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Fokus Südosteuropa

Ein Urlaub im Rausch

Bulgarien hat alles, um vom nachhaltigen Tourismus zu profitieren: Sandstrände, Naturparks, historische Schätze. Doch viele Jugendliche kommen nur aus einem Grund an die Schwarzmeerküste: Lange Partys mit viel Alkohol.

Scout in Weste mit Werbung für Freigetränke (Foto: DW)

Scouts locken mit Freigetränken

Die Straßen am Sonnenstrand, dem größten bulgarischen Urlaubsort an der Schwarzmeerküste, sind voller junger Menschen. Sie sprechen Russisch, Deutsch, Englisch, Schwedisch. Mehr als 400.000 ausländische Touristen haben im vergangenen Jahr am Sonnenstrand Urlaub gemacht. In diesem Sommer wird mit bis zu 12 Prozent mehr Touristen in Bulgarien gerechnet. Die meisten kommen aus Deutschland. Seit der Jahrtausendwende und vor allem seit dem Beitritt Bulgariens in die Europäische Union 2007 reisen vorwiegend jüngere Touristen an, die mit billigem Alkohol und synthetischen Drogen einen "berauschenden" Urlaub machen wollen. Offiziell gibt es den Alkoholtourismus am Sonnenstrand nicht, doch täglich werden Trinktours organisiert: Eine Nacht, zwei Discos, vier Bars, Freigetränk und T-Shirt. Das alles gibt es für nur 20 Euro an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Es nennt sich Bar Crawl und ist bei Jugendlichen sehr bliebt.

Bar Crawl - Alkoholtour mit open end

Menschenversammlung am Schild für Crawling-Treffpunkt am Sonnenstrand in Bulgarien (Foto: DW)

Treffpunkt für Nachtschwärmer

Es ist 22:15 Uhr. Vor einer Bar an der zentralen Promenade versammelt einer der Organisatoren solcher Bar Crawls mit Megaphon und einer Fahne circa 50 junge Menschen. Sie sind zwischen 18 und 25 Jahren und kommen aus allen Ecken Deutschlands. "Wir trinken seit früh um zehn. Wenn du mal einen guten Pegel hast, musst du schauen, dass du den hältst, dann schaffst du es auch die Woche ganz locker", erzählt ein Teilnehmer der Bar Crawl aus Würzburg, der zum zweiten Mal Urlaub am Sonnenstrand macht.

Die Gruppe geht in Richtung "Amigo", die nächste Bar auf dem dichtgepackten Programm. "Du zahlst für den Wodka hier sechs Leva, das sind drei Euro und in Deutschland zahlst du das Doppelte. Du kannst dir hier auf gut Deutsch gesagt die Lichter ausschießen", sagt er. Ein Teil des Alkohols, der in den Discos und Bars am Sonnenstrand angeboten wird, ist illegal. Immer wieder entdeckt die Polizei Bestände an Alkohol, für die keine Steuern bezahlt wurden. Man geht vorbei an vollen Mülleimern, leere Flaschen und Dosen quellen schon über. Die Musik aus den Bars, Restaurants und Discos ist ohrenbetäubend. Es wird gesungen, gebrüllt, getrunken. Hoteliers und Eigentümer am Sonnenstrand fordern deshalb von den Disco- und Barbetreibern, dass laute Musik nur bis Mitternacht gespielt wird.


"An einem Punkt machen sie alle mit"


Feiernde Menschenmassen vor einer Strandbude am Sonnenstrand in Bulgarien (Foto: DW)

Partytime bis zum Abwinken am Sonnenstrand

Bar Crawls werden täglich am Sonnenstrand organisiert. "Wir haben drei deutsche Bartours pro Woche: montags, mittwochs und samstags. Sie fangen um viertel vor acht an. Die Leute bekommen einen Shot umsonst und für die T-Shirts, die sie bekommen, haben sie freien Eintritt. Die ganze Nacht machen wir Wettbewerbe: Jungs gegen Mädchen, Trinkwettbewerbe, Stripwettbewerbe, Kusswettbewerbe. Also alles. Immer Entertainment. Die ganze Nacht lang", sagt Chris aus Münster. Er war im vergangenen Jahr als Tourist am Sonnenstrand. In diesem Sommer arbeitet er für den Veranstalter der Bar Crawls. Er möchte, "definitiv nächstes Jahr nochmal kommen".

