den Konflikt mit Israel.

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Die Online-Ausgabe der libanesischen Zeitung "assafir"

Zahera Harb ist libanesiche Journalisten, die acht Jahre lang für Tele' Liban and Future TV in Lebanon gearbeiten hat. Zur Zeit arbeitet sie als Gastdozentin an der Cardiff Universität in Wales und schreibt ihre Promotion über die libanesische Berichterstattung im Israel-Libanon Konflikt.

Frau Harb, wie beurteilen Sie die Berichterstattung der libanesischen Medien über den Konflikt mit Israel?

Die libanesischen Medien berichten über den Konflikt genau so wie alle anderen Medien in anderen Länder das in dieser Situation auch tun würden: aus ihrer Sicht. Sie berichten über einen Konflikt, in dem eine Nation ständig von einem verfeindeten Staat angegriffen wird. Israel ist für die libanesische Bevölkerung ein feindlicher Staat; der Ursprung des Konfliktes geht zurück auf die Gründung des Staates Israels in 1948, weiter geht mit der Invasion Libanons 1970 und abermals in 1982, wo sie 10 Prozent von unserem Land besetzten. Da ist es ganz normal, dass die libanesischen Journalisten aus einer nationalen und partriotischen Sichtweise über den Konflikt berichten.

In ihrer Promotion über die libanesischen Medien und den Medienkrieg zwischen dem Libanon und Israel benutzen Sie den Begriff "Befreiungs-Propaganda". Was meinen Sie damit?

Ich untersuche zur Zeit, wie - am Beispiel von Libanon - Propaganda tatsächlich genutzt werden kann um ein Land, das von einem anderen Staat besetzt wird, zu befreien. Und inwiefern man die Medien nutzen kann - und sie sich nutzen lassen - um militärische Aktionen zu unterstützen.

Werden die libanesischen Medien für militärische Propagandazwecke missbraucht?

Man kann nicht sagen, dass sie missbraucht werden, denn es ist ihre eigene Entscheidung, ob sie mitmachen oder nicht. Aber das ist genau das, was ich versuche herauszufinden. Die meisten libanesischen Journalisten versuchen einerseits, Fakten in ihre Berichterstattung miteinzubeziehen, gleichzeitig aber rufen sie die Libanesen zur Solidarität gegen Israel auf. Man kann nicht behaupten, dass die liebanesischen Journalisten manipuliert sind, aber sie sind natürlich Teil des gesamten übergeordneten Ziel Libanons: Die Befreiung des Südlibanons. (Anm. der Red.: Es gibt einen Streit zwischen Israel und der libanesischen Regierung/Hisbollah über ein Gebiet namens She baa Farms, dass Israel aus logistischen Gründen besetzt hält. Daher sprechen die Libanesen immer noch von der Besatzung und der Befreiung Libanons, obwohl Israel offziell im Mai 2000 ihre letzten Truppen aus dem Libanon abgezogen hat.)

Sind die libanesischen Medien zum Teil verantworlich für die schlechten Beziehungen zu Israel?

Zahera Harb

Zahera Harb

Der Libanon hat keine Beziehungen zu Israel, deshalb kann ich auch nicht sagen, dass die Medien Schuld an der schlechten Beziehung haben. Es ist einfach zu viel passiert: Die Massaker 1978, '82 und '93 und dann das Quana-Massaker 1996, als die Israelis Bomben auf das UN-Quartier abwarfen und mehr als 100 unschuldige Menschen starben.

Die Hisbollah hat seinen eigenen Fernsehsender namens Al-Manar. Welche Rolle spielt der Sender in der Meinungsbildung der libanesischen Bevölkerung?

Al-Manar spielt eine sehr wichtige Rolle in der Meinungsbildung der Libanesen. Sie nennen sich selbst "Widerstands-Sender". Al-Manar versucht, die Menschen von ihren Aktivitäten zu überzeugen und verteidigen ihrer eigenen militärischen Aktionen gegen Israel mit dem letzendlichen Ziel, Libanon von der israelischen Besatzung zu befreien.

Abgesehen von Al-Manar, wie unabhängig sind die libanesischen Medien?

Die libanesische Medien sind für ihre Vielfalt bekannt. Ich kann nicht wirklich sagen, dass sie unabhängig sind, weil die Fernseh- und Radiosender und Zeitungen privat finanziert werden, die wiederum bestimmten religiösen oder politischen Richtungen angehören. Aber das gibt es ja in fast jedem Land in dieser Welt. Aber durch die Vielfalt ist es für die Libanesen möglich, ganz unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen über Ereignisse zu erfahren. Die Menschen können sich aussuchen, welche Zeitung sie lesen oder welches Programm sie gucken wollen. Zudem sind sich die Libanesen durchaus bewusst, dass die Medien bestimmte politische oder religiöse Leitlinien haben und können demenstprechend die Berichterstattung richtig einordnen und beurteilen.

Welche Rolle spielen die internationalen Medien in der Meinungsbildung?

Wenn es um Politik und ähnliche Themen im Libanon geht, vertrauen die Libanesen am liebsten ihren eigenen Medien. Das haben auch verschiedene Studien ergeben. Besonders bei politischen und militärischen Konflikten, oder alles, was innerhalb des Libanons passiert, nutzen die Menschen die lokale Medien.

Heißt das, die Libanesen vertrauen den westlichen Medien nicht?

Es ist merkwürdig, wissen Sie. Ich beobachte vor allem, wie die britische Presse mit dem Libanon-Israel Konflikt umgeht. Zum Beispiel hat BBC News 24 die libanesische Seite des Konflikts anfangs total ignoriert und hat nur israelische Repräsentaten und Experten befragt. Bei Channel 4 ist es kürzlich passiert, dass der Korrespondent in Beirut den Presidenten der Republik, Emile Lahoud interviewt hat und ihn für den Premierminister gehalten hat und diesen auch mit den falschen Namen, also Fuad Siniora, angesprochen hat. Ich war schockiert. Diesen Fehler haben sie auch nicht korrigiert, im Gegenteil, in der nächsten Stunde wurde es noch dreimal wiederholt. Für mich ist das ein Zeichen von Ignoranz.

Denken Sie, dass die libanesischen Medien einen Beitrag leisten könnten, um die Beziehung zu Israel zu verbessern - sofern sie denn wollten?

Es ist keine Frage des Wollens. An dem Punkt, wo deine eigenen Leute bedroht, getötet und massakriert werden, ist es nicht mehr Sache der Medien. Wenn ein Waffenstillstand ausgehandelt, wenn Israel die UN Resolutionen einhalten würde und wenn wir einen Zustand der Stabilität zwischen den beiden Länder erreichen würden, dann wären die Medien eventuell bereit, ihren Beitrag zu einer Verbesserung des Zustandes zwischen Israel und Libanon zu leisten. Aber solange Israel in den Augen der Libanesen ein feindlicher Staat ist, behandeln die libanesischen Medien den Konflikt auch dementsprechend.

Zahera Harb, vielen Dank für das Interview.

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