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Deutschland

Ein wilder Gebirgsfluss in München

Einmarsch des Paradieses – Die Isar wird in München zum wilden Fluss renaturiert. Das dient auch dem Hochwasserschutz.

An der Isar in München (Foto: dpa)

Seit 2002 wird die Isar in München und in den Landkreisen flussaufwärts renaturiert. Dieses Projekt ist weltweit einzigartig. Die bayerische Landeshauptstadt wird die einzige Metropole in der Welt sein, in der durch das Stadtgebiet ein wilder Gebirgsfluss fließen wird. Um den Fortschritt zu beobachten, kommen Wissenschaftler und Politiker aus der ganzen Welt zum Isarfluss. Derzeit sind die Arbeiten etwa zu einem Viertel in die Stadt vorgedrungen, bis 2011 sollen sie abgeschlossen sein.

Die Idee ist nicht neu

Die Umbaupläne lagen in den Schubladen der örtlichen Behörden, und das seit dem Jahr 1995. Das Szenario, Hochwasser in München, geisterte in den Köpfen herum und so hatten sich in den 1990er Jahren Verantwortliche aus Wasserbau und Politik Gedanken gemacht, wie die Isar im schlimmsten Fall zu bändigen sei. Die Angst vor Hochwasser war die Initialzündung, doch was in den Folgejahren erarbeitet wurde, hatte alle Teilnehmer überrascht und brachte zwei weitere Themen mit: Die Ökologisierung des Flusses und einen neu gewonnenen Freizeitwert.

Die Isar ist 260 Kilometer lang. Ihre Quellen liegen im Karwendel auf 1600 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Vor den Toren des ältesten Klosters in Bayern, Niederaltaich, nördlich von Passau, mündet sie in die Donau.

Ein "gezähmter" Gebirgsfluß

Auf diesem Weg sind etwa 30 Turbinen zur Stromgewinnung angeschlossen. Dazu wurde der Fluss seit dem 19. Jahrhundert an manchen Stellen in Kanäle geleitet, er wurde "befestigt“. Im Münchner Stadtgebiet konnte der Betrachter kaum einen Unterschied zwischen Kanal und Fluss feststellen. Die Isar floss schnurgerade durch die Stadt, an das Wasser konnte niemand heran, denn die Außenmauern, die den Fluss einkofferten, waren zu hoch und zu steil. Einzig die Isar-Auen, der grüne Rasenstreifen, der den Fluss als Überlaufbecken begleitet, waren ein beliebtes Freizeitziel - zum Ballspielen oder zum Sonnen.

Der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes München, Klaus Arzet, erinnert sich: "Wir wollten nur sehen, was der Fluss von sich aus macht, wenn wir die Befestigung abreißen.“ Also wurden südlich von München die Steine, die dem Fluss den rechten Winkel und die geordnete Bahn gaben, ausgerissen, und dann wurde alles weitere beobachtet. "Und so lagerte die Isar an verschiedenen Stellen Kies ab und ging einen ganz eigenen Weg.“ Dann holt Arzet ein Foto hervor, eine Luftaufnahme, und zeigt, wie die Isar eine Kurve macht, mal als ein Fluss fließt und sich dann zerteilt in zehn, zwölf Fließläufe. Mäander heißen sie in der Fachsprache. Diese Testphase hat dann allen Beteiligten Hinweise darauf gegeben, wie die Isar sich verhalten wird und wie der Fluss im Stadtbereich von sich aus an den Ufern und Erhöhungen mit dem flusseigenen Kies arbeiten wird.

Ausfluegler fahren auf einem Floss durch die Flossrutsche von Mühlthal südlich von Muenchen. (Foto: AP)

Zurück zur Natur

An der Planung sind auch verschiedene Verbände beteiligt: Vogelschützer, Fischer, Kanufahrer, Jäger und der Isartal-Verein haben sich zur Isar-Allianz zusammen geschlossen und reden mit. Ihr Sprecher, Rolf Renner, ist zwar froh, dass die Isar renaturiert wird, mahnt aber auch, dass wohl etwas ganz anderes herausgekommen wäre, wenn man nicht in letzter Minute eingegriffen hätte. Dazu zeigt er auf eine der Brückenbefestigung im Stadtbereich. "Viel zu überdimensioniert, außerdem sieht man, wie die Steine viel zu glatt und einbetoniert sind.“ Das liege an den Landschaftsarchitekten, "und die wollen eher einen Fluss designen als ihm seine Freiheit geben.“

Dennoch ist die Renaturierung für alle ein Erfolg – für die Isar-Allianz ebenso wie für das Wasserwirtschaftsamt München. Die Angler können nun mit der Angelrute über der Schulter per U- Bahn zum Fischen fahren. Gleich in der Nachbarschaft haben die Kanufahrer ihr Bootshaus. Derzeit wird der lange Rasenstreifen, das Überlaufbecken der Isar, von Baggern ausgehoben. Von diesem Rasenstreifen bleibt nur eine Baumgruppe übrig. Wenn die Isar sich dann, etwa im Herbst, ihren eigenen Weg für den nächsten renaturierten Abschnitt sucht, wird die Baumgruppe auf einer Insel stehen, Weideninsel, so heißt sie jetzt schon.

Autor: Carol Lupu

Redakteur: Hartmut Lüning