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Asien

"Ein 'weiches Ziel' war befürchtet worden"

Bereits vor dem Anschlag in Jakarta gab es Hinweise auf die gestiegene Bedrohung durch den IS oder seine Anhänger in dem südostasiatischen Land. Der Indonesienexperte Felix Heiduk erklärt mögliche Hintergründe.

Deutsche Welle: Gab es schon vor dem Anschlag Anzeichen für eine gestiegene Gefahrenlage in Indonesien?

Ja, die gab es. Anfang 2015 gab es einen fehlgeschlagenen Bombenanschlag auf ein Einkaufszentrum in einem Vorort von Jakarta. Bei dem Sprengsatz handelte es sich von der Bauweise her um eine Chlor-Bombe (wie sie bei bisherigen Anschlägen des IS benutzt wurde), die so in Indonesien zuvor noch nie eingesetzt worden ist. Laut Polizei steckten auch Syrien-Rückkehrer hinter diesem fehlgeschlagenen Anschlag.

Seit 2009 gab es aber keinen erfolgreichen Anschlag mehr. Weder auf größere harte Ziele wie Regierungsgebäude noch auf weiche Ziele wie Nachtclubs oder Restaurants oder größere Hotellketten. Das hat es zuvor gegeben, etwa in Bali 2002 mit mehr als 200 Toten oder beim Anschlag auf das Marriott-Hotel 2009.

Alle Anschläge der letzten Jahre waren vor allem auf lokaler Ebene gegen staatliche Sicherheitskräfte gerichtet. Also Anschläge auf Polizei und Militär.

Deutschland Felix Heiduk Asien-Experte der SWP

Felix Heiduk von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Hatten sich auch verstärkte Aktivitäten des Islamischen Staates angekündigt?

Im November 2015 gab es dann ein im Internet veröffentlichtes Video der "Mujaheddin Indonesia-Timor", also der Mujaheddin des östlichen Indonesiens, die nach Expertenmeinung die größte und schlagkräftigste terroristische Gruppierung im Land ist. Sie drohten damit, den Präsidentenpalast anzugreifen und die IS-Flagge auf dem Dach des Palastes zu hissen. Allerdings waren sich die Experten bei der Beurteilung des Videos einig, dass ein derartig großer Anschlag die Möglichkeiten der Gruppierung überschreitet.

Es war zu vermuten, dass, wenn es einen Anschlag geben würde, dann nur auf ein weiches Ziel wie etwa ein Restaurant oder ein Einkaufszentrum, mit wenigen Attentätern und leichten Waffen. Das entspräche, soweit man das bisher überblicken kann, wohl dem Szenario des heutigen Anschlags. Jedes Opfer ist zu betrauern und zu viel; aber im Vergleich zu den Anschlägen Anfang der 2000er Jahre handelt es sich heute um einen Anschlag mit wenigen Toten.

Was hat die indonesische Regierung in der letzten Zeit unternommen, wenn sich die Gefahrenlage im Land veränderte oder es Anzeichen dafür gab?

Es gab auf jeden Fall in Sulawesi als Reaktion eine Reihe von Militär- und Polizeioperationen, die sich gegen die terroristische Gruppierung, die das Video veröffentlicht hat, gerichtet haben. Dabei sind eine ganze Reihe von Mitgliedern bzw. vermeintlichen Mitgliedern der Organisation festgenommen bzw. getötet worden.

Es gab als Reaktion also staatliche Repressionsmaßnahmen gegen die Gruppierung, es gab in letzter Zeit natürlich auch ein IS-Verbot in Indonesien. Es gab ja kurze Zeit den Versuch, einen IS-Ableger zu gründen. Diese Organisation wurde verboten. Auch die Terrorgesetzgebung ist in den letzten Jahren sukzessive verschärft worden. Die Regierung in Jakarta hat bereits nach den Anschlägen von Bali mit verstärkter staatlicher Repression reagiert und tut dies auch weiter.

Wie wird in der Gesellschaft und Bevölkerung Indonesiens der Extremismus wahrgenommen? Gibt es ein Bewusstsein dafür oder eine kritische Auseinandersetzung darüber?

Die gibt es auf jeden Fall in den letzten Jahren verstärkt, würde ich sagen. Es gibt bei der großen Mehrheit der Gesellschaft keine Unterstützung für den IS oder für Al Kaida, deren ideologische Auslegungen und Praktiken. Das kann man auf der Basis von Umfragen relativ gesichert festhalten.

Nichtsdestotrotz gibt es einen harten Kern von militanten Islamisten im Land, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Und es gibt in immer stärkerem Maße gesellschaftliche Strömungen, die IS, Al Kaida und deren Ziele und Praktiken vielleicht nicht gutheißen, die aber eine Islam-Interpretation vertreten, die immer konservativer und intoleranter wird. Das spiegelt sich nicht notwendigerweise in der Unterstützung von terroristischen Gruppierungen wieder, aber in religiöser Intoleranz im Alltag, in Demonstrationen oder Übergriffen gegen religiöse Minderheiten etc. Und hier hat die indonesische Regierung in den letzten Jahren viel zu wenig getan. Was den Schutz religiöser Minderheiten und das Vorgehen auch auf ideologischer Ebene gegen bestimmte Islam-Interpretationen angeht, ist von staatlicher Seite relativ wenig passiert.

Felix Heiduk arbeitet als Politologe in der Asien-Abteilung der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Seine Spezialgebiete sind unter anderem Südostasien, Islamismus und Sicherheitspolitik.

Das Interview führte Rodion Ebbighausen.

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