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Kultur

Ein Treffen mit Günter Grass

Weniger Schlagzeilen, mehr Inhalt – das forderte Nobelpreisträger Günter Grass beim Jahrestag der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. Mit erhobenem Zeiger las er den Journalisten die Leviten.

Günter Grass mit Deutsche Welle Journalistinnen Naomi Conrad und Rachel Baig (Foto: DW)

Grass mit DW-Journalistinnen Naomi Conrad und Rachel Baig

Eigentlich ist er genauso, wie man ihn von Fotos kennt: Günter Grass steht wie ein Staatsmann vor dem Rednerpult, vor ihm seine Notizen, und spricht über die Lage des Journalismus in Deutschland. Im Saal sitzen wir, die Zuhörer, und lauschen andächtig. Der Raum ist überfüllt, wer keinen Stuhl mehr bekommen hat, muss mit dem Fußboden Vorlieb nehmen. Am Rand stehen große Kameras, die Jüngeren filmen das Ganze zusätzlich mit ihren Handykameras.

Was der Journalismus alles anrichtet

Günter Grass nimmt kein Blatt vor den Mund. "Interessant geht bei Ihnen vor relevant" – so lautet einer seiner Hauptkritikpunkte. Die Journalisten – also wir – konzentrierten sich nicht auf das Wesentliche, sondern würden Wörter, Sätze, ja ganze Absätze damit verschwenden, über die Farbe seiner Schuhe zu schreiben und der Frage nachzugehen, ob diese zu seiner Hose passten. Das sei einfach die Praxis - und nicht nur bei seiner Hose: "Der Journalismus lebt von der Hand in den Mund, zehrt von Sensationen", mahnt er mit gefühlt hoch erhobenem Zeigefinger. Soll heißen, Schlagzeilen seien wichtiger als kritische Hintergrundberichte, etwa zum Klimawandel, zur missratenen Bundeswehrreform oder aber zur Macht der Pharmakonzerne und Lobbyisten. Diese mag Günter Grass gar nicht und geht so weit, dass er eine Sperrmeile um den Bundestag fordert. "Keine schlechte Idee", scherzt ein Sitznachbar auf dem Boden, ebenfalls ohne Stuhl.

Dann kommt er zurück zum Journalismus: Den Tageszeitungen wirft Günter Grass Boulevardisierung vor – und den jungen Journalisten mangelnde Unabhängigkeit und Beamtendenken. Wir junge Journalisten, die viele Praktika, Studium und Volontariat hinter und wohl befristete Verträge vor uns haben, sind etwas irritiert.

Die Systemfrage

Missstände in der Gesellschaft sieht Günter Grass viele: Die Demokratie, deren Wert seine Generation erst so mühsam hätte erlernen müssen, werde vom ungezügelten Kapitalismus, wachsenden Schuldenbergen und den Banken bedroht. Angesichts deren Macht hätten die Politiker die soziale Marktwirtschaft allzu leichtfertig aufgegeben, die sozialen Klassen drifteten auseinander. Das Ergebnis: "Die Bürger wenden sich von der Demokratie ab." Mit daran schuld seien die Journalisten, die nicht genug hinterfragten, zu wenig Kritik äußerten. Er wolle zwar keine Revolution ausrufen, dafür aber die Systemfrage stellen. Währenddessen meint ein Radiojournalist, ebenfalls ohne Stuhl, Günter Grass habe eine wunderschöne Stimme, um Gutenachtgeschichten zu lesen. Er scheint wenig beeindruckt davon, dass er, laut Grass, den Sturz der Demokratie mitzuverantworten hat. Ein anderer twittert lakonisch: "Grass möchte nicht die Revolution ausrufen. Schade eigentlich!"

"Habe ich übertrieben? Wenn ja, dann nicht stark genug", poltert Grass weiter. Genannt habe er nur einige der Blindstellen, die Journalisten übersähen. Man merkt, er würde noch gerne einige hinzufügen, um die Zuhörer wirklich dahin zu bringen, ihre Arbeit kritisch zu hinterfragen. Er könne uns noch von der Macht der Konzerne im Bereich der Presse erzählen oder den langweiligen Talkshows, sagt er. Unterlässt es dann aber. "Sie haben uns aus der Seele gesprochen, Herr Grass", so ein andächtiger Zuhörer später. "Na, dann habe ich etwas falsch gemacht", erwidert Grass, etwas unwirsch. Ein Lachen geht durch den Raum.

Nach dem Ende der Veranstaltung geht Günter Grass hinaus in den tröpfelnden Hamburger Regen. Er steigt in das wartende Taxi, die Pfeife in der Hand, die Schuhe passen zur Hose. Das mag nur ein Detail sein, das dem Nobelpreisträger wohl nicht gefallen würde. Aber es ist einfach zu interessant, um nicht relevant zu sein. Oder?

Autorin: Naomi Conrad
Redaktion: Petra Lambeck