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Sport

Ein unerwartet gutes Jahr für die Leichtathletik

Neun Medaillen bei der Heim-WM können sich sehen lassen. Zu Jahresbeginn überrascht Sebastian Bayer mit einem Rekordsprung und immer wieder gibt es Diskussionen um ehemalige DDR-Trainer.

Steffi Nerius jubelt nach Gewinn der Goldmedaille im Speerwurf (Foto: AP)

Krönender Abschluss WM-Gold - Steffi Nerius jubelt

Deutschlands Leichtathleten hatten in diesem Jahr vor allem ein Ziel: bei der Heim-WM in Berlin gut abschneiden. Am eindrucksvollsten gelang dies Speerwerferin Steffi Nerius, für die 2009 das beste Jahr ihrer 16-jährigen Karriere werden sollte. Als deutsche Meisterin zu den Weltmeisterschaften angereist, durfte sie zum Abschluss ihrer Laufbahn den größten Erfolg feiern. Mit 67,30 Metern holte sie sich den WM-Titel und konnte ihr Glück kaum fassen. "Das ist unglaublich", sagte sie. "Ein Traum, hier vor heimischem Publikum, mit allen Freunden und der Familie zu gewinnen. Das ist der Hammer!"

Robert Harting zerreist sein Trikot (Foto: AP)

Robert Harting feiert seine Goldmedaille

Überhaupt waren es - wie schon traditionell - die Werfer, die der Heim-Weltmeisterschaft in der Hauptstadt aus deutscher Sicht zu Glanz verhalfen. Neben Nerius gelang auch Diskuswerfer Robert Harting der Sprung ganz nach oben aufs Treppchen. Der Berliner machte es vor seinem Heimpublikum allerdings wahnsinnig spannend. Erst im letzten Versuch gelang ihm der Goldwurf. "Das ist so ein Wurf, der klappt oder er klappt nicht. Ich habe alles reingelegt und es hat funktioniert", sagte Harting anschließend. Ralf Bartels holte im Kugelstoßen der Männer Bronze, Nadine Kleinert bei den Frauen Silber. Gleiches gelang Betty Heidler im Hammerwerfen. Außerdem sorgten Hochspringer Raul Spank, Siebenkämpferin Jennifer Oeser für Silber, Hochspringerin Ariane Friedrich und die 4 x 100 Meter Staffel der Damen holten Bronze.

Unglaublicher Bolt, enttäuschte Issinbajewa

Usain Bolt feiert (Foto: AP)

Usain Bolt - Mann der WM

Für den absoluten Höhepunkt der WM sorgte Jamaikas Übersprinter Usain Bolt. In nur 9,58 Sekunden erledigte Bolt über die 100-Meter-Strecke seine Arbeit. Damit pulverisierte er seinen eigenen Weltrekord und hinterließ das Olympiastadion in einer Art euphorischer Schockstarre, denn ein solches Rennen hatte die Welt noch nie gesehen. Dabei war es erst der Auftakt für die Bolt-Show. Auch über die doppelte Distanz siegte er in Weltrekordzeit und diesmal sah es wirklich so aus, als müsste er sich anstrengen. 19,19 Sekunden stehen jetzt über 200 Meter in den Rekordbüchern.

Mit der jamaikanischen 4x100-Meter-Staffel holte Bolt erneut Gold und wurde zum erfolgreichsten Athleten der WM. Anschließend lobte er die Wettkämpfe in der deutschen Hauptstadt: "Mir hat es in Berlin sehr gut gefallen. Ich habe es genossen und bin sehr stolz auf meine Leistung." Der Bolt der Langstrecke heißt Bekele. Der Äthiopier gewann wie schon bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking das Double über 5000 Meter und 10.000 Meter. Neben den zwei Bestzeiten von Superstar Usain Bolt schaffte die Hammerwerferin Anita Wlodarczyk den dritten Weltrekord in Berlin. Die Polin schleuderte ihr Gerät auf 77,96 Meter.

Die größte Enttäuschung musste Topfavoritin Jelena Issinbajewa im Stabhochsprung verarbeiten. Sie brachte keinen gültigen Versuch zustande und wurde Letzte. Ein Ergebnis, das sich die Russin vor dem Wettkampf nicht einmal vorstellen konnte. "Ich habe dafür überhaupt keine Erklärung", bemerkte sie enttäuscht.

