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Welt

Ein "Weihnachtsgeschenk" teilt Nicaragua

Der Nicaragua-Kanal soll dem Land zu der Größe verhelfen, von der seine Eliten seit jeher träumen. Paradoxerweise gibt Präsident Ortega dafür einen Teil der Souveränität preis. Das Projekt hat viele Kritiker.

Protest gegen Kanalbau in Nicaragua (Foto: AFP/Getty Images/I. Ocon)

"Ortega verkauft das Vaterland" - fürchten viele Nicaraguaner

Er könnte eines der Megaprojekte des 21. Jahrhunderts werden: Der Nicaragua-Kanal soll über eine Länge von 300 Kilometern die Karibik mit dem Pazifik verbinden. Das wäre - 100 Jahre nach Fertigstellung des Panama-Kanals - der zweite Schnitt durch das mittelamerikanische Festland. Die chinesische Firma "Hong Kong Nicaragua Canal Development" (HKND) will 40 Milliarden Dollar investieren, damit 2019 die ersten Schiffe den Kanal durchfahren können. Noch kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember, soll der erste Spatenstich gesetzt werden.

Ein Sprecher des nicaraguanischen Staatspräsidenten Daniel Ortega spricht von einem "großen Weihnachtsgeschenk" für die Bevölkerung Nicaraguas. Die Regierung preist den Kanal als beispiellose Möglichkeit, das zweitärmste Land Lateinamerikas aus der Misere zu führen: Mindestens 50.000 Arbeitsplätze soll er bringen - für den Anfang.

Dennoch sind längst nicht alle begeistert von dem Jahrhundertprojekt: Laut einer Studie des nicaraguanischen Forschungsinstituts CINCO wären rund 120.000 Menschen direkt von Umsiedlungen und Enteignungen betroffen. Der Präsident und sein Sohn hätten den Vertrag mit den Chinesen ohne Einbeziehung der Öffentlichkeit im Verborgenen ausgehandelt, reklamieren Gegner des Vertrags.

Zudem schlagen Umweltschützer Alarm gegen den geplanten Bau. Auch Menschenrechtler und politische Beobachter halten den ganzen Prozess für zweifelhaft: "Das Kanalprojekt wird zwar von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt", sagt die Marburger Soziologin Anika Oettler, "es handelt sich aber um einen weitgehend intransparenten Vorgang der Regierung".

160 Jahre Traum, zwei Jahre Planung, fünf Jahre Bauzeit

Mitte 2012 verabschiedete Nicaraguas Parlament den Gesetzentwurf zum Bau des Kanals. Ein Jahr später erteilte die Nationalversammlung der chinesischen HKND die Baukonzession. Neben dem Kanal selbst gehören zwei Häfen, ein Flughafen, eine Ferien-Ressort sowie eine Freihandelszone zu dem Mammut-Projekt.

Nicaragua Präsident Ortega mit HKND Vertreter Wang Jing (Foto: Picture-alliance/dpa/efe/Presidenca of Nicaragua)

Präsident Daniel Ortega und HKND-Chef Wang Jing sollen über die Köpfer der Nicaraguaner hinweg verhandelt haben

Ortega hat mit dem "Großen Kanal" einen 160 Jahre alten Plan aufgegriffen. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts war Nicaragua schon einmal für die Verbindung der beiden Meere vorgesehen. Die Eliten des Landes waren begeistert. Doch am Ende fiel die Wahl bekanntlich auf Panama. "Mit dem Kanal will Ortega das Fundament seiner Präsidentschaft ausbauen und Nicaragua zu nationaler Größe führen", glaubt Soziologin Oettler. Die Paradoxie seiner Vision liege aber darin, dass er offenbar bereit sei, dafür zunächst einen deutlichen Souveränitätsverlust in Kauf zu nehmen.

Nicaragua behält zwar mit 51 Prozent die Mehrheitsanteile, erteilt dem chinesischen Konsortialpartner jedoch eine Nutzungsgarantie von 50 Jahren, verlängerbar auf ein ganzes Jahrhundert. Mit der Umsetzung übertrüge die Regierung dem chinesischen Unternehmen demnach sogar faktisch die Souveränität über einen Teil des Landes, sagen Kritiker. Einer Analyse der Zentralamerikanischen Universität in der Hauptstadt Managua zufolge, würde das Vertragswerk HNKD nicht einmal daran hindern, die Nutzung an den chinesischen Staat zu veräußern.

Eine Pacht ist für all das bisher nur für die ersten zehn Jahre angestrebt. Sie soll bis zu acht Millionen Euro jährlich betragen. Eine Haftung für etwaige Umweltschäden ist offenbar nicht vorgesehen. Dabei sind diese vorprogrammiert.

Umweltschützer warnen vor ökologischen Folgen

Immerhin sollen die verschiedenen Teile des Kanal-Projekts insgesamt rund 4000 Quadratkilometer Fläche in Anspruch nehmen. Das entspricht etwa der Größe des Ruhrgebiets. Betroffen wären neben großen Urwaldflächen auch mehrere Naturschutzgebiete und der Nicaragua-See. Durch diesen soll nämlich rund ein Drittel der 278 Kilometer langen Schifffahrtsroute verlaufen. Die Verschmutzung des - nach dem fast gleichgroßen Titicaca-See - größten Süßwassersee Lateinamerikas würde nicht nur die ohnehin prekäre Trinkwasserversorgung der Bevölkerung beeinträchtigen, sondern auch das gesamte Ökosystem des Sees.

Der Lateinamerikachef der US-Tageszeitung The Miami Herald, Andres Oppenheimer, schreibt zu dem Thema: "Vergesst Deepwater Horizon." Die ökologischen Folgen des Nicaragua-Kanals würden weitaus schlimmer sein als die der Explosion der Bohrinsel im Golf von Mexiko. Oppenheimer bezieht sich auf Analysen zahlreicher Umweltverbände.

Menschen Baden in den Wellen a, Ufer des Nicaragua-Sees (Foto: AFP/Getty Images/I. Ocon)

Die Schifffahrt gefährdet Ökosystem und Trinkwasserqualität des Nicaragua-Sees

Die Association for Tropical Biology and Conservation (ATBC), eines der größten Wissenschaftszentren für Tropenforschung, will im April 2015 eine umfassende Studie zu den ökologischen und sozioökonomischen Folgen des Kanalbaus vorlegen. Im Oktober forderte sie die Regierung auf, den Baubeginn zurückzustellen und die Studienprognosen abzuwarten.

Doch weder Ortega noch HKND wollen so lange warten. Auch die Proteste im Zentrum von Managua scheinen sie nicht abzuhalten. Dennoch, meint die Marburger Mittelamerikaexpertin Oettler angesichts der Dimensionen des Projekts: "Ob der Kanal jemals wirklich gebaut wird, steht meines Erachtens noch in den Sternen."

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