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Deutschland

"Ein Völkermord war es eben nicht"

Der Bundestag will am Freitag Deutschlands Haltung zu den Armenier-Massakern vor 100 Jahren im Osmanischen Reich korrigieren. Türkische Vereine bringt das auf: Sie werfen der Politik Geschichtsklitterung vor.

Wenn der Deutsche Bundestag am Freitag die Verbrechen an den Armeniern vor 100 Jahren einem Völkermord gleichsetzt, dann sehen mehrere türkische Vereine in Deutschland das als großen Fehler an. Am Mittwoch ergriffen Vertreter der Türkischen Gemeinde Berlin und der Vereine "Dialog für Frieden" und "Gedankengut Atatürks" das Wort, um Deutschlands Politikern mangelhaftes Geschichtsverständnis vorzuwerfen. Bei dem, was sich ab 1915 im Osmanischen Reich mit den armenischen Christen abgespielt hat, habe es sich nicht um planmäßigen Völkermord gehandelt. Davon zeigt sich Ali Söylemezoglu, Vorsitzender des 15-köpfigen Vereins "Dialog für Frieden" überzeugt: "Es war ähnlich wie in einem Bürgerkrieg ein gegenseitiges Morden."

"Das Leiden des armenischen Volkes leugnet keiner"

Während in Armenien, in 20 weiteren Ländern und inzwischen auch in Deutschland die "Massaker" und "Vertreibungen" an den Armeniern vor 100 Jahren weithin als Völkermord eingestuft werden, lehnt die türkische Politik diese Bezeichnung nach wie vor ab. Auch in der türkischen Community in Deutschland spiegelt sich diese Haltung wider, sagt Bekir Yilmaz, Präsident der Türkischen Gemeinde in Berlin. "Minimum 80 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland lehnen diese Begrifflichkeit ab."

Zwar leugne niemand das Leiden des armenischen Volkes durch Deportationen, so Yilmaz. "Aber ein Völkermord war es eben nicht." Geschätzt bis zu 1,5 Millionen Armenier sollen bei den Massakern vor hundert Jahren im Osmanischen Reich ums Leben gekommen sein, also auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Auch dies halten die drei türkischen Vereine für eine Geschichtsklitterung. "Die Zahl 1,5 Millionen stimmt nicht", sagt Ali Söylemezoglu. Die wenigsten Armenier seien damals Opfer von Massakern geworden. Die allermeisten hätte damals eine große Hungersnot dahingerafft, behauptet Söylemezoglu.

"Gauck überschreitet seine Kompetenz"

Dass Papst Franziskus die Massaker und Vertreibungen an den Armeniern jüngst als den "ersten Völkermord im 20. Jahrhundert" bezeichnete, erzürnt die deutsch-türkischen Vereinsfunktionäre. "Der Papst war noch nie ein Verkünder von Wahrheiten. Im Gegenteil: Das Papsttum ist eher bekannt dafür, Wahrheiten zu unterdrücken", so Söylemezoglu.

Niyazi Öncel, Ali Söylemezoglu und Bekir Yilmaz - Foto: IPON (Imago)

Vereinsfunktionäre Öncel, Söylemezoglu und Yilmaz: "80 Prozent Ablehnung"

Wie es in Berlin heißt, könnte bei einem Gedenkgottesdienst am Donnerstagabend im Berliner Dom Bundespräsident Joachim Gauck dem Vorbild des Papstes folgen und ebenfalls von einem Völkermord an den Armeniern sprechen. Für die türkische Gemeinde ist das eine klare Grenzüberschreitung: "Wenn der Herr Bundespräsident vom Völkermord spricht, dann überschreitet das seine Kompetenz", sagt Ali Söylemezoglu. Weder Gauck noch der Deutsche Bundestag habe das Recht, ein Ereignis juristisch als Völkermord einzustufen. Nur ein Gericht habe das Recht, darüber zu urteilen.

Zum Dialog bereit

Man sei zum Dialog bereit, macht aber der Präsident der Türkischen Gemeinde Berlin, Yilmaz, deutlich. Er erhoffe sich von der deutschen Politik aber vor allem eine vermittelnde Rolle. "Die Armenier sind nicht unsere Feinde", so Yilmaz.

Er wünscht sich, dass mit deutscher Vermittlung Vertreter der türkischen und der armenischen Gemeinden in Deutschland einen Dialog beginnen. "Dann hätte die deutsche Politik wirklich etwas Gutes getan."

Bisher seien aber Gesprächsangebote stets von der armenischen Seite ausgeschlagen worden, so Bekir Yilmaz. Ein Vorwurf, der in der gleichen Form von armenischen Verbänden den türkischstämmigen Vertretern gemacht wird. Und wahrscheinlich ein Grund, warum es bislang keine armenisch-türkischen Geschichtskommissionen zu dem Thema gab.

Polenz: "Gemeinsame Schulbuchkommission"

Trotz der vielfach kompromisslosen Haltung der türkischen Vereine in Deutschland sieht der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz Bewegung in der Debatte. Die Haltung zu den Massakern an den Armeniern habe sich in den vergangenen Jahren in der Türkei viel getan, so Polenz im DW-Interview.

Ruprecht Polenz - Foto: Fredrik von Erichsen (dpa)

CDU-Außenpolitiker Polenz: "Bewegung in der Debatte"

28 türkische Städte würden jetzt eigene Gedenkveranstaltungen durchführen. Und auch die Tatsache, dass sowohl der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu wie auch Staatspräsident Recep Tayyip sich beim armenischen Volk persönlich entschuldigt hätten, müsse gewürdigt werden.

Von der Bundesregierung wünscht Polenz sich jetzt eine Politik, die auf Dialog setzt. Sein Vorschlag: eine Schulbuchkommission. "Gemeinsame Schulbuchkommissionen haben dazu beigetragen, dass jetzt in den deutschen und polnischen Schulbüchern doch für die Schülerinnen und Schüler eine sehr ähnliche Geschichtsdarstellung erfolgt", so Polenz. So etwas wünsche er sich jetzt, angestoßen von Deutschland, auch für die Türkei und Armenien.

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