″Ein verspätetes Nikolausgeschenk″ | Wirtschaft | DW | 08.12.2017
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Brexit-Verhandlungen

"Ein verspätetes Nikolausgeschenk"

Deutsche Wirtschaftsvertreter reagieren mit einer gewissen Erleichterung auf das vorläufige Ende der Hängepartie um die Brexit-Verhandlungen in Brüssel. Auf der Insel selbst bleibt bei Unternehmen die Skepis greifbar.

"Die Einigung zwischen der EU und Großbritannien ist ein verspätetes Nikolausgeschenk", befand gleich am Freitagvormittag der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. "Denn durch den Konsens über die Austrittsbedingungen ist nun der Weg frei für die Themen, die den Unternehmen auf den Nägeln brennen."

Nun müssten wichtigen Fragen wie Zölle, Fachkräfteversorgung, Bestandsschutz für laufende Verträge bei Krediten und Versicherungen angegangen werden. "Für die deutsche Wirtschaft steht sehr viel auf dem Spiel", sagte Schweitzer. "Das Vereinigte Königreich ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner mit einem Warenumschlag von mehr als 120 Milliarden Euro im letzten Jahr."

EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte die britische Regierung am Freitag davor, die zweite Phase der Brexit-Verhandlungen zu unterschätzen. Auch wenn er zufrieden mit der Einigung zum ersten Verhandlungsabschnitt sei, stehe "die schwierigste Herausforderung noch bevor", sagte Tusk am Morgen. Die EU brauche nun "mehr Klarheit" bezüglich der britischen Vorstellungen über die künftigen Beziehungen.

Zu der von Premierministerin Theresa May vorgeschlagenen Übergangsphase nach dem Brexit im März 2019 sagte Tusk, die EU stelle dafür "natürlich Bedingungen". Denn in dieser Zeit wolle Großbritannien trotz des EU-Austritts vorerst im Binnenmarkt und der Zollunion bleiben.

Eine gute Nachricht?

Als "sehr gute Nachricht" wertet der Präsident des deutschen Ifo-Instituts, Clemens Fuest, die Einigung von Brüssel: "Nun sollte die EU ein umfassendes Freihandelsabkommen mit Großbritannien anstreben, damit die volkswirtschaftlichen Kosten des Austritts für alle Seiten begrenzt bleiben. Der Brexit wird durch wachsende Handelskosten erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten", so Fuest. Bei Freihandel könnten die zusätzlichen Kosten mehr als halbiert werden.

Ein harter Brexit sei nun erst einmal vom Tisch, vermutet Thomas Altmann, Portfoliomanager bei QC Partner:  „Die Verhandlungen über die zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen werden sicherlich nicht einfach. Aber sie beginnen - und das ist die gute Nachricht für die Wirtschaft der Euro-Zone." Der Export nach Großbritannien sei für die Euro-Zone von immenser Bedeutung.

Skepsis auf der Insel

Größere Skepsis über den Ausgang der nun beginnenden Verhandlungen scheint Unternehmen in Großbritannien zu plagen. Premierministerin Mays Bemühungen um eine Übergangsphase nach dem für März 2019 angepeilten EU-Austritt kämen einfach zu spät, heißt es. Daher müssten die Unternehmen nun umplanen und sich neu ordnen - womöglich mit weniger Mitarbeitern auf der Insel.

Auch im Industriesektor schrillen die Alarmglocken, da es angesichts niedriger Gewinnmargen riskant ist, größere Umstrukturierungen anzugehen. "Keine Firma will Jobs oder Produktion verlagern: Doch die Wirtschaft wird es tun, wenn sie es tun muss", sagt der Präsident der Industrielobby CBI, Paul Drechsler. Es müsse nun schleunigst Klarheit über eine Übergangsphase geschaffen werden: "Das brennt uns wirklich auf den Nägeln."

Der japanische Autobauer Honda, der rund acht Prozent der britischen Autoproduktion in seinem Werk in Swindon fertigt, geht auf Nummer sicher: Er erwägt, seine Lagerkapazitäten auf der Insel auszuweiten, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Aus einer großen internationalen Bank berichtet ein Insider, in einer Telefonschalte habe sich die Führungsebene auf das schlimmste Szenario vorbereitet. Es sei keine Frage mehr, dass es zu Verlagerungen von Geschäftsteilen auf den europäischen Kontinent kommen werde: "Die Frage ist nur noch, wie stark sie ausfallen werden." Die davon betroffenen leitenden Angestellten seien bereits informiert worden, dass sie umziehen müssten.

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Irland: Angst vor Brexit

ar/hb (dpa, ap, rtr)

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