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Filme

Ein Vierteljahrhundert "Heimat"

Vor 25 Jahren hatte die Filmserie von Edgar Reitz Premiere. Wie denkt der Regisseur heute über die damalige Debatte? Was sagt er zum Wandel des Begriffes "Heimat"? Die Deutsche Welle traf Edgar Reitz zum Gespräch.

Darsteller Henry Arnold in Heimat 2 (Kinowelt)

Henry Arnold in Heimat II

DW.WORLD: Herr Reitz, mögen Sie heute, 25 Jahre nach der Kinopremiere von "Heimat" in Venedig, eigentlich noch über den Begriff "Heimat" sprechen?

Edgar Reitz: Na ja, das Thema ist inzwischen schon etwas abgeleiert. Das hat damit zu tun, dass unter dem Begriff ´Heimat´ zur Zeit endlos viele Veranstaltungen stattfinden. Es ist regelrecht Mode, mit diesem Begriff alle möglichen Tagungen zu bestreiten. Es ist unglaublich, wer sich da alles darauf wirft: Industrieverbände, kirchliche Institutionen, Firmen, die Regionalwerbung machen, regionale Tourismusverbände, aber auch ambitionierte literarische Unternehmen wie Literaturhäuser und dergleichen.

Edgar Reitz (Foto: J. Kürten)

Edgar Reitz im Gespräch

Und alle wollen sie immer mich dafür haben. Alle laden sie mich ein, als wäre ich der große Heimatexperte. Dabei ist es ja eigentlich nur der Titel meines Films. Die Filme sind nun wirklich nicht gemacht worden, um diesen Begriff zu illustrieren.

Gerade auch im Ausland war es ja eine Zeitlang so, dass Sie als der ´Deutsche´ galten, der den Begriff ´Heimat´ wieder eingeführt hat, der für ein Comeback des Begriffes gesorgt hat. Gilt das heute noch?

Das liegt daran, dass das Wort "Heimat" in die meisten Sprachen nicht übersetzt werden kann. Und man hat sich bei dem Filmtitel natürlich gefragt, was macht man da? Übersetzt man das überhaupt in irgendeiner Weise? Man hat sich dann entschlossen, den Film überall mit dem Originaltitel zu zeigen. Das hat einen Teil des Charmes ausgemacht. Die Italiener wussten nicht, was das ist oder die Franzosen oder auch die Spanier. Das hatte eine gewisse Anziehungskraft, so ein fremdes, deutsches Wort als Titel eines Films.

Wie wurde das denn diskutiert damals?

Das löste natürlich viele Fragen aus. Was steckt dahinter? Was steht hinter diesem Begriff? Und dann hat man oft auch den Mangel empfunden, vor allem in den romanischen Ländern. Den Mangel, selbst kein eigenes Wort dafür zu haben, das diesen emotionalen Zusammenhang beschreibt. In den romanischen Sprachen wie im Italienischen heißt es "Patria" oder "La Patrie" im Französischen. Das kommt alles von dem Begriff Vaterland.

Marita Koch in Heimat 1 (Bild: Kinowelt)

Marita Koch - die tragende Kraft aus der ersten "Heimat"

Wir denken ja bei Heimat nicht an die Nation und auch nicht an Väter, sondern haben eine ganz andere Emotion. Das zu übersetzen hat viel Spaß gemacht, weil damit eigentlich immer das Geschichten-Erzählen verbunden war. Man kann das Wort "Heimat" nicht erklären, ohne Geschichten zu erzählen.

Ich kann mich noch gut erinnern an die vielen Artikel in den deutschen Zeitungen, vor allem in den Feuilletons, die damals erschienen, als Ihre erste ´Heimat´ im Fernsehen und auch im Kino zu sehen war. Hat sich eigentlich etwas verändert mit dem Begriff? Ist das heute in Deutschland wieder ein Begriff, der ´normal´ benutzt wird?

Henry Arnold und Salome Kammer in Heimat 3, blicken auf Rheinlandschaft Bild: Kinowelt

Sehnsuchtsort Heimat

Ja, mehr als damals. In der Zeit, als wir die "Heimat" machten, also Anfang der 80er Jahre, war dieser Begriff noch sehr stark belastet. Sei es aus naziideologischen Hintergründen oder auch durch den touristischen oder pseudofolkloristischen Bereich. Auch durch den deutschen Heimatfilm, der ja immer im Hintergrund präsent war. Das war zum Beispiel auch ein Grund, warum das Deutsche Fernsehen damals diesen Titel nicht mochte.

Es wäre ja, wenn wir nicht großen Druck ausgeübt hätten, überhaupt nie dazu gekommen, dass das Fernsehen die Filme unter diesem Titel gesendet hätte. Die wollten den nicht, weil sie natürlich dieses Umfeld des Begriffes fürchteten. Ich würde mal sagen, dass wir mit dem Film einen Reinigungsprozess ausgelöst haben. Aber jetzt dreht sich das auch schon wieder ein bisschen um. Vor allem im Zusammenhang mit dem Fußball. Mit nationalistischen Gefühlen, die durch Sportwettkämpfe und dergleichen in die Welt gesetzt werden, entsteht da wieder so etwas.

Edgar Reitz auf Fahrrad (AP Photo/SWR)

Edgar Reitz

Es ist auch nach der Wende in Deutschland so ein großes Fragezeichen über uns, ob wir an der Stelle des belasteten Begriffs der "Nation" irgendeinen Ersatz finden, wo wir stolz sein können oder was wir positiv besetzen können. Und da ist Heimat so an diese Stelle getreten. Was ich ein bisschen bedenklich finde, weil die meisten Diskussionen, die es über das Thema gibt, hoffnungslos provinziell sind und sich abschotten. Das steckt ja in dem Begriff "Heimat" auch drin, dass man sich abschottet nach außen. Das muss man ein bisschen vorsichtig betrachten.

Das Gespräch führte Jochen Kürten.

Redaktion: Sabine Damaschke

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