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Politik & Gesellschaft

Ein weiterer Skandal um Colonia Dignidad

Hartmut Hopp war einer der führenden Colonia-Dignidad-Köpfe. Die deutsche Sekte in Chile existiert nicht mehr. Hopp scheint nun nach Deutschland geflohen zu sein – und sich hier vor Strafverfolgung verstecken zu können.

Beamte in Chile (Foto: Service of Public Ministery of Chile)

In Chile steht Hopp kurz vor einer Verurteilung

Weder die Behörden der Stadt Krefeld noch das deutsche Außenministerium konnten bislang bestätigen, dass der 66-jährige Arzt Hartmut Hopp sich wirklich in Deutschland aufhält. Alle Indizien weisen jedoch auf die Stadt Krefeld bei Düsseldorf hin. Hier ist eine sektenähnliche religiöse Gemeinschaft ansässig, zu der einige ehemalige Mitglieder der Colonia Dignidad Verbindungen haben. Einige von ihnen sind bereits hierher emigriert. Hier wohnt auch Hopps Adoptivsohn Michael, der als Geigenlehrer an einer Musikschule arbeitet. Hopp junior, der mittlerweile eine eigene Familie gegründet hat, distanzierte sich von seinem Adoptivvater.

Hartmut Hopp war Mitglied der Colonia Dignidad im Süden Chiles, zu Deutsch "Kolonie der Würde", die 1961 von einer deutschstämmigen Sekte gegründet wurde. Dem Führungskreis unter Paul Schäfer werden schwere Verbrechen während der Pinochet-Diktatur vorgeworfen, darunter Missbrauch, Folter, Zwangsarbeit und Mord.

Flucht vor der chilenischen Justiz

Kurz nachdem Ende Mai Hopps Flucht aus Chile bestätigt worden war, meldete seine Schwiegertochter der Presse, dass er sich in Deutschland aufhalte. Ihr zufolge hat er sich mit seiner Frau wiedergetroffen, die Chile kurz vor ihm verlassen hat. Der Arzt unterlag einem Ausreiseverbot, da gegen ihn in Chile ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer illegalen Vereinigung läuft. Zudem stand er kurz vor einer Verurteilung als Komplize bei Missbrauchsverbrechen gegen Minderjährige. Sein damaliger Vorgesetzter Paul Schäfer, Leiter der deutschen Enklave im Süden Chiles, hatte diese Verbrechen begangen und war 2006 zu 20 Jahren Haft verurteilt worden.

Zusammen mit 15 Angeklagten – allesamt ehemalige Mitglieder des Führungskreises der Colonia Dignidad, sowie die Adoptivtochter von Schäfer – hatte Hopp eine Verurteilung zu fünf Jahren Haft zu erwarten. Nur die letztinstanzliche Urteilsverkündung des Obersten Gerichtshofs stand noch aus.

Die Flucht Hopps ist bis heute ein Rätsel. Es wird vermutet, dass er mit einem Hubschrauber über die Anden nach Argentinien geflogen ist, um von dort aus einen Flug nach Europa zu nehmen. Der vorsitzende Richter am Berufungsgericht in Santiago, Jorge Zepeda, der den Prozess gegen Hopp leitet, hat einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Untergetaucht in Deutschland

Das Gelände der Villa Baviera, früher Colonia Dignidad (Foto: Archivo Villa Baviera)

Das Gelände der Villa Baviera, früher Colonia Dignidad

Die Behörden in Krefeld äußerten gegenüber einer Lokalzeitung, dass sie nichts über den Aufenthaltsort von Hopp wissen. "Angesichts der chilenischen Bemühungen, Herrn Hopp zu verfolgen, untersuchen die deutschen Behörden, ob er einen Wohnsitz in Deutschland angemeldet hat", erklärte ein Sprecher der chilenischen Botschaft. Das Außenministerium habe zu diesem Zeitpunkt jedoch keinerlei Informationen über seinen Aufenthaltsort.

Es ist anzunehmen, dass Hartmut Hopp der Meldepflicht nicht nachgekommen ist und sich heimlich in Deutschland oder in einem anderen Land aufhält. Wahrscheinlich ist zudem, dass er nicht über Deutschland in die Europäische Union eingereist ist, da sein Pass dann hätte registriert werden müssen.

In Chile werden nun die anderen Beschuldigten, die ebenfalls auf Kaution frei sind, stärker überwacht. Die Bewohner der Villa Baviera – wie die ehemalige Colonia Dignidad heute heißt – fühlen sich von den Ereignissen ebenfalls betroffen. Denn nun erwachen die dunklen Erinnerungen an die alte Siedlung wieder zum Leben. Martin Matthusen, aus der zweiten Generation der Deutschen, die hier wohnen, erzählt: "Es ist, als kehrten wir zu dem Staat im Staat zurück, der hier früher existiert hat und in dem jeder tat, was ihm gefiel, ohne Rücksicht auf die Gesetze."

Deutsch-chilenisches Justizversagen

Wolfgang Kneese (Foto: Wolfgang Kneese)

Wolfgang Kneese ist 1966 aus der Colonia Dignidad entkommen

Als deutscher Staatsbürger kann sich Hopp in diesem Land sicher fühlen. "Deutschem Recht zufolge ist es grundsätzlich nicht möglich, einen deutschen Staatsbürger in Länder außerhalb der Europäischen Union auszuliefern", so ein Sprecher der chilenischen Botschaft. "Diese Vorschrift ist im Grundgesetz festgeschrieben und hat damit verfassungsähnlichen Charakter."

Die deutschen Behörden werden Hopp also nicht an die chilenische Justiz ausliefern, obwohl es einen internationalen Haftbefehl gegen ihn gibt. So könnte es zu der paradoxen Situation kommen, dass Hopp zwar in Chile verurteilt wurde, aber in Deutschland frei leben kann. Diese Rechtslage hat auch ein anderer früherer Anführer der Colonia Dignidad bereits ausgenutzt: Albert Schreiber flüchtete 2004 nach Deutschland und lebte dort unbehelligt bis zu seinem Tod 2008.

"Ich glaube, dass Hartmut Hopp mit allen Mitteln versuchen wird, der Justiz aus dem Weg zu gehen", so Hernán Fernández, der Anwalt der Missbrauchsopfer. "Seine Rückführung ist nur möglich, wenn er außerhalb Deutschlands festgenommen wird." Für die Angeklagten der Colonia Dignidad habe sich Deutschland in ein Gebiet der Straffreiheit verwandelt, meint er. Und nennt als Beispiel den Fall Schreiber.

Wolfgang Kneese, der 1966 aus der Colonia Dignidad entkommen konnte, sieht die Ereignisse kritisch: "Paul Schäfer flüchtete aus Deutschland nach Chile, als er wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt war. Jetzt flüchten die Deutschen aus Chile wieder hierher, um dem Gefängnis zu entgehen. Sie können das Gesetz nutzen, um sich zu verteidigen, dabei sind sie doch Kriminelle. Die Rechtsprechung funktioniert nicht. In 40 Jahren hat sich nichts geändert: Hopp läuft frei herum und niemand kümmert sich darum."

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