Positive Bilanz

Sabrina Mockenhaupt vor dem Brandenburger Tor (Foto: AP)

Die Marathonstrecke endete am Brandenburger Tor

Trotz arger Probleme beim Ticketverkauf im Vorfeld, waren die Titelkämpfe in Berlin sportlich und organisatorisch ein Erfolg. Mit den am Brandenburger Tor ausgetragenen Geh- und Marathonwettbewerben wurde die WM ins Herz der Stadt getragen. Die Zuschauer entlang der Strecke und im Olympiastadion sorgten an fast allen Wettkampftagen für Gänsehautatmosphäre.

Erfolgreichste Nation waren wieder einmal die USA mit zehn Gold-, sechs Silber- und sechs Bronzemedaillen vor Jamaika (7/4/2). Die deutsche Mannschaft landete auf Rang sechs (2/3/4). Darauf hatten vor WM-Beginn nur wenige zu hoffen gewagt. Und so zog denn DLV-Präsident Clemens Prokop auch ein positives Fazit: "Die WM war ein Moment des Aufbruchs der Leichtathletik in unserem Land", sagte er.

Gute Frühform

Sebastian Bayer in Turin (Foto: AP)

Sebastian Bayer in Turin

Bereits im Frühjahr hatte Weitspringer Sebastian Bayer die internationale Konkurrenz aufhorchen lassen. Bei der Hallen-EM in Turin gelang ihm ein Satz auf 8,71 Meter – persönlicher Rekord, Deutscher Rekord, Europarekord. "Ich weiß selbst nicht, wie das geht", sagte Bayer nach dem Wettkampf. "Ich habe bisher immer gesagt, höchstens 8,50 Meter sind sauber möglich." Leider konnte der damals 22-Jährige die großen Erwartungen, die sein Sprung von Turin ausgelöst hatte, bei der WM in Berlin nicht erfüllen. Gehandicapt durch eine Fußverletzung schied er schon im Vorkampf aus. Ein Trost: Gemeinsam mit seiner Freundin, der Hürdensprinterin Carolin Nytra wurde Bayer schon vor der WM zum Leichathletik-Traumpaar erkoren und durfte sich auch ohne herausragende Leistung in Berlin über reges Medieninteresse freuen.

Dauerthema DDR-Trainer

Vor, während und nach der WM beherrschte vor allem eine Frage die deutsche Leichtathletik: Wie soll man mit den Trainern umgehen, die schon vor der Wende im DDR-System tätig waren und heute beim DLV beschäftigt sind? Welche Rolle hatten die Trainer damals? Ein verzwicktes Problem, nachdem 20 Jahre lang keine offene Aufarbeitung stattgefunden hat. Anfang des Jahres schlug der Fall des entlassenen Leichtathletiktrainers Werner Goldmann hohe Wellen. Goldmann war Ende 2008 vom DLV entlassen worden, nachdem der ehemalige Kugelstoßer Gerd Jacobs ihn beschuldigt hatte, ihm zu DDR-Zeiten das Dopingmittel Oral-Turinabol verabreicht zu haben. In einer Ehrenerklärung an den DLV hatte Goldmann dies bestritten.

Goldmann zog vor Gericht und klagte auf Weiterbeschäftigung. Mit Erfolg: Heute ist er offiziell wieder beim DLV beschäftigt, als Disziplintrainer für das Diskuswerfen der Frauen. Allerdings zunächst nur befristet bis 2012. Genau wie fünf weitere ehemalige DDR-Leichtathletiktrainer sicherte er sich seine Weiterbeschäftigung mit einer gemeinsamen Erklärung, in der die Trainer ihre Schuld eingestanden, sich bei den Opfern entschuldigten und sich zu einem dopingfreien Sport bekannten.

Für DDR-Dopingopfer eine unbefriedigende Situation, die von Goldmanns Schützling Robert Harting bei der WM in Berlin noch angeheizt wurde: Als die Doping-Opfer der früheren DDR gegen den Umgang mit der Dopingproblematik im Sport protestieren, indem sie vor dem Berliner Olympiastadion geschlossene Brillen mit der Aufschrift "Ich will das nicht sehen" verteilten, kommentierte Harting dies mit den Worten: "Wenn mein Diskus aufkommt, soll er gleich Richtung Brillen springen, damit die wirklich nichts mehr sehen."

Autor: Andreas Ziemons
Redaktion: Jens Krepela

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