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Europa

Ein Weg aus der Homophobie

"Vychod" ist Russisch und bedeutet Ausgang. Die Gruppe betreut Homosexuelle beim Coming-out. Zu den Sitzungen kommen auch Eltern, die Sorgen, Vorurteile und Ängste zum Thema Homosexualität überwinden wollen.

An der Wand im Gruppenraum der Organisation Vychod in Sankt-Petersburg hängt eine bunte Flagge, Symbol der LGBT-Bewegung. Auch Nina Sozaeva trägt ein Armband in Regenbogenfarben. Ihr Sohn erzählte ihr vor vier Jahren, dass er schwul ist. Anfangs hatte die 57-Jährige damit große Probleme. "Es war ein Schock", sagt sie. Als er ihr Bücher und Broschüren zeigte und sie zu einem Gruppentreffen mitnahm, begann für die Mutter die Annäherung. "Es hat mir geholfen, das alles besser zu verstehen", sagt die 57-Jährige. Sie will heute selbst dazu beitragen, dass Eltern ihre Vorurteile überwinden und stattdessen ihre Kinder unterstützen können.

Aida ist heute zum erstem Mal gekommen. Die Rentnerin kämpft sichtlich mit sich, als sie erzählt, warum sie hier ist. Ihr Sohn erklärte ihr vor einigen Tagen, dass er homosexuell ist. Für Aida ist das noch schwer zu begreifen. "Das ist doch ein Stigma", sagt sie mit Tränen in den Augen. Nina versteht die Verzweiflung der Mutter. Für viele Eltern sei es nicht nur der erste Schock, der Probleme mit der Homosexualität ihrer Kinder bereite. "Es ist auch die Angst, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben", sagt Nina. Die Gesellschaft präge dies. "Man fühlt sich schuldig", sagt sie. "Dabei ist es nicht die Homosexualität, die die Gesellschaft stört, sondern die Gesellschaft, die homosexuelle Menschen behindert."

"Warum ist unsere Gesellschaft nur so homophob?"

Ablehnende oder gar homophobe Haltungen sind für Nina eine Frage von Erziehung und Bildung. "Warum ist unsere Gesellschaft nur so homophob? Ich denke, unsere Gesellschaft ist einfach nicht aufgeklärt", sagt sie. Die Mehrheit in Russland wisse nichts über sexuelle Orientierung. "Früher wurde nie über Sex oder sexuelle Orientierungen gesprochen", erinnert sich Nina. Aus dem Unwissen resultieren ihrer Meinung nach homophobe Einstellungen. Derartige Tendenzen werden durch die Politik in Russland unterstützt und gefördert. Zum Beispiel durch das im vergangenen Jahr verabschiedete "Anti-Propaganda-Gesetz", das international scharfe Kritik erntete. Umfragen zu Folge wird es von der Mehrheit der russischen Bevölkerung unterstützt.

Russland Homosexuelle NGO Vychod aus St. Petersburg

Auch Nina Sozaeva betreut inzwischen Homosexuelle beim Coming-out

Für Nina Sozaeva steht fest, dass mangelnde Aufklärung, aber auch traditionelle Rollenbilder an ablehnenden und feindlichen Haltungen gegenüber Homosexualität Schuld sind. Noch immer frage sie ihre Nachbarin, wann der Sohn denn heirate, ob er schon Kinder habe. "Im ersten Moment war ich natürlich traurig darüber, dass ich keine Enkel haben werde", sagt Nina. "Aber es gibt viele heterosexuelle Menschen, die keine Kinder bekommen. Mein Sohn kann nicht das Leben leben, das ich mir für ihn wünsche, sondern nur sein eigenes."

Die Gesetze legen Steine in den Weg

Mit ihrer Arbeit will Vychod die LGBT-Gesellschaft stärken und den Menschen Selbstbewusstsein geben. "Wir haben gesehen, dass wir etwas bewirken können", sagt Sascha Semenowa. Die 30-jährige Aktivistin ist seit der Gründung im Jahr 2008 Mitglied der Organisation. Trotz der Situation in Russland engagiert sie sich seit vielen Jahren im Bereich der LGBT-Szene. "Wir haben auch versucht, mit der Regierung zu arbeiten. Das war der schwierigste Teil, die größte Herausforderung. Und es hat uns viel Kraft gekostet", sagt sie. Trotz der Widerstände schöpft sie aus den Erfolgen der Organisation Kraft. Die Aktivistinnen und Aktivisten wissen, was es bedeutet, in Russland lesbisch, schwul oder transsexuell zu sein. "Wir alle haben persönliche Hintergründe. Traumata. Geschichten von Aggression und Homophobie. Das ist ein sehr starkes Motiv", sagt Sascha Semenowa.

Russland Homosexuelle NGO Vychod aus St. Petersburg

Sascha Semenowa: "Wir alle haben persönliche Hintergründe"

Vychod hat eine wichtige Rolle für Nina gespielt. Deshalb geht sie noch immer zu den Treffen. Sie will anderen helfen: "Man kann hier Antworten auf seine Fragen finden", sagt sie. Aber die Arbeit ist für die Organisationen schwieriger geworden. Im letzten Jahr wurde neben dem sogenannten Anti-Propaganda-Gesetz auch ein "Agenten-Gesetz" verabschiedet, das Organisationen zwingt, sich als sogenannte Agenten registrieren zu lassen. Mit dieser Maßnahme soll geprüft werden, ob Organisationen Gesetze einhalten; faktisch behindert das Gesetz die Arbeit von Aktivisten. "Unsere Arbeit gleicht seit einiger Zeit einem Versteckspiel", sagt Sascha Semenowa. "Wir haben viel Kraft verloren beim Versuch, unsere Aktivisten und die Organisation zu schützen. Wir bräuchten eine größere Lobby, mehr Anwälte zum Beispiel." In Zukunft will sich die Organisation mehr auf die Arbeit mit der LGBT-Gemeinschaft konzentrieren. "Es wird immer Menschen geben, die nicht weggehen können oder wollen. Wir machen weiter. Aber die Arbeit ist riskant geworden. Es muss politisch etwas geschehen", betont sie.