In der nächsten Bar wird ein Stripwettbewerb organisiert. Wer Bereitschaft zum Ausziehen zeigt, der kriegt ein Glas Wodka umsonst. "Die meisten machen mit. Also es kommt drauf an, wie betrunken sie sind. An einem Punkt machen sie aber alle mit. Manche machen es aus Spaß, manche, weil sie betrunken sind und andere weil die wissen, dass der Gewinner einen Cocktail umsonst kriegt", sagt Chris. Der Alkohol in den Bars sei aber schlechter geworden im Vergleich zum vergangenen Sommer. In den Läden kriege man besseren, erzählt ein anderer Bar Crawl Teilnehmer mit einer Flasche Bier aus dem Supermarkt. "Aber was ist schon die Qualität, wenn die Quantität stimmt", sagt er.

Am Morgen danach


Vier junge Männer tanzen auf einem Hotelbalkon (Foto: DW)

Balconing in der Spaßphase

Die Alkoholtouristen halten auch das medizinische Personal vor Ort auf Trapp. "Die Urlaubsaison ist für uns sehr intensiv. In den meisten Fällen behandeln wir Patienten, die in Folge von Alkoholkonsum qualitative Veränderungen des Bewusstseins haben, also sehr euphorisch sind. Sie können auch aggressiv werden und stellen somit eine Gefahr für die Mitmenschen dar", sagt Nigohos Topuzyan, Chef der Notaufnahme in Burgas. Er und sein Team sind für die Gemeinde Burgas, in der auch der Sonnenstrand liegt, verantwortlich. "Es gibt aber auch schwere Fälle, wo bis zu 500 Gramm an konzentriertem Alkohol getrunken wurde. Wir haben auch Kinder im Teenager-Alter, bei denen können bereits geringe Mengen Alkohol fatale Folgen haben. Wir hatten in diesem Sommer leider auch einen tödlichen Unfall gehabt." Ein 17-Jähriger ist in Folge von Alkoholmissbrauch vom Balkon eines mehrstöckigen Hotels tödlich verunglückt. Weinige Tage früher in einer anderen Urlaubsregion in Bulgarien ist ein weiterer Tourist gestorben. Auch in Folge eines Sturzes von einem Hotelbalkon und unter dem Einfluss von Alkohol. In den bulgarischen Medien ist die Rede von einer Partyart namens Balconing: Junge Menschen springen von den Balkons der Hotels in den Schwimmpool oder auch von einem Balkon auf den anderen. Eine rein bulgarische Erfindung ist dieses Balconing jedoch nicht. Und ganz neu ist dieser "Partytrend" auch nicht. Schon im vergangenen Jahr haben deutsche Medien über Todesfälle in Folge von Balconing auf Mallorca und Ibiza berichtet.


Imagewechsel notwendig


"Wir müssen den Alkoholtourismus durch einen Kulturtourismus ersetzen", sagt der bulgarische Kultusminister Vezhdi Rashidov. Das Land schafft es aber nicht, seine kulturellen Schätze zu vermarkten und einen nachhaltigen Tourismus zu entwickeln. Wenig bekannt sind Sehenswürdigkeiten wie das Rila-Kloster aus dem 10. Jahrhundert, die Felsen von Belogradchik oder Perperikon - eine heilige Stätte der Thraker. Dagegen steht Bulgarien im Ausland für ein billiges Reiseziel, wo junge Menschen unbeschränkt und für wenig Geld viel trinken können. Die Stimmen für einen Imagewechsel des Urlaubslandes werden aber lauter: Sogar die Eigentümer der Hotelanlagen am Sonnenstrand wollen nun dem Alkoholtourismus ein Ende setzten.

Autorin: Rayna Breuer
Redaktion: Mirjana Dikic

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