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Alemannisch

Ein umstrittener Alemanne

Martin Walser ist einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. In über fünfzig Jahren schrieb er ein umfangreiches Werk an Romanen, Novellen, Theaterstücken, Hörspielen, Reden und Aufsätzen.

Geboren wurde Martin Walser am 24. März 1927 als Sohn eines Gastwirts in Wasserburg am Bodensee. Als Zehnjähriger verlor er den Vater. Früh musste er der Mutter in der Gastwirtschaft helfen. Nach dem Abitur kämpfte er ab 1943 im Zweiten Weltkrieg, zunächst als Flakhelfer, später ging es zum Militär.

Preise, Preise, Preise
Nach dem Krieg arbeitete er in Stuttgart beim Süddeutschen Rundfunk als Reporter, Regisseur und Hörspielautor. 1955 veröffentlichte er den Erzählband "Ein Flugzeug über dem Haus". Für die darin enthaltene Geschichte, "Templones Ende", erhielt Walser 1955 den Preis der legendären "Gruppe 47".

Martin Walser

Für seinen ersten Roman "Ehen in Philippsburg" bekam er 1957 den Hermann-Hesse-Preis. Bis heute folgten unzählige weitere Auszeichnungen und Ehrungen, darunter der Orden "Pour le mérite" oder der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Mit seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises wurde Walser allerdings auch zu einem der umstrittensten Autoren der Gegenwart.

Die Grenzen des guten Geschmacks
Darin hatte er eine angebliche "Instrumentalisierung von Auschwitz" und eine ständige Thematisierung des Holocaust als "Moralkeule" kritisiert. Dies brachte ihm von Ignaz Bubis, dem früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, den Vorwurf der "geistigen Brandstiftung" und des "latenten Antisemitismus" ein.

2002 bestimmte Walser erneut die Schlagzeilen. Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, verweigerte einen Vorabdruck von Walsers Roman "Tod eines Kritikers" in der FAZ und warf dem Autor Antisemitismus vor.

Walser verteidigte sein Werk, das lediglich als Komödie über den laufenden Kulturbetrieb gedacht gewesen sei. Im Verlauf der Debatte räumte er später "geschmacklose Stellen" ein. Die Grenzen des guten Geschmacks, darauf bestand Walser, habe er jedoch insgesamt eingehalten.

Martin Walser auf einem Stuhl am Seeufer

Unumstritten Alemannisch
Auch wenn Walser als Autor und Person umstritten ist; unumstritten ist sein Engagement für die alemannische Mundart, für das er 2002 den Alemannischen Literaturpreis erhielt. Bei allem Engagement beklagte Walser schon vor Jahren einen Niedergang seines Alemannischen:

Bemerkungen über den Dialekt

"Der Ableger des Alemannischen, den ich als meine wirkliche Muttersprache bezeichnen muss, ist gerade jetzt im Erlöschen begriffen. Dieser Prozess ist unumkehrbar. Falls einer aber hängt an so einem Dialekt, den er nach einigen unausbleiblichen Umzügen und Todesfällen nur noch für sich hat, muss er ihn pflegen im Monolog.

Mit der Zeit verliert man dann auch den Mut und die Unbefangenheit, man verlässt sich nicht mehr darauf, dass man diese lautempfindlichste Sprache noch kann. Man denkt sie nur noch. Hört sie nur noch mit einem Ohr, das tief im Kopf versteckt ist.

Das soll nicht heißen, dass es etwa Mühe mache, so einen Dialekt inzüchtig am Leben zu erhalten. Das überhaupt nicht. Dieser Dialekt, als die erste Sprache, hat sich offenbar auf alle Sinne ausgewirkt, er ist, selbst wenn man ihn nie mehr sprechen kann, das äußerste Gegenteil einer toten Sprache.

Alle Sprachen, die man nach ihm noch lernt und kennenlernt, werden durch ihn gerichtet: er als die erste Sprache besitzt Ohr und Zunge und alle willkürlich und unwillkürlich zusammenarbeitenden Muskulaturen des Ausdrucks und des Schweigens. Da man diese Muttersprache also keinesfalls loswird, beginnt man sich zu fragen, ob sie eine Hemmung sei, eine andauernde Ausdrucksbeschwernis und Langsamkeit oder ob man ihr auch etwas zu verdanken habe."

Walser, Martin (1967): Bemerkungen über unseren Dialekt. In: Walser, Martin (1967): Dichten und Trachten 21. Frankfurt, S. 44-50.

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