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Europa

Ein trojanisches Pferd

Vom Vorkriegs-Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Bosnien ist nicht viel übrig geblieben. Hinzu kommt ein neues Problem: Bosniens europäisch geprägter Islam ringt mit dem Fundamentalismus aus Arabien.

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Quo vadis Bosnien-Herzegowina?

Die US-Botschaft in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo ist mit hohen Betonmauern abgeschirmt. Dutzende Polizisten sind im Einsatz, um mögliche Eindringlinge früh abzuwehren. Zwei Mal wurde die diplomatische Vertretung mit Hinweis auf drohende Anschläge islamistischer Terroristen geschlossen, während mehrere Gruppen von Arabern festgenommen wurden.

Seit dem 11. September 2001 hat Washington den Balkan-Staat im Visier. Ein Netzwerk aus extremistischen Kontaktleuten soll im Untergrund an der Finanzierung islamistischer Terror-Gruppen beteiligt sein. Die meisten bosnischen Moslems fühlen sich jedoch seit dem Ende des Balkankrieges 1995 den USA in großer Dankbarkeit verbunden.

Fundamentalisten im Aufwind

Es ist es nicht zu übersehen: Der traditionell liberale islamische Glaube in Bosnien hat ein früher unbekanntes Gesicht bekommen. In helle Gewänder gekleidete junge Männer mit langen Bärten begleiten schwarz verschleierte Frauen durch die Straßen der Hauptstadt Sarajevo. Sie stehen in krassem Gegensatz zur ansonsten westlich geprägten bosnischen Jugend.

"Es gibt nur einen Islam. Es gilt, was geschrieben ist", sagt ein junger Bosnier vor der neuen Groß-Moschee. Die Moschee und ein Kulturzentrum sind mit saudischen Millionen in der Neustadt von Sarajevo zwischen Hochhäusern errichtet worden. Vielerorts in Bosnien sind solche neuen Moscheen entstanden. So folgt der humanitären Hilfe im Krieg (1992-1995) und der militärischen Unterstützung durch mehrere hundert Mujaheddin-Kämpfer jetzt der Versuch, die Saat für einen anderen Islam in Europa zu legen.

In der von Misstrauen geprägten Atmosphäre ist der junge Mann nur zum Gespräch bereit, weil er mehrere Jahre als Flüchtling in Deutschland gelebt hat. An die Stelle des seit Jahrhunderten praktizierten liberalen Glaubens in Bosnien ist bei ihm die strenge Interpretation der Wahabiten, der Anhänger einer puritanischen Bewegung innerhalb des Islam, getreten.

Der Islam und seine lange bosnische Geschichte

Doch die Vertreter des traditionellen bosnischen Islam reagieren skeptisch. "Man kann hier keine Palme aus Saudi-Arabien einpflanzen oder einen bosnischen Pflaumenbaum in Arabien setzen", sagt Professor Ismet Busatlic von der Fakultät für islamische Wissenschaften in Sarajevo. "Niemand hat das Recht von den Leuten zu verlangen, die Kleider der Wüste zu tragen."

Der islamische Glaube wurde in Bosnien ab 1463 mit der Eroberung durch türkische Truppen übernommen. Auf dem Höhepunkt seiner Machthat das Osmanische Reich eine vergleichsweise liberale Praxis verbreitet. Im engen Zusammenleben mit Christen und Juden hat sich über die Jahrhunderte eine Glaubensschule etabliert, die auch ein religiöses Alkoholverbot augenzwinkernd aufhebt. "In Bosnien wurde erstmals ein europäisches System in islamische Institutionen übertragen", sagt Busatlic.

Im Jahr 1882 habe mit dem Kaiser Österreichs erstmals eine christliche Macht den religiösen Führer der bosnischen Moslems ernannt. Der Professor sagt: "Die bosnischen Moslems wissen seit dem Mittelalter, ihre Vision der Welt zu verteidigen. Dieser Islam hatte niemals ein Problem mit Europa." (dpa/arn)

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